Betrugssoftware kommt offenbar aus Ingolstadt

Ist Audi die Mutter des Volkswagen-Skandals?

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Audi-Chef Rupert Stadler: Sein Unternhemen rückt zunehmend ins Zentrum des Diesel-Betrugs.

Wolfsburg/Ingolstadt - Fast täglich kommen neue Details über die Rolle der VW-Tochter Audi im Skandal um manipulierte Abgaswerte beim Volkswagen-Konzern ans Licht. Die tz sortiert die Enthüllungen rund um die Beteiligung Audis

Für Audi-Chef Rupert Stadler kommt es derzeit knüppeldick. Fast täglich kommen neue Details über die Rolle der VW-Tochter Audi im Skandal um manipulierte Abgaswerte beim Volkswagen-Konzern ans Licht. Die zur internen Aufarbeitung angeheuerten Anwälte der US-Kanzlei Jones Day gehen mittlerweile offenbar sogar davon aus, dass sich die „Wiege des VW-Skandals“ nicht in Wolfsburg, sondern in Ingolstadt befindet. Audi-Techniker hätten die Idee zum Betrug gehabt – nicht ihre Kollegen in der VW-Zentrale.

Die tz sortiert die Enthüllungen rund um die Beteiligung Audis und sagt, welche Rolle Firmenchef Rupert Stadler in dem Skandal spielen könnte:

Steht die Wiege des VW-Abgasskandals in Ingolstadt?Offenbar – und das in gleich mehrfacher Hinsicht. Bereits 1999 sollen Audi-Ingenieure die Idee für eine Schummelsoftware entwickelt haben, die erkennt, ob ein Auto auf der Straße unterwegs ist oder auf dem Prüfstand die Abgaswerte kontrolliert werden. Scharf geschaltet wurde diese Software dann aber nicht, damals reichten noch legale Mittel, um die Grenzwerte einzuhalten. Erst als die USA verschärfte Grenzwerte einforderte, wurde die Ingolstädter Idee wieder aus der Schublade hervorgezaubert.

Hatte Audi danach noch mit dem Abgasskandal zu tun?  Lange hatten sie im VW-Konzern bestritten, dass auch die anderen Marken von dem Betrug gewusst hatten – auch weil gerade Audi ein wichtiger Ertragbringer für den gesamten Konzern ist. Diese Version der Geschichte ist mittlerweile allerdings kaum noch zu halten. Die VW-Ermittler der US-Kanzlei Jones Day fanden offenbar zahlreiche Unterlagen, die den Betrug belegen sollen und Audi ins Zentrum des Skandals rücken. Besonders brisant: eine E-Mail aus dem Jahr 2007. Nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung habe darin ein Audi-Ingenieur an einen größeren Kreis von Audi-Managern mit Blick auf die strengen Abgaswerte in den USA geschrieben: „Ganz ohne Bescheißen“ werde man es nicht schaffen. Daraufhin seien immer mehr Hinweise aufgetaucht, die zeigen, wie stark Audi in den Betrug verwickelt war. So sollen die Audi-Ingenieure den Betrug bei VW maßgeblich begleitet und unterstützt haben. Audi gelte mittlerweile im Konzern als die „Mutter des Betrugs“.

Wie reagiert Audi?Zu den konkreten Vorwürfen nehmen die Ingolstädter keine Stellung. Ein Audi-Sprecher erklärt lediglich, das Unternehmen unterliege einem Schweigegebot des US-Richters Charles Breyer. Personelle Konsequenzen hat das Unternehmen aber bereits gezogen: Vier hochrangige Motoren-Entwickler des Unternehmens seien beurlaubt worden, weil sie eine illegale Software für den Drei-Liter-TDI-Dieselmotor entwickelt oder davon gewusst haben sollen, so das Recherchenetzwerk. Darunter sei der bisherige Entwicklungsvorstand Stefan Knirsch. Zwar bestreite er die Vorwürfe, die Beweise seiene aber „erdrückend“.

Was wusste Audi-Chef Rupert Stadler?  Er galt lange als einer der wenigen VW-Top-Leute, die nichts mit dem Abgasskandal zu tun hatten. Stadlers Glück war, dass der damalige VW-Chef Martin Winterkorn und dessen Vertrauter Ulrich Hackenberg ihn bei der Motorenentwicklung weitgehend außen vor ließen. Die beiden Ingenieure hatten dem Betriebswirt Stadler nicht genügend Autokompetenz zugebilligt. Jetzt musste allerdings auch Stadler vor den Anwälten der Kanzlei Jones Day aussagen, die für Volkswagen Licht ins Dunkel der Affäre bringen sollen. Zwar habe es sich um einen langfristig anberaumten Termin gehandelt, er fällt aber zusammen mit neuen Vorwürfen gegen Stadler. Wie Spiegel online meldet, geben Zeugen an, der Audi-Chef habe bereits im Jahr 2010 von den Manipulationen Kenntnis bekommen.

Wie soll Stadler von den Manipulationen erfahren haben?Die schlechten Abgaswerte einiger Audi-Modelle waren im Konzern ein offenes Geheimnis. Das Handelsblatt berichtet aus einer Vorlage für eine interne Präsentation aus dem Jahr 2010. Darin legen Techniker detailliert die Schwächen der Audi-Fahrzeuge bei der Abgasreinigung offen. Ihre Empfehlung: Der Vorstand solle regelmäßig über die Ergebnisse bei der Behebung der Probleme unterrichtet werden. Beweise für eine konkrete Mitwisserschaft oder gar eine Beteiligung Stadlers am Diesel-Betrug haben die Anwälte dem Vernehmen nach aber wohl nicht.

So stehen die Dinge beim Diesel-Betrug

Vor einem Jahr ist der Diesel-Betrug im VW-Konzern bekannt geworden, seitdem ist bei Deutschlands größtem Autobauer einiges in Bewegung gekommen. Die tz sagt, was derzeit Stand der Dinge ist:

Rückrufe: Bei weltweit elf Millionen Autos hat Volkswagen seine Betrugssoftware eingebaut. Die Rückrufe in Deutschland und der EU kommen allerdings noch nicht in die Gänge. Gegenüber der EU-Kommission hat sich VW jetzt dazu verpflichtet, „bis Ende 2016“ alle betroffenen Kunden zu informieren und „bis Herbst 2017 alle Autos zu reparieren“. Bei Motoren mit 1,6-Litern Hubraum werden neben einem Software-Update Strömungsgleichrichter eingebaut, bei 2,0-Liter-Motoren reicht ein Update der Motorsteuerungssoftware.

US-Justiz: Volkswagen hat sich in den USA zur Zahlung von 14,7 Milliarden Dollar bereit erklärt. Das Gros ist zur Entschädigung von Autobesitzern vorgesehen. Der Vorschlag bezieht sich auf Zwei-Liter-Autos. US-Richter Charles Breyer prüft diesen Vergleich derzeit; für manipulierte Drei-Liter-Autos muss der Autobauer dem Richter bis zum 24. Oktober Lösungen vorlegen.

Klagen in Deutschland: Auch hierzulande hat der Abgas-Skandal ein gerichtliches Nachspiel: So ist die Zahl der Schadenersatz-Klagen von Anlegern in Deutschland auf rund 1400 gestiegen. Insgesamt fordern die Kläger etwa 8,2 Milliarden Euro von dem Autobauer, teilte das Landgericht Braunschweig am Mittwoch mit. Die Anleger verlangen einen Ausgleich für die hohen Kursverluste.

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