Branche in der Bredouille

Brexit: Deutsche Autobauer werden unruhig

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BMW könnte ein Brexit besonders hart treffen.

München - Großbritannien ist der drittgrößte Exportmarkt für die deutsche Autoindustrie. Keine Branche würde stärker leiden, wenn am Ärmelkanal Handelsschranken entstünden und das Land in die Rezession rutschte. Aber die Hersteller plagt noch eine viel größere Sorge.

Update vom 20. Juni 2016: Am Donnerstag stimmt Großbritannien über den Verbleib in der EU ab. Alle aktuellen Infos finden Sie in unserem News-Blog zum Brexit.

Bei einem EU-Austritt der Briten beginnt für die deutsche Autoindustrie eine gefährliche Wegstrecke. Auf der Insel dürften in diesem Fall Umsätze in Milliardenhöhe wegbrechen. „Wir sehen diese Branche dann in der Bredouille“, sagt BayernLB-Volkswirt Manuel Andersch. Vor allem BMW ist betroffen: Die Münchner verkaufen nicht nur mehr Autos im Vereinigten Königreich als Audi und Mercedes, sie haben auch noch vier Werke in England.

Das größte Risiko droht allerdings auf dem Kontinent. Ein Brexit träfe die gesamte deutsche Exportwirtschaft, aber „die deutsche Automobilindustrie an allererster Stelle“, betont der Geschäftsführer der britischen Handelskammer in Deutschland, Andreas Meyer-Schwickerath. Jeder siebte Wagen aus einer deutschen Autofabrik wird nach Großbritannien ausgeführt. Das Land ist nach China und den USA der drittgrößte Exportmarkt für die deutsche Autoindustrie.

Rechnung: Oberklasse-Hersteller verkaufen 20 Prozent weniger Autos

BMW hat dort im vergangenen Jahr 236 000 Autos verkauft - das waren mehr als 10 Prozent des weltweiten Absatzes. Bei Audi waren es 9, bei Mercedes 8, beim VW-Konzern insgesamt 6 Prozent.

„Großbritannien ist für die Autohersteller ein interessanter, lukrativer Markt, der stark gewachsen ist“, sagt Gerhard Wolf, Chef der Auto-Analysten bei der Landesbank Baden-Württemberg. Aber im Brexit-Fall sehen die meisten Volkswirte Großbritannien in die Rezession rutschen. „Das Pfund wird deutlich nach unten rauschen, um 10 bis 15 Prozent“, sagt Andersch. Importe würden teurer.

Die Landesbank in Stuttgart macht folgende Rechnung auf: Die Oberklasse-Hersteller verkaufen in Großbritannien 20 Prozent weniger Autos. Ihre Gewinnmarge, die dort höher ist als in Frankreich oder Italien, kommt massiv unter Druck. Und ihr Betriebsgewinn könnte um 4 bis 8 Prozent sinken, sagt Wolf. Ein Rückschlag, aber verkraftbar.

BMW besonders betroffen

Der BMW-Konzern exportiert jedoch nicht nur Autos aus München, Dingolfing und Regensburg nach England. Er baut dort auch jährlich mehr als 200 000 Mini- und 4000 Rolls-Royce-Modelle.

Alle 68 Sekunden rollt im Werk Oxford ein Mini vom Band. Wenige Tage vorher noch kann der Kunde seine Bestellung ändern, Farbe, Motor, Ausstattungswünsche korrigieren. Die erforderlichen Teile werden „Just in time“ angeliefert - das spart Lagerkosten, erfordert aber ein ausgeklügeltes und zuverlässiges Netzwerk von Zulieferern.

Die 350 Mini-Zulieferer sind über die ganze Welt verstreut, nicht einmal die Hälfte der Bauteile stammt aus Großbritannien. Unterschiedliche Standards, Handelsschranken, bürokratische Verzögerungen und Zölle sind da ganz schlecht.

BMW produziert in England außerdem Bauteile für seine Stammmarke. Das Karosseriewerk Swindon presst Bleche nicht nur für den Mini, sondern auch für den 2er BMW, und das Motorenwerk Hams Hall bei Birmingham liefert die Benzinmotoren für den BMW i8 nach Leipzig.

Die Werke in England seien für BMW „durchaus ein Vorteil“, sagt Wolf. Denn wenn das Pfund einbricht, werden zwar die Zulieferungen aus der EU teurer - aber die örtlichen Produktionskosten sinken, und 80 Prozent der Minis werden in der EU für Euros verkauft. „Das verschafft BMW einen kleinen Ausgleich“, erklärt Wolf.

Höhere Kosten und höhere Preise

Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen sagt, bei einem Brexit „gibt es sicher kurzfristig Verwerfungen, aber es ist kein Weltuntergang“. In China würden 20 Millionen Autos jährlich verkauft, in Großbritannien nur 2 Millionen. „Das löst kein Erdbeben aus, wenn die Nachfrage runtergeht.“ Auch NordLB-Analyst Frank Schwope glaubt: „England wird nicht von der Welt abgeschnitten sein.“ Er erwarte zwar mehr Bürokratie und Kosten, aber keine Probleme in der Lieferkette.

BMW, Nissan-Peugeot, Toyota und der Verband der britischen Autohersteller und -händler sind da weniger gelassen. BMW-Vertriebschef Ian Robertson sagte, die Strategie seines Unternehmens baue auf einen EU-Markt mit 500 Millionen Verbrauchern. Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös warnte per Mitarbeiterbrief, der Freihandel mit den EU-Ländern stehe bei einem Austritt infrage: „Zollschranken würden höhere Kosten und höhere Preise bedeuten.“

Mit noch größerer Sorge sehen die Firmen aber den möglichen Dominoeffekt. Der Firmenkundenvorstand der BayernLB, Michael Bücker, sagt: „Wir werden einen Unsicherheitsschock sehen.“ Die Finanzmärkte könnten die Frage nach einem Referendum in Frankreich, nach der Zukunft der EU und des Euros durchspielen und Turbulenzen auslösen. Verunsicherte Unternehmer würden nicht mehr investieren. „Dann wird das Wachstum zurückgehen, auch in der EU, auch in Deutschland.“

Das sieht man bei der Landesbank in Stuttgart ähnlich. „Solange der Brexit keinen Flächenbrand in der EU auslöst, können die Unternehmen damit umgehen“, meint Wolf. „Aber wenn auch andere Länder über einen Austritt nachdenken, sich die Unsicherheit ausbreitet, das Wachstum in der EU einbricht - dann haben wir ein ganz anderes Szenario.“

Brexit: Gründe, Folgen, Umfragen

Was sind die Gründe für einen Austritt aus der EU? Was die Vor- und Nachteile? Was wären die Folgen? Wie steht es in den Umfragen? Und wann findet die Abstimmung statt? Wir machen den Brexit-Check.

dpa

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