Arbeitsmarktexperten im tz-Interview

Deutsches Jobwunder -  aber das muss sich noch verbessern

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Arbeitskräfte sind in Deutschland gefragt: Noch nie waren so viele Menschen in der Bundesrepublik berufstätig wie heute.

München - Weniger Jobsucher hatte es in einem Juni zuletzt im Jahr 1991 gegeben. Die tz hat mit dem Arbeitsmarktexperten Holger Schäfer über die Entwicklung der Arbeitslosigkeit gesprochen.

Gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt sind keine Überraschung mehr – doch jetzt haben die robuste Konjunktur und die auslaufende Frühjahrsbelebung die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf den niedrigsten Juni-Stand seit 25 Jahren sinken lassen!

Insgesamt waren in dem Monat 2,614 Millionen Männer und Frauen ohne Arbeit – das sind 50.000 weniger als im Mai und 97.000 weniger als vor einem Jahr. Weniger Jobsucher hatte es in einem Juni zuletzt im Jahr 1991 gegeben. Die Arbeitslosenquote lag im Juni mit 5,9 Prozent sogar auf dem niedrigsten Niveau seit der deutschen Wiedervereinigung, hob BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise hervor. „Die Beschäftigung hat weiter zugenommen und die Nachfrage nach Arbeitskräften ist weiter hoch. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich damit weiter positiv“, resümierte Weise. Die tz hat mit dem Arbeitsmarktexperten Holger Schäfer über die Entwicklung der Arbeitslosigkeit gesprochen:

tz-Interview mit Holger Schäfer

Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie 1991 – ein Grund zum Jubel?

Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft.

Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft: Absolut! Nicht nur die Arbeitslosigkeit verharrt auf einem niedrigen Niveau, auch die anderen Indikatoren des Arbeitsmarktes zeigen auf Grün. Wir haben eine extrem positive Entwicklung bei der Beschäftigung – die Erwerbstätigkeit ist auf einem Rekordniveau von 43 Millionen. Einen noch stärkeren Zuwachs als bei der Erwerbstätigkeit erleben wir bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Hier ist es sogar so, dass die nicht-sozialversicherungspflichtige Beschäftigung schrumpft zugunsten der regulären Beschäftigung. Das sind schon spektakuläre Erfolge, gerade wenn man sich an Zeiten wie in den Jahren 2004 und 2005 erinnert – damals hatten wir über fünf Millionen Arbeitslosen. Damit ist die stetig steigende Sockelarbeitslosigkeit erstmals in der Geschichte durchbrochen worden.

Was bedeutet das?

Schäfer: Zuvor galt, dass die Arbeitslosigkeit in der Rezession stark anstieg. Im darauffolgenden Boom erholte sich der Arbeitsmarkt zwar, aber die Zahlen sanken nie unter das Niveau vor der Rezession. So hat sich ein immer höherer Sockel der Arbeitslosigkeit gebildet.

Wer an das Jahr 1991 zurückdenkt, hat sofort die Wiedervereinigung und das Versprechen von blühende Landschaften im Kopf. Hat die Wirtschaft die Vereinigung mittlerweile gepackt?

Schäfer: Wir haben – was die wirtschaftliche Entwicklung angeht – weiterhin ein gespaltenes Land. Das gilt auch für den Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote liegt im Westen bei 5,4% und im Osten bei 8,2%. Und auch bei Erwerbstätigkeit und Löhnen hinkt der Osten weiter hinterher – das schließt aber nicht aus, dass sich das in einzelnen Regionen auch überschneiden kann.

Die Ost-West-Trennung ist das eine – sehen Sie auch ein Nord-Süd-Gefälle?

Schäfer: Das hat es auch schon in der alten Bundesrepublik gegeben. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren mag es noch anders gewesen sein, aber spätestens seit den 80er-Jahren haben sich Bayern und Baden-Württemberg besser entwickelt als etwa Nordrhein-Westfalen.

Welches sind aktuell die größten Herausforderungen für den Arbeitsmarkt?

Schäfer: Das sind zwei Dinge: Wir haben immer noch eine nennenswerte Zahl von Langzeitarbeitslosen von ungefähr einer Million. Dazu kommt jetzt die zweite große Herausforderung, die Integration der Zuwanderer. Diese werden unglücklicherweise in einem ähnlichen Arbeitsmarktsegment suchen wie die Langzeitarbeitslosen, nämlich bei den eher einfachen Tätigkeiten.

Welche Lösungsansätze sehen Sie da?

Schäfer: Ein Patentrezept hat niemand. Bei den Langzeitarbeitslosen ist eine ständige Ansprache der Hilfeempfänger durch die Jobcenter ganz wichtig. Sie sollten immer wieder mit Angeboten, am besten natürlich Jobangeboten, konfrontiert werden. Es darf keine Gewöhnung an den Zustand der Arbeitslosigkeit geben – denn dann kommen die Menschen nur noch schwer da heraus. Das kann natürlich nicht funktionieren, wenn ein Fallmanager beim Jobcenter für 500 Menschen verantwortlich ist – da ist noch Luft nach oben.

Und bei der Flüchtlingsintegration?

Schäfer: Wir müssen viel Geld in die Hand nehmen und in Sprache und Qualifikation investieren. Und auch das ist keine Garantie, dass jeder automatisch auf dem Arbeitsmarkt Fuß fasst.

Welchen Trend sehen Sie für die kommenden Monate?

Schäfer: Wir stehen vor Sommerflaute und Herbstbelebung, der Trend bleibt aber positiv.

Arbeitslosigkeit in Bayern

Region

Arbeitslose

Juni 2016

Mai 2016

Juni 2015

Oberbayern

78.948

3,1 %

3,2 %

3,3 %

Niederbayern

20.908

3,0 %

3,2 %

3,0 %

Oberpfalz

17.869

2,9 %

3,0 %

3,0 %

Oberfranken

21.165

3,6 %

3,6 %

3,7 %

Mittelfranken

39.922

4,1 %

4,2 %

4,3 %

Unterfranken

23.551

3,2 %

3,2 %

3,1 %

Schwaben

31.555

3,0 %

3,2 %

3,1 %

Freistaat Bayern

233.918

3,2 %

3,4 %

3,4 %

Quelle: Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit

Vergleich mit 1991

Zahlen für Ost- und Westdeutschland

Arbeitslosigkeit

Juni 1991

Juni 2016

Deutschland

2.435.115

2.614.217

Westdeutschland

1.501.748

1.927.757

Ostdeutschland

933.367

686.460

Bayern: 12.000 Jobs für Flüchtlinge

Die Integration von Flüchtlingen in den bayerischen Arbeitsmarkt klappt besser als gedacht. Im ersten Halbjahr 2016 haben knapp 12.000 Asylbewerber, Geduldete und anerkannte Flüchtlinge einen Job gefunden. Die bayerische Wirtschaft, die Staatsregierung und die BA hatten sich das Ziel gesetzt, in diesem Jahr 20.000 und bis 2019 weitere 40.000 Flüchtlinge in Arbeit zu bringen. „Aus meiner Sicht werden wir das Ziel erreichen“, sagte Markus Schmitz, Chef der Regionaldirektion.

Er wies jedoch auch darauf hin, dass ein Großteil der Beschäftigten erfahrungsgemäß nur einem Helferjob nachgehe. Deshalb müsse das Ziel jetzt sein, diese Menschen weiterzuqualifizieren.

Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit wegen der Flüchtlinge wird in diesem Jahr nicht erwartet. Klar ist aber auch, dass die Migration die Statistik dämpft: „Wir hätten ohne Flüchtlinge natürlich deutlich weniger Arbeitslosigkeit“, sagte Schmitz.

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