Nach fünf Monaten

Endlich: Volkswagen darf 800 000 Autos zurückrufen

Wolfsburg - Nach einem knappen halben Jahr erlaubt das Kraftfahrt-Bundesamt dem VW-Konzern den europaweiten Rückruf weiterer manipulierter Diesel-Fahrzeuge. In den Werkstätten wird man das voraussichtlich merken.

Ist dies der seit Monaten erhoffte Befreiungsschlag für Volkswagen im Diesel-Rückruf? Nach einer monatelangen Hängepartie hat das Unternehmen jetzt die Freigabe für über 800 000 manipulierte Autos in ganz Europa erhalten. Damit kann die seit Januar nur holprig laufende „Aktion 23R7“ - so heißt der größte Rückruf in der Konzerngeschichte offiziell - endlich Fahrt aufnehmen.

Das ist auch dringend nötig. Denn zusammen mit den bisher vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) freigegebenen 125 000 Wagen nähert sich VW nun - aber auch gerade einmal - der ersten Millionen-Grenze.

Amarok, Caddy und Golf, Audi A4, A5, A6 und Q5, Seat Exeo sowie seit Freitag Passat, CC und Eos - zumindest die Palette der inzwischen rückrufbereiten Betrugs-Diesel liest sich ausgewogen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt aber, dass Volkswagen auf dem langen Weg erst ein kurzes Stück zurückgelegt hat. Weltweit warten noch immer mehr als zehn Millionen Autos auf eine von den Behörden genehmigte Lösung.

VW bleibt zuversichtlich

Bestätigung findet diese eher pessimistische Leseart in der Sicht auf die Motorvarianten: Einzig Modelle mit dem 2,0-Liter-Antrieb sind derzeit im Rückruf enthalten. Besitzer von 1,2- und 1,6-Liter-Aggregaten sind noch gar nicht Teil des gegenwärtigen Plans. Der ursprünglich für das zweite Quartal vorgesehene Beginn des Prozesses bei den 1,2-Liter-TDI-Motoren wird sich den Angaben zufolge in jedem Fall verzögern.

Somit bleibt der Rückruf auch nach fast sechs Monaten deutlich hinter den noch zum Jahresbeginn optimistischen Kalkulationen von VW zurück, wie auch Konzernchef Matthias Müller Ende April bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2015 zugab: „Die bisherige Zielsetzung bleibt erst mal bestehen. Aber wir müssen später sehen, ob dies eventuell doch bis ins erste Quartal (2017) gestreckt werden muss.“

In der offiziellen Mitteilung überwiegt die Zuversicht: „Mit dem Start der Umrüstung für die Modelle Passat, CC und Eos ist eine große Anzahl an Fahrzeugen verbunden, die nun in die Werkstätten kommen werden“, sagt VW-Vertriebschef Jürgen Stackmann. In Deutschland sollen die Kunden nun per Post über den Start informiert werden.

"Jetzt ist eine echte Hausnummer in der Welt"

Wann dann die ersten Autos in die Werkstätten rollen, muss abgewartet werden. In mehreren Etappen würden die Halter von Passat, CC und Eos mit 2,0-Liter-TDI-Motor und den Leistungsstufen von 110 bis 140 PS jetzt benachrichtigt.

Trotz aller Unsicherheiten: Im leidgeprüften VW-Aufsichtsrat sieht man den Schritt als erstes klares Signal, dass die Trendwende nicht mehr aufzuhalten ist. „Monatelang mussten wir Geduld haben, mussten die Kunden und Mitarbeiter auf diese gute Nachricht warten“, sagt einer der Kontrolleure der Deutschen Presse-Agentur in Hannover.

Schon der vorgezogene Golf-Rückruf Anfang Mai sei ein erstes positives Zeichen gewesen, eine Botschaft nach außen und innen. „Aber jetzt ist eine echte Hausnummer in der Welt. Die kann auch von Pessimisten nicht ignoriert werden.“

Urlaubsverbote für Mitarbeiter

Auch aus den rund 2000 VW-Werkstätten zwischen Flensburg und Bodensee ist Erleichterung zu hören. „Endlich geht es los, das wurde ja auch Zeit“, heißt es. Die Händler hatten sich schon vor Monaten auf eine wahre Flut an manipulierten Diesel-Fahrzeugen eingestellt, deren Besitzer schnellstens Termine vereinbaren wollten.

Dazu wurden sogar Urlaubsverbote für Mitarbeiter ausgesprochen, Leihwagen organisiert und bisweilen sogar Zusatzkräfte eingestellt. Auf die Frage nach den Ursachen für die Hängepartie sehen die Händler übrigens die Behörde in der Pflicht: „Das KBA ist ein Flaschenhals, dort hat man das Thema von Anfang an nicht mit der notwendigen Eile behandelt.“

„Es hängt nicht an uns", sagt ein Insider

Angesichts der am 22. Juni anstehenden Hauptversammlung in Hannover ist VW auf jede gute Nachricht angewiesen - die erste Million im Rückruf passe da schon einmal gut hinein, heißt es aus dem Konzern.

Um am „Tag der Aktionäre“ aber den ohnehin vorhandenen Frust wegen der Mini-Dividende noch weiter zu schmälern, soll diese Zahl auf jeden Fall noch vergrößert werden. 40 bis 50 Prozent der rund 8,5 in Europa betroffenen Fahrzeuge sind das unter der Hand angepeilte Ziel. „Es hängt nicht an uns. Wir müssen warten, ob das KBA mitspielt“, so ein Insider. Es bleibt also spannend - nicht nur bei VW in Wolfsburg.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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