Insolvenz und Sanierung

Eine Zukunft für das Unternehmen schaffen

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Sanierung und Insolvenzverwaltung sind kein Gegensatz - sie ergänzen sich. Das zeigte sich beim ersten Forum "Insolvenz und Sanierung" der Mediengruppe Münchner Merkur tz.

Insolvenzverwalter und Sanierungsberater sind nicht die Feinde der Unternehmer, im Gegenteil. Sie entwickeln mit den rechtlich zulässigen Instrumenten verträgliche Lösungen für alle Parteien – und raten Unternehmern dazu, den Schritt zum Experten früh zu gehen.

Darüber diskutierten die Teilnehmer des Wirtschaftsforums „Insolvenz und Sanierung“, zu dem die Mediengruppe Münchner Merkur tz zum ersten Mal eingeladen hatte.

Insolvenz und Sanierung – das klingt für Unternehmer und die Öffentlichkeit nach einem schwerwiegenden wirtschaftlichen Problem. Einem Problem, das mit einem Verlust von Arbeitsplätzen einhergeht, mit harten Konsequenzen für die Betroffenen und anderen Verwerfungen mehr. Und der Insolvenzverwalter ist in diesem Prozess gerne das schwarze Schaf, der ein zahlungsunfähiges Unternehmen zügig liquidiert und dann ein prächtiges Honorar einstreicht. Eine Zukunft für das Unternehmen? Fehlanzeige.

Diese Wahrnehmung ist aber sowohl falsch als auch ungerecht. Denn ohne die gründliche Arbeit von Insolvenzverwaltern und Sanierungsexperten wäre eine Vielzahl von Unternehmen längst in den wirtschaftlichen Abgrund geglitten, die heute wieder erfolgreich am Markt agieren. Das ist auch eines der Ergebnisse des Wirtschaftsforums „Insolvenz und Sanierung“, zu dem die Mediengruppe Münchner Merkur tz gemeinsam mit der Pluta Rechtsanwalts GmbH führende Insolvenzverwalter und Sanierungsberater aus München und der Region zum ersten Mal eingeladen hatte. Vor allem diskutierten die Teilnehmer über das ESUG, das Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen, auch bekannt als „Schutzschirmverfahren“ oder Eigenverwaltung. Dieses Gesetz hat nicht nur Unternehmen im Sanierungsfalle neue Möglichkeiten geschaffen, sich zu entschulden. Es hat auch den Markt verändert.

Positiver Impuls im Markt

Das betont Dr. Arno Haselhorst von Haselhorst Associates Unternehmensberatung. „ESUG hat die Berührungspunkte zwischen Berater und Insolvenzverwalter geschärft und verbindet Vorbereitung und Abwicklung wesentlich stärker als früher.“ Dass die Kooperation zwischen den Parteien besser geworden sei, bestätigt auch Christoph Elzer von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Man ziehe mehr an einem Strang, und auch die Kommunikation mit den Gerichten sei einfacher geworden. Dr. Hubert Ampferl (Dr. Beck & Partner) sagt: „ESUG ist ein positiver Impuls im Markt, denn die neuen Instrumente stehen vermehrt im Fokus. Es geht nicht immer mit der Eigenverwaltung, aber die Möglichkeit wird frühzeitig geprüft.“ Für Oliver Schartl vom Insolvenzverwalter Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen hat ESUG zu mehr Qualität und Transparenz geführt, und beide Seiten – Verwalter und Unternehmer – fänden sich öfter an einem Tisch wieder.

Diese Frühzeitigkeit ist für Professor Georg Streit (Heuking Kühn Lüer Wojtek) besonders wichtig. „Wir müssen dem Unternehmer die Angst vor dem Insolvenzantrag nehmen. Manchmal ermöglicht sogar erst das Insolvenzrecht bestimmte Sanierungsmaßnahmen, die für einen Turnaround notwendig sind.“ Dr. Martin Heidrich von White & Case fügt hinzu: „Früher hat die Eigenverwaltung ein Schattendasein geführt, und die Insolvenz wurde erst in Betracht gezogen, als das letzte unternehmerische Pulver verschossen war. Heute hat der Unternehmer die Motivation, den Insolvenzantrag als Option zu sehen.“

Die Reform des Insolvenzrechts aus dem Jahre 2012 eröffnet Unternehmen ganz neue Möglichkeiten. Wie sich die Änderungen auswirken, war eines der Diskussionsthemen beim Forum "Insolvenz und Sanierung".

Die Insolvenz als Chance und das Scheitern als Neuanfang betont Dr. Matthias Hofmann von Pohlmann Hofmann Insolvenzverwalter. Würde ein Unternehmer hingegen den Zeitpunkt herauszögern, könne das nicht nur Sanierungschancen vereiteln, sondern zu Haftungsinanspruchnahme oder gar zu einem Strafverfahren wegen Insolvenzverschleppung führen; auch im eigenen persönlichen Interesse sollen Unternehmer daher die Insolvenz bereits frühzeitig in Erwägung ziehen. ESUG hat für Hofmann übrigens zu einer Marktveränderung im Bereich der Insolvenzverwalter und Sanierungsberater geführt: „Der sehr breite Markt mit lokaler Begrenzung wird keine Zukunft mehr haben.“ Das sieht auch Dr. Thomas Sittel von Goetzpartners so. Die Tendenz zum Schutzschirmverfahren einhergehend mit generell rückläufigen Insolvenzzahlen werde zu einer Marktkonsolidierung führen. „Wir werden Zusammenschlüsse und Kanzleiaufgaben sehen.“ Dennoch sind einige Insolvenzverwalter vom ESUG angetan, wie Axel W. Bierbach von Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen sagt: „Das ist eine echte Sanierungschance; danach geht es für viele Unternehmen weiter.“ Auch Dr. Frank Girotto von PricewaterhouseCoopers sieht das Insolvenzverfahren als Möglichkeit zur Sanierung, nicht als Allheilmittel. Damit sei die Branche auf dem richtigen Weg.

Dass deutsche Unternehmen die Insolvenz am liebsten vermeiden, stellt Dr. Leo Plank von der internationalen Kanzlei Kirkland & Ellis fest. „Gleichzeitig hat ESUG aber zu einem Paradigmenwechsel geführt. Das Schutzschirmverfahren wird immer öfter in Betracht gezogen, wir erleben eine neue Sanierungskultur.“ Dr. Christian Gerloff von Gerloff Liebler stellt jedoch die Frage, was Sanierung eigentlich genau bedeute. „Jeder interpretiert das so, wie er es gerne hätte. Wir müssen zu einer stärkeren Zielorientierung kommen. Aber auch ich beobachte eine neue Kultur, Verfahren einzuleiten. Die Insolvenz ist einfach nicht mehr das Ende, es ist ein guter Weg zur strategischen Neugestaltung.“

„Auf welche Frühindikatoren für eine Krise muss ich als Mittelständler achten und wie muss ich mich im Falle einer Krise (rechtlich) verhalten?“ Das ist ein wichtiges Thema für Dr. Hendrik Boss von Taylor Wessing. „Die Unternehmer müssen wissen, wann und wie sie ESUG einsetzen, um von den Chancen profitieren zu können. Sie müssen frühzeitig Expertenrat einholen, um die Chancen für eine Sanierung zu erhalten und bei fehlender Sanierungsfähigkeit jedenfalls eine persönliche Strafbarkeit zu vermeiden.“

Es ist aber nicht alles eitel Sonnenschein dank ESUG. Die Experten fordern eine stärkere Konzentration bei den Gerichten, um die Qualität bei Richtern und Rechtspflegern zu erhöhen. „Räumliche Entfernung zwischen Gericht und Sitz des insolventen Unternehmens ist unproblematisch. Deshalb sollte die Zersplitterung bei den Gerichten reduziert werden“, fordert Professor Georg Streit. Er betont aber stellvertretend für die Teilnehmer, dass die Kommunikation zwischen Gerichten und Verwalter besser geworden sei. „Durch ESUG haben Berater, Unternehmer und Gläubiger die Möglichkeit, bei Gericht über den Insolvenzverwalter zu sprechen und Wünsche zu äußern.“

Dass vor allem Insolvenzverwalter anders in die Öffentlichkeit gehen müssten, ist auch ein Ergebnis der Diskussionsrunde. Das stellt beispielsweise Dr. Stephan Kolmann von BBL Bernsau Brockdorff & Partner heraus: „Abstrakte Problemstellungen können die Menschen nicht nachvollziehen. Wir müssen unsere Funktion stärker herausstellen. Insolvenzverwalter sind Heilungsberater und nehmen die Operation am offenen Herzen vor.“

Berater und Verwalter müssten Unternehmern die Schwellenangst vor dem Gang in die Insolvenz nehmen, so Stephan Ammann von Pluta Rechtsanwälte. „Dadurch können sie Probleme vermeiden, das müssen wir kommunizieren.“

Patrick Peters

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