Lebensversicherung und Co.

So tricksen Banken Senioren aus

München - Eine Seniorin wollte eigentlich ein Konto eröffnen, doch stattdessen endete das Beratungsgespräch mit dem Abschluss einer Lebensversicherung. Nun ist ihr Erspartes weg. Die tz sprach mit einem Experten über diesen Fall.

Warum ist es fragwürdig, einer 80-jährigen Dame eine Sofortrente zu verkaufen?

Sascha Straub, Finanzexperte bei der Bayerischen Verbraucherzentrale: Weil die Dame über 93 Jahre alt werden müsste, um allein das Geld wieder rauszubekommen, das sie einbezahlt hat! Zudem war die monatliche Rente zu niedrig berechnet, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass ein Bankberater ein derartiges, nicht sachgerechtes Angebot macht.

Für wen könnte sich solch eine Sofortrente überhaupt lohnen?

Straub: Das ist allenfalls für Menschen interessant, die kurz vor oder am Anfang ihrer Rente stehen, also beispielsweise für einen 60-Jährigen, der hoffen kann, diese Rente noch 20 oder 30 Jahre zu beziehen. Aber auch da muss man sich Gedanken machen: Brauche ich das? Oder sind für mich alternative Anlageformen möglich.

Was wären solche alternativen Anlagemöglichkeiten?

Straub: Das kommt ganz auf den Einzelfall an: Wie kurzfristig muss ich an Geld kommen? Gibt es Erben, an die der Senior bei der Anlage mit denkt? Die wichtigste Frage ist also: Wofür soll ich überhaupt mein Geld noch anlegen? Ist es für eine 80-Jährige ohne Erben nicht sowieso sinnvoller, das Geld auf ein Tagesgeld- oder Festgeldkonto zu legen und davon zu leben?

Wie hoch sind die Provisionen, die ein Bankberater bekommt, wenn er eine solche Lebensversicherung verkauft?

Straub: Bei einer 100.000-Euro-Lebensversicherung mit Sofortrente und einer Laufzeit von 20 Jahren können durchaus 4500 Euro Vermittlungsprovision anfallen. Das rechnet sich schon.

Wie lange kann man so ein Geschäft widerrufen?

Straub: Bei Lebensversicherungen gibt es 30 Tage lang die Möglichkeit zu widerrufen. Aber in diesem Fall war es komplizierter: Es wurde erst ein unverbindliches Angebot ausgefüllt und dann ein Verzicht auf das Widerrufsrecht unterschrieben, ohne dass der Verbraucherin dies bewusst war.

Ist das legal?

Straub: Legal schon, aber es ist grenzwertig, weil es überhaupt nicht transparent ist. In jedem Fall empfiehlt es sich hier, den Klageweg zu beschreiten.

Die schlechte Zinslage hat viele Banken in Not gebracht. Werden deshalb den Kunden wieder öfter grenzwertige Angebote angedreht?

Straub: Bis zur Finanzkrise 2009 gab es ja noch viele fragwürdigere Produkte. Dann wurden die Banken vorsichtiger – aber in letzter Zeit beobachten wir wieder vermehrt, dass den Kunden nicht bedarfsgerechte Produkte angedreht werden.

Seit der Finanzkrise gibt es ja auch die Pflicht, ein Beratungsprotokoll zu erstellen. Hilft das den Kunden?

Straub: Wir empfehlen generell, dieses Beratungsprotokoll nicht zu unterschreiben. Laut Gesetz müssen nur die Berater das Protokoll unterschreiben. Trotzdem versuchen die Banken, auch die Kunden unterschreiben zu lassen – unmittelbar nach dem Beratungsgespräch, ohne dass die Möglichkeit für den Kunden besteht, das Protokoll in Ruhe zu lesen. Der Kunde sollte also nur die Übergabe des Protokolls mit seiner Unterschrift bestätigen, keinesfalls den Inhalt.

Leichte Opfer für Bankberater

„Für die Banken und Versicherungen gibt es drei große Gruppen von Kunden, denen sie besonders leicht fragwürdige Anlageprodukte andrehen können: Senioren, weil sie oft relativ viel Erspartes besitzen, ein großes Vertrauen in die Bank haben und dadurch ein leichtes Opfer sind, berufsanfänger und Studenten wegen ihrer Unerfahrenheit und Migranten wegen der Sprachbarriere.“ 

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa (Symbolbild)

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