Nach dem Brexit-Votum: Wird Frankfurt das neue London?

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Muss London nach der Brexit-Entscheidung um seinen Status als führender Finanzplatz bangen? Foto: Andy Rain

Das britische "No" zur EU könnte anderen Finanzzentren eine Schub geben. Hoffnungen macht sich unter anderem Frankfurt. Profitiert die Bankenmetropole am Main tatsächlich von den Brexit-Wirren?

Frankfurt/Main (dpa) - Jubeln mag in Frankfurt angesichts des Brexit-Votums keiner. Doch Deutschlands wichtigster Finanzplatz könnte zum Nutznießer des britischen Nein zur EU werden. "Frankfurt wird offen sein für Finanzunternehmen, die nun einen neuen Standort benötigen", wirbt Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), sein grüner Koalitionspartner sieht ebenfalls Chancen für Frankfurt.

Steht das Finanzzentrum London vor dem Exodus?

Das glaubt kaum jemand. "Der Finanzplatz London wird nicht sterben, aber er wird schwächer", sagte Deutsche-Bank-Chef John Cryan dem "Handelsblatt" (Montag). Es würde Jahre dauern, ein neues mit London vergleichbares Finanzzentrum in Europa aufzubauen, erklärt Gianni Franco Papa, Vizechef der italienischen Unicredit. Andererseits könnte London seine Position als wichtigster europäischer Standort für den Handel mit Anleihen und Währungen verlieren, konstatierte Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret bereits vor dem Brexit-Votum.

Müssen Banken nun umsteuern?

Banken brauchen für Dienstleistungen innerhalb der Europäischen Union rechtlich selbstständige Tochterbanken mit Sitz in einem EU-Staat. Tritt Großbritannien aus, könnten Finanzinstitute gezwungen sein, Personal aus London abzuziehen. Der Verband der Auslandsbanken in Deutschland verwies darauf, dass etwa 30 seiner Mitglieder aus Großbritannien mit einem "europäischen Pass" tätig sind, der ihnen bisher den Vertrieb von Finanzprodukten in ganz Europa erlaubt.

Um wie viele Jobs geht es?

Nach jüngsten Zahlen der Vereinigung "City of London" (Stand 2014) arbeiten im Großraum London gut 358 000 Menschen in der Finanzbranche, davon fast die Hälfte (162 000) im Finanzzentrum in der britischen Hauptstadt. In Medienberichten ist von bis zu 70 000 Finanzjobs die Rede, die mittelfristig ins Ausland verlagert werden könnten. Hubertus Väth, Geschäftsführer der Lobbyvereinigung "Frankfurt Main Finance", sagt: "Wir rechnen damit, dass es bei einer Verlagerung zu einer fünfstelligen Zahl an neuen Arbeitsplätzen in Frankfurt kommen könnte." Ende 2015 waren 182 Banken mit Hauptsitz in Frankfurt angesiedelt, gut 62 500 Bankbeschäftigte arbeiten in Hessens größter Stadt. In London tummeln sich nach jüngsten Zahlen der Landesbank Helaba in einer Vergleichsstudie 264 Kreditinstitute.

Was spricht für Frankfurt?

Kaum eine Stadt in Deutschland ist besser zu erreichen als die Mainmetropole. Zudem locken kurze Wege - auch zu Europas Finanzaufsehern. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Main ebenso ihren Sitz wie die europäische Versicherungsaufsicht EIOPA. Dazu kommt ein dichtes Netz an Wirtschaftsprüfern, Anwälten und Beratern - und: Frankfurt verfügt über einen Internetknoten, über den 40 Prozent des europäischen Datenverkehrs geht. Schon jetzt haben praktisch alle wichtigen Banken der Welt eine Dependance in Frankfurt.

Was spricht gegen Frankfurt?

Auch Paris, Madrid und Luxemburg wollen profitieren. Zudem bevorzugen viele US-Finanzkonzerne aus sprachlichen Gründen die irische Hauptstadt Dublin. Vorsichtig sind internationale Bankkonzerne auch wegen der starken Arbeitnehmerrechte wie dem umfangreichen Kündigungsschutz in Deutschland. Das kennen sie nicht im gleichen Maße aus London. Zudem ist die Regulierung bei Bankprodukten in Irland und Luxemburg nicht so streng wie in Deutschland.

Gibt es schon konkrete Umzugspläne?

Die US-Investmentbank Morgan Stanley sah sich gezwungen, Gerüchte zu dementieren, sie habe bereits begonnen, 2000 Beschäftigte von London nach Frankfurt und Dublin abzuziehen. Konkurrent JPMorgan soll laut einem Internetportal bereits sechs Bürogebäude in Frankfurt und vier in Madrid angemietet haben. Die größte US-Bank weist das zurück. Für einen solchen Schritt sei es noch viel zu früh. Auch die Deutsche Bank, die in London das Herz ihres Investmentbankings hat und dort gut 8000 Mitarbeiter beschäftigt, wartet ab. Laut "Frankfurt Main Finance" aber könnten schon in den nächsten Monaten etwa 1000 Stellen vor allem im Euro-Derivate-Handel und in der Abwicklung von Handelsgeschäften (Clearing) nach Frankfurt verlagert werden, weil die EZB diese schnell direkt beaufsichtigen wolle. Gezählt sind die Tage der EU-Bankenaufsichtsbehörde EBA in London. "Als neuer Standort kommt wegen der Nähe zur EZB-Bankenaufsicht vor allem Frankfurt in Frage", sagt Lobbyist Väth.

Werden Immobilien in Frankfurt jetzt noch teurer?

Marktkenner rechnen mit steigenden Preisen, sollten Banken und Banker von der britischen Insel nach Frankfurt drängen. Bezahlbarer Wohnraum ist ohnehin knapp. Im Mittel liegen die Mieten in Frankfurt nach Berechnungen des Immobilienportals "immowelt.de" auf Grundlage von Angeboten aktuell bei rund 13 Euro pro Quadratmeter, in München sind es 16,10 Euro. 120 000 Quadratmeter Büros stehen derzeit in Frankfurt leer, allerdings meist nicht in besten Lagen. Zudem sind 280 000 Quadratmeter in Planung. Schon vor dem Referendum hatte Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) berichtet, US-Banken suchten in Frankfurt nach neuem Büroraum.

Was wird aus dem Fusionsplan von Deutscher Börse und LSE?

Bislang halten die Konzerne unverändert an dem Vorhaben fest. Die neue Superbörse soll ihren rechtlichen Sitz in London haben, das Tagesgeschäft wollen die Unternehmen wie bisher von den Zentralen in London und in Eschborn vor den Toren Frankfurts aus steuern. Ob die hessische Börsenaufsicht bei einem Brexit grünes Licht für eine Holding in London geben würde, ist seit der Abstimmung der Briten noch fraglicher geworden. Auch das "Ja" der Aktionäre steht noch aus.

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