Löhne, Vermögen, Wohnen

Studie zu Arm und Reich: Wie gerecht ist Deutschland?

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Geht die Schere zwischen Billiglöhnern und Champagnertrinkern weiter auseinander? Das IW sagt: „Nein“.

München - Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher - das vermitteln viele Studien. Eine Neue allerdings versucht, ein gegenteiliges Bild zu zeichnen. Die tz hat diese Studie unter die Lupe genommen.

Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer, und die Mittelschicht befindet sich im Stadium der Auflösung – so nehmen viele Menschen die aktuelle wirtschaftliche Situation in Deutschland wahr. Diese Wahrnehmung wird von vielen Studien untermauert. Jetzt versucht eine neue Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln ein gegenteiliges Bild zu zeichnen: Die Lohnungleichheit nehme nicht weiter zu, im Gegenteil: Die Einkommen der Niedriglöhner nähmen sogar deutlich stärker zu als die der Top-Verdiener! Die tz hat sich die Studie etwas genauer angesehen:

Löhne und Gehälter: Hier kommt das IW zu einem überraschenden Ergebnis: Während die Bruttoerwerbseinkommen der unteren zehn Prozent der Vollzeitbeschäftigten zwischen 2009 und 2013 um 6,6 Prozent wuchsen, legten die Einkommen der reichsten zehn Prozent im selben Zeitraum um nur 2,8 Prozent zu. Rechnet man diese Prozentwerte allerdings in konkrete Zahlen um, sieht die Entwicklung nicht mehr ganz so rosig aus. Bei einem Jahreseinkommen von 13.000 Euro würde ein Plus von 6,6 Prozent 858 Euro mehr bedeuten. Bei einem Spitzenverdienst von 130.000 Euro käme allerdings, trotz einer Steigerung von nur 2,8 Prozent, ein Plus von 3600 Euro zusammen. Eine immer weiter auseinanderklaffende Einkommensschere diagnostiziert auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung in Deutschland sei zwischen 1991 und 2013 um mehr als fünf Prozentpunkte gesunken, melden die Forscher.

Löhne und Produktivität: Das IW urteilt: Insgesamt seien die Löhne seit 2012 deutlich stärker gestiegen als die Arbeitsproduktivität. IW-Direktor Michael Hüther warnt gar: „Die steigenden Kosten für die Unternehmen können die wirtschaftliche Dynamik dämpfen.“ Allerdings muss das IW gleichzeitig eingestehen, dass die Löhne ab Mitte der 1990er-Jahre nicht besonders stark gestiegen sind – weil die Tarifparteien sich auf ein „informelles Bündnis für Arbeit“ geeinigt hatten, um mehr Beschäftigungsaufbau zu ermöglichen. „Die Kehrseite war, dass die Reallöhne stagnierten“, heißt es dazu in der IW-Studie. Diese Lohnlücke werden die Beschäftigten auch durch die leicht besseren Abschlüsse der vergangenen Boom-Jahre kaum aufholen können.

Bundesbank: Zehn Prozent der vermögendsten Deutschen halten 59,8 Prozent des gesamten Vermögens

Vermögen: Hier sehen Kritiker die größte Ungleichheit in Deutschland. Das reiche Zehntel der Bevölkerung werde immer reicher und hänge den Rest ab. Falsch, sagt IW-Chef Hüther. Nach seiner Rechnung müssten nämlich auch Renteneinkünfte zum Vermögen gezählt werden, nicht nur Kapitalvermögen, Immobilien und Unternehmensanteile. Durch diesen Statistik-Trick würde Deutschland bei der Vermögensverteilung im europäischen Vergleich plötzlich im Mittelfeld landen. Zwischen den Niederlanden und Österreich – und auf der Höhe von Norwegen. Platz 13 statt Platz 17 derzeit. Das hört sich allerdings besser an, als es ist, denn die offiziellen Zahlen der Bundesbank – die nicht gerade für klassenkämpferische Anwandlungen bekannt ist – sprechen eine völlig andere Sprache. Denn laut Bundesbank halten die zehn Prozent der vermögendsten Deutschen 59,8 Prozent des gesamten Vermögens. Das sind immerhin 0,6 Prozentpunkte mehr als noch im Jahr 2010. Die Ungleichheit bei den Vermögen hat also auch in Zeiten erfreulichen Wirtschaftswachstums zu- und nicht abgenommen.

Wohnen: Eine große Belastung für Normalverdienerhaushalte sind die galoppierenden Mietpreise. Was jeder Münchner am eigenen Leib erfahren muss, wird vom IW allerdings kleingerechnet. Denn auf ganz Deutschland gerechnet seien die Mieten sogar günstiger geworden. „Seit 2010 sind die Mieten um 10,2 Prozent gestiegen, die durchschnittlichen Einkommen haben sich allerdings um 11,5 Prozent erhöht.“ Wer 25 Prozent seines Einkommens für die Miete ausgibt, bekommt durchschnittlich 94 Quadratmeter Wohnfläche dafür – in München eine Traumvorstellung.

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