Einkommensstudie zeigt

Ungleichheit in Deutschland auf neuem Höchststand

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15,3 % der Haushalte gelten als arm, 1991 waren’s 11,3%.

München - Der soziale Aufstieg bleibt für den Großteil der ärmeren Bundesbürger ein unerfüllter Traum! Eine Studie zeigt: Die Ungleichheit ist auf einem neuen Höchststand.

Das zeigt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Ein Grund: Die Ungleichheit bei den Einkommen in Deutschland hat einen neuen Höchststand erreicht. Nach einem Absinken des entsprechenden statistischen Werts nach 2005 stieg dieser in den vergangenen Jahren wieder an – zuletzt besonders deutlich. Die tz fasst die wichtigsten Studien-Ergebnisse zusammen:

Wie hat sich der Anteil der Armen entwickelt? Er ist von 11 Prozent im Jahr 1993 auf 15,3 Prozent 2013 gestiegen. Als „arm“ gelten Haushalte, die 2013 weniger als 11 758 Euro im Jahr zur Verfügung hatten.

Wie groß sind die Aufstiegschancen?

Jeder Zweite, der 2009 arm war, war dies auch 2013. Rund 36 Prozent schafften es in die untere Mitte, 7 Prozent in die obere Mitte, 6 Prozent weiter nach oben. Zum Vergleich: Zwischen 1991 und 1995 lag der Anteil der Aufsteiger in die untere Mitte mit 47 Prozent noch deutlich höher.

Wie groß ist die soziale Mobilität der Mittelschicht?

Rund 57 Prozent der Angehörigen der oberen Mitte blieben zuletzt binnen fünf Jahren, wo sie bereits standen, 24 Prozent sackten ab, rund 20 Prozent gelang ein weiterer Aufstieg. Knapp 20 Jahre vorher blieb die Lage bei rund 54 Prozent konstant, für 31 Prozent ging es bergab, 15 Prozent konnten sich verbessern.

Wer bleibt arm, wer steigt auf?

Nur rund 30 Prozent der Menschen, die von 2009 bis 2013 aus Armut aufsteigen, sind Migranten. Bei denen, die arm bleiben, sind es fast 36 Prozent. Mehr als 63 Prozent der arm Bleibenden haben maximal einen Hauptschulabschluss. Bei denen, die aufsteigen, sind es nur 39 Prozent. Wer aufsteigt, ist im Vergleich zu denen der Aufstieg nicht gelingt, sehr häufig Angestellter.

Wer steigt aus der Mitte ab, wer steigt auf?

Migranten sind unter jenen, die aus der Mitte in Armut absteigen, am stärksten vertreten. Und fast zwei von drei derer, die aus der Mitte zu den Reichen aufsteigen, haben Abitur, fast jeder Zweite von ihnen hat einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss.

Wie hat sich die soziale Mobilität entwickelt?

In den Wirtschaftswunderjahren ging es für die meisten Bürger deutlich nach oben. Soziologen verglichen die Entwicklung mit einem Fahrstuhl. Aber bereits für die Geburtenjahrgänge ab den 60er-Jahren gilt anderes: Das Risiko, gegenüber dem eigenen Elternhaushalt sozial abzusteigen, ist gestiegen. Wie die Studie zeigt, bleibt bei vielen die Einkommenslage derzeit über Jahre gleich – der Fahrstuhl stockt.

Was fordern die Wissenschaftler?

Maßnahmen für mehr Bildung und gegen Arbeitslosigkeit und geringfügige Beschäftigung. Wichtig sei auch gezielte Förderung von Kindern aus sozial benachteiligten Familien.

Umfrage

Ich mache mir keine Sorgen

Aufgrund der Universitäten und fachlichen Ausbildungen mache ich mir keine großen Sorgen, dass meine Kinder - Enkel habe ich keine - in Armut abgleiten könnten. Aber man kann nicht vorsichtig genug sein und muss vorbauen. Unsere Politik schläft da. Die hat für die kleinen Leute fast nichts mehr übrig. Die Politiker sollten schauen, dass in der Bevölkerung nicht noch mehr Politikverdrossenheit entsteht. Und stattdessen mit ihren Wählern sprechen. Nachdem Deutschland hohe Schulden hat, sollten zunächst die Staatsschulden abgebaut werden, damit Straßen saniert und Schulen und Altenheime renoviert werden können. Bevor unser Geld milliardenweise ins Ausland verschickt wird. Siegfried Balasch, 77, Rentner aus München

Jeder ist auf sich selbst gestellt

Ich habe keine Angst, dass meine Tochter einmal von Armut betroffen sein wird. Ich biete ihr alle Möglichkeiten der Ausbildung, sodass ich davon ausgehe, dass sie mit ihrer Volljährigkeit eine perfekte Ausbildung hat. Und ich glaube, dass sie in ihrem Leben so viel Selbstvertrauen gewinnt, dass sie immer Lösungen finden wird, auch den Umständen angepasst gut leben zu können. Neben der Bildung halte ich rechtzeitige Vorsorge für ein passendes Instrument, Armut zu vermeiden - insbesondere durch Vermögensaufbau zum Beispiel mittels einer Immobilie. Und ich empfehle Unternehmertum, etwa in Gestalt einer selbstständigen Tätigkeit außerhalb des Angestelltenverhältnisses. An unsere Politik habe ich bei dem Thema keine Erwartungshaltung - ich glaube, dass bei uns jeder Mensch auf sich selbst gestellt ist. Manuel Tessun, 39, Vertriebsleiter aus Egling

Bildung ist das A und O

Ich glaube, dass ich persönlich nicht davon betroffen sein werde, denn mit einem Bachelor-Abschluss hat man schon eine relativ gute Position und auch die Möglichkeit, in einem Unternehmen zu arbeiten und Geld zu verdienen. Allgemein würde ich sagen, dass es von den Chancen abhängt, die man hat, ob man einem Armutsrisiko ausgesetzt ist oder nicht. Bildung ist da das A und O. Die Politik kann hier vor allem durch die Förderung gerade benachteiligter Kinder helfen. Insbesondere mit Blick auf die Flüchtlingssituation sollte mehr Geld in Lehrer investiert werden, um auch so die Flüchtlinge zu integrieren, damit bei denen kein Armutsloch herrscht. Maike Thurnhofer, 22, Betriebswirtschaftsstudentin aus München

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