Fahrbericht

Zwischen zwei Welten: Harley-Davidson Sport Glide

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Das hat Harley-Davidson clever gemacht: Die neue Sport Glide ist ein Tourer – und wird mit wenigen Handgriffen zum coolen Chopper.

Als neuntes Modell der nunmehr dritten Generation der Softail-Baureihe wurde für 2018 die Sport Glide präsentiert. Und die hat es in sich, denn mit Mini-Batwing-Verkleidung und Koffern kann sie einerseits als formidabler Tourer genutzt werden (und hat obendrein einen Tempomaten serienmäßig), nimmt man das Plastikkleid sowie die beiden Koffer ab, was ohne Werkzeug mit wenigen Handgriffen in wenigen Sekunden erfolgt, steht ein ansehnlicher Chopper vor einem.

Der Start

Mit oder ohne Verkleidung und Koffer: Der Fahrer platziert sich im dicken Sessel, gerade mal 68 Zentimeter über dem Boden, aber sein Ego schwebt deutlich höher. Für den Sozius bleibt dagegen ein deutlich kleineres Stück vom Sofa. Die Arme breit am Lenker, die Füße nach vorn auf die Rasten – die Haltung fürs gesteigerte Selbstbewusstsein.

Dank Keyless Ignition System braucht es keine Fummelei mit dem Schlüssel mehr, und nach Einschalten der Zündung und Betätigen des Startknopfs blubbert der mächtige Zweizylinder-V-Motor mit 107 Kubik-Inch, wie es groß und deutlich auf dem rechten Seitendeckel geschrieben steht, freudig los und will gleich tatendurstig ans Werk. Legen wir also mit einem satten „Klonk“ den ersten Gang ein, und los geht’s.

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Die Fahrt

Obwohl die Sport Glide scheinbar endlose 2.325 Millimeter lang ist und satte 317 Kilogramm wiegt, kommt man sofort mit ihr zurecht und gewöhnt sich auch schnell an harley-typische Charaktermerkmale wie die Blinkerbetätigung rechts und links am Lenkerende.

Auch die Instrumentierung zentral auf dem Tank ist so simpel wie effektiv: Ein Analog-Tacho zeigt die Geschwindigkeit an, dazu gibt’s Tank- und Ganganzeige sowie wechselnde Einstellmöglichkeiten in LCD-Anzeige zur Drehzahl, Reichweite und den gefahrenen Tages-Kilometern. Derweil blubbert der Motor und will endlich seinen Charakter zeigen.

Dafür hat der Fahrer der Sport Glide mit entsprechendem Griff am Gas quasi zwei Modi hintereinander zur Wahl: Gliden bei weniger als 3.000 U/min und Sporteln, sobald die Drehzahl über diese Marke steigt. Bleibt man im gemütlichen Gleit-Modus, rollt man sanft über die Straßen, tuckert im vierten Gang nahezu lautlos durch Ortschaften und muss nur aufpassen, dass man das Herunterschalten nicht vergisst, weil sonst der Zweizylinder das Bocken anfängt.

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So zu fahren ist gemütlich und entspannend und immer noch so flott, dass die Fliegen nicht hinten an den Helm klatschen. Bei Bedarf oder bei Lust und Laune kann man der Sport Glide aber auch ordentlich die Sporen geben. Dann schaltet man die Gänge zügig hoch, dreht auf und auf einmal ist man richtiggehend dynamisch unterwegs – harley-typisch dynamisch.

Die neue Softail, die bei 5.450 U/min 84 PS aus dem 1.745 Kubikzentimeter großen Triebwerk entwickelt, zieht dann mit ordentlicher Beschleunigung los, dank des maximalen Drehmoments von 145 Nm, das bereits bei 3.000 U/min anliegt, ebenso mit sattem Durchzug. Da überholt man ruckzuck und semmelt über Bundes- und Landstraßen.

Dabei bleibt die Harley sauber auf der gewählten Linie, solange man ihr diese klar vorgibt, allenfalls wackelt sie bei Unebenheiten ein bisschen mit dem Hinterteil (ohne ernsthaft unruhig zu werden) und setzt in Kurven früh mit den Fußrasten auf. Der Hersteller gibt die maximale Schräglage mit rund 28 Grad an.

Natürlich verfügt die Sport Glide dank 1.625 mm Radstand über einen sehr guten Geradeauslauf, insbesondere auf der Autobahn. Wer’s gemütlich will, stellt den Tempomat auf 130, entspannt sich und gleitet dem Ziel entgegen. Wer’s sportlich will, gibt ihr die Sporen, respektive reißt den Gasgriff auf, und donnert auch mal mit 180 km/h auf der linken Spur dahin.

Das ist ein Wahnsinnserlebnis, das die Harley aber durchaus souverän meistert – eingetragen sind gar 190 km/h als  Höchstgeschwindigkeit. Den gegenteiligen Vorgang, also die Negativ-Beschleunigung, schafft die Sport Glide harley-typisch mit viel Kraft und Nachdruck, dann verzögern die beiden Scheibenbremsen im Vorder- und Hinterrad nicht bissig, aber mit durchaus beruhigenden Werten. Und im Stand blubbert sie wieder mit gerade mal 850 Umdrehungen vor sich hin, so dass man fast schon zu Wiederbelebungsmaßnahmen greifen möchte.

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Die Verwandlung

In tatsächlich wenigen Sekunden verwandelt man den üppigen Tourer in einen agilen Chopper. Mit zwei Schnellverschlüssen wird die Lenkerverkleidung von der Gabel gelöst, mit einem Dreh am Kunststoffknopf im Koffer wird dessen Sicherung gelöst und das 25-Liter-Element kann nach vorne abgezogen werden.

Dem Fahrer weht nun mehr Wind um die Nase, aber ansonsten ändert sich natürlich nichts an den objektiven Motorleistungen. Subjektiv fühlt sich die Sport Glide dann aber tatsächlich flotter an und man neigt zu höheren Drehzahlen und häufigerem Gangwechsel. Die Rückverwandlung zum Tourer erfolgt dann ebenfalls in wenigen Sekunden.

Die Kosten

Für die neue Sport Glide ruft Harley-Davidson für die schwarze Basisversion einen Preis von 17.995 Euro auf, unser in Twisted Cherry lackiertes Exemplar kostet 18.345 Euro. Angesichts der Variabilität dieses Modells ist dies ein durchaus fairer Preis, man bekommt ja fürs Geld quasi zwei Harleys.

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Im Unterhalt gibt sich die Softail überdies sehr genügsam: Unsere Verbrauchswerte lagen zwischen 4,5 und 5,2 Liter auf 100 Kilometer, 4,9 Liter waren es im Schnitt. Die knapp 400 Kilometer Reichweite, die der Bordcomputer mit gefülltem 19-Liter-Tank signalisierte, entsprachen also durchaus der fahrbaren Realität. Befüllt wird übrigens nur über die rechte Tanköffnung – der linke Deckel dient lediglich der optischen Synchronität. Außer den Lackierungen gibt es keine Sonderausstattung, dafür aber jede Menge Original-Zubehör, mit dem man den Preis locker über die 20.000-Euro-Marke treiben kann.

Das Fazit

Da ist Harley-Davidson tatsächlich eine große Überraschung gelungen. Die Sport Glide springt je nach Behandlung des Gasgriffes und des Schalthebels munter zwischen zwei Welten hin und her: Mal ist sie gemütlicher Tourer, mal flotter Chopper, und obendrein lässt sie sich auch äußerlich in kurzer Zeit verwandeln. So viel verschiedene Harleys gab es zu diesem Preis wohl noch nie.

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Volker Pfau

Technische Daten

Motor

Luft- und flüssigkeitsgekühlter

Zweizylinder-V-Motor mit 1.745 ccm Hubraum

Leistung

84 PS (62 kW) bei 5.450 U/min

Drehmoment

145 Nm (bei 3.000 U/min)

Höchstgeschwindigkeit

190 km/h

Radstand

1.625 mm

Sitzhöhe

680 mm

Gewicht (vollgetankt)

317 Kilogramm

Tankinhalt

19 Liter

Testverbrauch

4,9 Liter

Preis Testmotorrad

18.345 Euro

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Retroanleihen: Die Suzuki SV650X leistet 56 kW/76 PS und kostet ab circa 7000 Euro. Foto: Suzuki
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