Fahrbericht

Der neue Defender: So fährt sich das Luxus-Spielzeug von Land Rover

Der neue Defender: So fährt sich das Luxus-Spielzeug von Land-Rover
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Der Defender ist kein SUV, sondern ein Geländewagen. Ein echter Sohn der Wüste, wenn es sein muss.

Hat Land Rover mit dem neuen Defender sein Kult-Auto gekillt? Wie gut ist der Nachfolger der Geländewagen-Ikone? Ein Fahrtest auf Asphalt und Dreck.

  • Rund 70 Jahre nach Series 1 kommt der Defender ab 20. Juni neu auf den Markt.
  • Die gute Nachricht: Dieser Land Rover ist kein SUV, sondern bleibt ein Geländewagen.
  • Echte Lochblech-Romantiker aber dürfen über den Verkaufspreis staunen.

Land Rover Defender feiert sein Comeback

Von wegen SUV. Es gab sie wirklich einmal: Echte Geländewagen. Hobel auf vier Rädern fürs grobe Gelände. Toyota Landcruiser, Mercedes G-Klasse*, Jeep Wrangler – und der vermutlich kultigste Vertreter, der Land Rover Defender - der Verteidiger. Ein Auto, das dem indischen Dschungel genauso trotzte wie den weiten Wüsten Afrikas. Zuverlässig bei sibirischen Temperaturen, ein Meister auf Schlamm, Rillen, Sand und Geröll. Zwei Jahre nach seinem offiziellen Ende feiert der britische Kult-Geländewagen Wiederauferstehung.

Land Rover Defender feiert sein Comeback

Eigentlich war die große internationale Präsentation auf dem Stammsitz von Land Rover, in Gaydon nördlich von Oxford, geplant. Das Coronavirus egalisierte die große Wiedererweckungsfeier des 1948 geborenen und 2016 vorübergehend eingestellten Kultwagens, der über zwei Millionen Mal hergestellt wurde. Jetzt rollt die Geländewagen-Ikone vergleichsweise unspektakulär ab 20. Juni zu den Händlern. Eine Handvoll Journalisten durften mit dem Land-Rover-Urgestein Testfahrten in einem Steinbruch in der Nähe von Solnhofen absolvieren. Solnhofen, da war doch was: Hier ganz in der Nähe wurde der Abdruck des legendären Urvogels Archaeopteryx gefunden.

Minimalistisch ist das Licht-Design des neuen Defenders. Auch ein Zitat an die legendären Vorgänger.

Land Rover Defender: Der Dinosaurier wird wieder zum Leben erweckt

Apropos Dinosaurier: Knapp 70 Jahre nach Series 1 war der Defender genau das. Ein Dinosaurier, der von Land Rover nie – und anders wie die G-Klasse von Mercedes – konsequent weiterentwickelt wurde. Deshalb musste er anno 2016 technisch sterben. Zumindest auf der alten Plattform.

Der Ersatzreifen an der Hecktüre ist nicht nur ein Designmerkmal, sondern ermöglicht auch einen besseren Böschungswinkel, wenn er nicht unter der Karosserie hängt.

Aber jetzt, vier Jahre später, heißt es: Der Defender ist tot – es lebe der Defender. Denn der neue Geländewagen ist mindestens genauso kultig wie der alte, nur viel besser. Die eingefleischte Landy-Gemeinde wird widersprechen. Aber schon beim Design findet sich ein ganzer Haufen von Zitaten aus der Vergangenheit. Das Ersatzrad hängt immer noch außen an der Hintertür, die Motorhaube ist innen liegend, die Lufteinlässe seitlich, die Rücklichter minimalistisch. Dazu permanenter Allrad-Antrieb, absolute Geländetauglichkeit und eine fast vertikal im Wind stehende Frontscheibe. Da ist es schon fast ein Wunder, dass die Entwickler einen cw-Wert von 0,38 realisieren konnten. Der Vorgänger hatte mit 0,68 fast das Doppelte.

So fährt sich der neue Land Rover Defender

Technisch gesehen macht der neue Defender jedoch einen Quantensprung. Einzelradaufhängung, Luftfederfahrwerk und eine Alu-Karosserie, die in Sachen Steifigkeit ein Musterknabe sein soll. Zehn Mal besser als die Wettbewerber, behauptet Land Rover. Das zu überprüfen ist schwer – allerdings spürt man das tatsächlich beim Fahren. Kaum ein anderer SUV, geschweige denn ein Geländewagen, weist so ein komfortables, direktes und präzises Fahrgefühl auf wie der neue Defender. Die Fliehkräfte in den Kurven zerren nicht wie üblicherweise so gewaltig an der Karosserie, dass man permanent einem Wanken und Nicken ausgesetzt ist. Dieser Landy lässt sich exakt und direkt steuern, ein wahres Wunder bei knapp 2,3 Tonnen Lebendgewicht.

Über Stock und Stein rollt der neue Defender so wie andere Autos über die Asphaltpiste.

Leicht überfordert ist damit jedoch der Motor. Wir testeten den 240 PS starken Turbo-Diesel und können deshalb von dem 40 PS schwächeren Selbstzünder D200 schon mal guten Gewissens abraten - und auch das stärkere Triebwerk nicht wirklich empfehlen. Das Drehmoment von 430 Nm ist zwar ziemlich okay und setzt bei 1.400 Umdrehungen auch in einem Bereich an, den man am meisten nutzt und mit dem man in aller Regel auch den größten Spaß hat. Dem Motor geht aber bald relativ schnell die Luft aus. Wer also Spaß haben will, sollte auf die 300 und 400 PS starken Benzin-Triebwerke zurückgreifen.

Tollkühne Männer in fliegenden Kisten. Für den neuen James-Bond-Film erhob sich der Defender sogar in die Lüfte.

Vermutlich wird sich die Masse der Käufer jedoch mit dem großen Diesel begnügen. Zumal er bei einem Einstiegspreis von 55.600 Euro im Viertürer, dem 110er, einigermaßen erschwinglich ist und beim Verbrauch mit 7,7 Litern argumentiert. Das wäre in der Tat schön, diese Zahl hat aber mit der Wirklichkeit kaum etwas zu tun. Bei der – zugegebenermaßen flotten – Testfahrt durchs Altmühltal schluckte unser Defender um die elf Liter. So viel braucht auch ein M2 von BMW mit 420 PS. Da ist der Spaßfaktor aber weitaus größer.

Land Rover Defender: Offroad kommen die Stärken zur Geltung

Der neue Defender ist zwar kein Amphibienfahrzeug, kann aber auch tiefe Wasserfurten bewältigen.

Den hat man mit dem Defender garantiert abseits der Asphaltpisten. Ab ins Gelände. Ab in den Steinbruch. Dreck, Matsch, Verschränkungen, tiefe Löcher, weite Furten. Da ist der Landy zu Hause. Und vermutlich schlägt das Modell 2020 seinen Vorgänger um Längen. Der Fahrer ist dabei mittlerweile nur noch Makulatur. Alles läuft voll automatisch. Geländeuntersetzung rein, Karosserie anheben, den Rest erledigt der Computer. Der verteilt die Kraft auf Achsen und Räder so geschickt, dass Stock und Stein ihren Schrecken verlieren. Der Computer denkt, der Mensch lenkt. Gelegentlich muss man korrigierend eingreifen, wenn das Auto seitlich abrutscht. Aber immer dran denken: In der Ruhe liegt die Kraft. Und so gerät der vermeintliche Ritt durchs Gelände zu einem Balance-Ballett auf vier Rädern.

Ins Schwimmen kommt ein Land Rover Defender nicht so leicht. Die Wattiefe liegt bei 90 Zentimetern.

Dabei wird auch noch der Voyeurismus des Fahrers voll bedient. Dank der vielen Fahrzeugkameras und der irren Rechenleistung des Computers hat man nicht nur 360-Grad-Ansichten rund ums Auto. Nein, man kann sogar unter die Motorhaube schauen und die Beschaffenheit des Geländes inspizieren. Der zentrale Bildschirm zeigt einem die Fahrt so, als ob eine Kamera, das Auto von hinten, von links, von rechts, sogar von vorne verfolgen würde. So wird jedes Offroad-Erlebnis zum Multimedia-Event.

Kommt ein Defender geflogen... So etwas gibt es nur im Film. Im neuen James-Bond-Streifen

Ein Graus für Puristen, die auf Leiterrahmen- und Lochblech-Romantik stehen. Trotzdem: Die für Geländetauglichkeit entscheidenden Werte des Defenders dürften auch jeden Skeptiker überzeugen. Die Überhänge des Fahrzeugs wurden so angepasst, dass die Böschungswinkel bei 38 Grad (vorne) und 40 Grad (hinten) liegen. Auch bei maximaler Seitenneigung und Steigfähigkeit von 45 Grad spielt der Defender in der Oberliga mit. Damit ist er keine Schönwetter-SUV für die Fahrt über die innerstädtischen Knüppeldämme, sondern ein echter Kerl fürs Gelände bei jedem Wind und Wetter.

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Auch innen weiß der neue Defender zu überzeugen

Aufgeräumt und funktionell präsentiert sich das Cockpit. Wert legten die Entwickler auch auf die schnelle und unkomplizierte Reinigung des Innenraums.

Außen hui! Und auch innen hui! Das ultraleichte Armaturenbrett aus Magnesium spannt ebenfalls einen Bogen zwischen früher und heute. Überall gibt es Griffe, wenn es mal rau wird im Gelände. Die Verkleidungen sind rustikal mit Sichtschrauben befestigt. Und in der Mitte des Cockpits hat man den Entertainment-Bildschirm montiert. Eher beiläufig, zwischen zwei Schienen geklemmt. Gottseidank wurde die Menüführung bei Jaguar Land Rover entrümpelt. 50 Prozent weniger Unterpunkte. So viel zur Statistik.

Sofort verfügbar ist die viertürige Variante, der 110 er. Der Zweitürer (90er) ist zwar bestellbar, wird erst im September ausgeliefert

In der Praxis merkt man: Es geht einfach, auch bei den Engländern. Das ist mal ein vernünftiger Brexit. Vermeintlich vernünftig ist auch der Grundpreis des neuen Defenders.

  • 55.600 Euro für den Viertürer und
  • 49.700 Euro für den Zweitürer

Das ist freilich nur die halbe Wahrheit. Denn wer sich sein Auto halbwegs vernünftig ausstatten will, ganz zu schweigen von der Armada an den optischen und praktischen Zusatzfeatures wie Leitern und Außenboxen, die den Geländewagen erst so richtig cool machen, der landet leicht und locker bei schwindelerregenden Endpreisen. 30.000 Euro mehr sind da schnell drinnen.

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Fazit zum neuen Land Rover Defender

Kult-Auto mit echten Geländeeigenschaften. Der Defender hat unseren Autor Rudolf Bögel fast restlos überzeugt.

Wer auf Design steht, gerne mit einer mächtigen Motorhaube um die Kurven schiebt und öfter mal ins Gelände muss: Es gibt nicht wirklich eine Alternative zum neuen Defender. Negativ ist der hohe Preis, der aus dem Landy ein Luxus-Spielzeug für gut Betuchte macht.

Datenblatt Land Rover Defender 110 D240 AWD (5-Sitzer)

Hubraum:

1.999 ccm

Leistung:

240 PS

Drehmoment:

430 Nm bei 1.400 U/min

Getriebe:

8-Gang Automatik

Antrieb:

Vierrad

Länge/Breite/Höhe:

5,02/2,11/1,97 m

Leergewicht (zul):

2.323 kg / 827 kg

Kofferraum:

857 – 1.946 l

0 auf 100:

9,1 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit:

188 km/h

Normverbrauch:

7,7 l

Co2:

204 g/km

Preis:

ab 55.600 Euro

Wichtige Werte für das Gelände

Der Defender ist kein SUV, sondern ein Geländewagen. Ein echter Sohn der Wüste, wenn es sein muss.

Bodenfreiheit:

29,3 cm*

Böschungswinkel (v./h.):

38/40 Grad*

Wattiefe:

90 cm

Maximale Steigfähigkeit:

45 Grad

Maximale Seitenneigung:

45 Grad

*Diese Werte gelten bei Offroad-Höhe

 

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Rudolf Bögel

James Bond und seine Autos

Dreharbeiten zu "Spectre" im Jahr 2015: Daniel Craig steigt aus einem Aston Martin DB10. Foto: Angelo Carconi/epa/dpa-tmn
Dreharbeiten zu "Spectre" im Jahr 2015: Daniel Craig steigt aus einem Aston Martin DB10. Foto: Angelo Carconi/epa/dpa-tmn © Angelo Carconi
Verfolgungsjagd aus "Goldeneye" (1995): Oberhalb von Monte Carlo jagt James Bond in seinem Aston Martin DB5 die Pilotin Xenia Onatopp, die ihrerseits in einem Ferrari F355 GT unterwegs ist. Foto: Aston Martin/dpa-tmn
Verfolgungsjagd aus "Goldeneye" (1995): Oberhalb von Monte Carlo jagt James Bond in seinem Aston Martin DB5 die Pilotin Xenia Onatopp, die ihrerseits in einem Ferrari F355 GT unterwegs ist. Foto: Aston Martin/dpa-tmn © Aston Martin
Dreharbeiten zu "Spectre" im Jahr 2015 in Rom: Hier lieferte sich James Bond in einem Aston Martin DB10 eine Verfolgungsjagd entlang des Tibers. Foto: Angelo Carconi/epa/dpa-tmn
Dreharbeiten zu "Spectre" im Jahr 2015 in Rom: Hier lieferte sich James Bond in einem Aston Martin DB10 eine Verfolgungsjagd entlang des Tibers. Foto: Angelo Carconi/epa/dpa-tmn © Angelo Carconi
Szene aus "Feuerball" (1965) mit Sean Connery: Die französische Spionin Mademoiselle Laporte wartet am Aston Martin DB5 auf James Bond, der gerade mit einem Raketenrucksack landet. Foto: Aston Martin/dpa-tmn
Szene aus "Feuerball" (1965) mit Sean Connery: Die französische Spionin Mademoiselle Laporte wartet am Aston Martin DB5 auf James Bond, der gerade mit einem Raketenrucksack landet. Foto: Aston Martin/dpa-tmn © Aston Martin
Siegfried Tesche ist Bond-Experte und Autor mehrerer Bond-Bücher - hier während der Ausstellung "In geheimer Mission - Der Spion, der aus Wattenscheid kam" in einem gelben Citroen 2CV spécial. Foto: Bernd Thissen/dpa/dpa-tmn
Siegfried Tesche ist Bond-Experte und Autor mehrerer Bond-Bücher - hier während der Ausstellung "In geheimer Mission - Der Spion, der aus Wattenscheid kam" in einem gelben Citroen 2CV spécial. Foto: Bernd Thissen/dpa/dpa-tmn © Bernd Thissen

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