"Adoptiere einen Kardinal!"

Papst-Initiative aus Bayern wird Internet-Sensation

Über die Internet-Seite www.adoptacardinal.org haben bereits mehr als 300.000 Gläubige (Stand mittwoch) aus aller Welt einen Kardinal zur Gebetsbegleitung für die Pastwahl im Konklave adoptiert.

Augsburg - Eine Papst-Gebetsinitiative aus Bayern wird zur Internet-Sensation: "Adopt a cardinal" teilt Katholiken für die Papstwahl einen Kardinal zur Gebetsbegleitung zu. Weit über eine Viertelmillion Gläubige sind schon dabei - Tendenz steigend.

Es dauert knapp eine Minute und schon bekommt man einen mächtigen Kirchenfürsten zugeteilt. Die Seite "adopt a cardinal" (Deutsch: "Adoptiere einen Kardinal") bittet zuvor lediglich um einen Moment der Besinnung: "Bete einen kurzen Augenblick um den Heiligen Geist, damit du deinen Kardinal ziehst, und klicke dann auf den Button unten!" Wer anschließend seine E-Mail-Adresse eingibt, bekommt umgehend eine E-Mail mit dem Namen eines der 115 Kardinäle, die demnächst den Nachfolger Benedikts XVI. wählen. 

Mitorganisatorin und Betriebswirtin Julia Kleinheinz (27) aus Rettenberg im Bistum Augsburg.

Seit die Seite der katholischen Jugendbewegung "Jugend 2000" (die unter anderem auch im Bistum Augsburg und München-Freising aktiv ist) am 22. Februar online ging, haben sich über 300.000 Gläubige aus aller Welt angemeldet (Stand: Mittwoch). "Wir sind von diesem Erfolg total überrollt worden", sagt Mitorganisatorin und Betriebswirtin Julia Kleinheinz (27) aus Rettenberg (Kreis Oberallgäu). Täglich landen im Postfach des achtköpfigen Teams hinter der Seite Mails aus Singapur, den Philippinen, Indien, den USA, Peru, Bolivien, Abu Dhabi oder Trinidad und Tobago. Kurz: Aus allen Winkeln der Weltkirche.

Aktuell meldete sich bei Julia Kleinheinz per E-Mail eine Ordensfrau aus den Vereinigten Staaten, die ein Altenheim leitet. "Sie hat ihren Bewohnern von unserer Initiative berichtet und sofort haben sich 40 Interessenten gemeldet. Ein paar von ihnen sind sogar über 100 Jahre alt. Die haben aber keine E-Mail-Adressen und so haben wir die E-Mail-Adresse der Ordensschwester weiter freigeschalten, damit sie 40 Kardinäle per Computer für die Bewohner ermitteln konnte."

Die E-Mails verraten außerdem: Familien adoptieren Kardinäle, manche verwenden das Bild 'ihrer' Exzellenz als Hintergrundbild bei ihren Smartphones, ganze Schulklassen beten gemeinsam für die Kardinäle.

Um zu verstehen, worum es dieser Seite eigentlich geht, ist ein Crash-Kurs in katholischer Theologie hilfreich: Die Kirche, deren Oberhaupt der Papst in Rom ist, versteht sich nicht als weltliche Organisation wie der DFB oder die Gewerkschaft verdi. Nach katholischer Lehre hat Jesus Christus seiner Kirche (dem "Leib Christi" auf Erden) an Pfingsten den Heiligen Geist als Beistand mitgegeben, der sie seither durch alle Stürme der Geschichte führt.

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Insofern wählen demnächst nicht allein die 115 Kardinäle im Konklave den Nachfolger Benedikts XVI. Vielmehr bestimmt der Heilige Geist persönlich den neuen Papst. Die Kardinäle müssen jenen Auserkorenen nur noch erkennen und ihm ihre Stimmen geben.

Leider klaffen Anspruch und Realität manchmal etwas auseinander: Dass in 2000 Jahren Kirchengeschichte der Ruf des Heiligen Geistes nicht immer ganz deutlich zu den Kardinälen durchgedrungen ist, belegen sowohl gelehrte Werke zur Kirchengeschichte als auch ZDF-Quotenbringer wie "Borgia".

Immerhin können Katholiken in aller Welt den Eminenzen (so die Anrede der kirchlichen Würdenträger) vor und während der Papstwahl einen immens wichtigen Dienst tun: Nämlich indem sie diese im Gebet und in den Fürbitten tragen, damit der Heilige Geist sie erleuchtet.

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Die Internet-Seite adoptacardinal.org will nun dafür sorgen, dass die Gebete der Katholiken in allen Ländern möglichst effizient auf alle Kardinäle verteilt werden. "Wir wollten erreichen, dass die Leute nicht nur für die beliebten und bekannten Kardinäle beten.", erläutert Kleinheinz. "Unser Ziel ist es, dass die Gebete auf alle 115 Kardinäle gleich verteilt werden. Wir wollen einfach dazu beitragen, dass Gottes Plan im Konklave verwirklicht wird."

Die Rückmeldungen sind unterschiedlich - aber alle ähnlich faszinierend. "Wir wissen von Leuten, die 'ihren' Kardinal eigentlich gar nicht mögen, aber aus dem Geist der christlichen Nächstenliebe trotzdem für ihn beten. Es gibt aber auch Botschaften wie die einer Frau, die 'ihren' Kardinal zuvor gar nicht kannte. Nun will sie für den Rest seines Lebens so für ihn beten, wie für ihren eigenen Sohn."

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Wie kam es eigentlich zu der ungewöhnlichen Idee dieser Internet-Gebetsinitiative? "Jemand von unserer Gruppe hat einen Artikel im Internet gelesen in dem alle Kardinäle für die Papstwahl kurz mit Bild vorgestellt wurden. In diesem Moment war der Impuls da 'Betet für meine Kardinäle' und das Schlagwort 'Adopt a Cardinal'", berichtet Julia Kleinheinz. Nachdem wir auch in einem kleinen Kreis darüber gebetet haben, hat es sich bei allen bestätigt und sofort durchgesetzt."

Zunächst sollte es nur eine überschaubare Initiative im Rahmen von "Jugend 2000" werden. "Wir wollten unsere Freunde, Bekannten mit ins Boot holen", erzählt die Mitinitiatorin. "Mit 1000 Teilnehmern wären wir mehr als zufrieden gewesen. Aber was dann kam, war nur noch krass." Kleinheinz & Co. unterschätzten den Multiplikatoren-Effekt der sozialen Netzwerke Twitter und Facebook. "Jeder von uns kennt auch Katholiken aus anderen Ländern. Und die haben dafür gesorgt, dass es sich wie eine Lawine verbreitet."

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Nach wenigen Tagen stieß die Webseite adopt a cardinal aufgrund der zigtausend Adoptions-Anfragen an seine Grenzen. Der Provide, der Speicherplatz für die Seite zur Verfügung stellte, schob angesichts der gewaltigen Zugriffszahlen einen Riegel vor. "Wir mussten Speicherplatz einkaufen - sonst hätten wir keine Kardinäle mehr vermitteln können."

Julia Kleinheinz selbst hat übrigens Kardinal Polycarp Pengo, Erzbischof von Dar es Salaam in Tansania adoptiert. "Er steht mittlerweile als Name an meiner großen 3,5 m langen Gebetswand und ich schließe ihn täglich in mein Gebet mit ein", berichtet die Allgäuerin.

Von den deutschen Kardinälen hat auch schon einer Wind von der Gebetsinitiative bekommen: Nämlich Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising. "Wir haben ihm im Rahmen der letzten Generalaudienz Benedikts XVI. in Rom ganz kurz eine kleine Information davon geben können. Er hat sich sehr erfreut darüber gezeigt und uns gesagt, dass er sich die Seite einmal genauer anschauen wolle."

Egal wie viele Menschen bis zum Konklave noch einen Kardinal adoptieren: Für Mitorganisatorin Julia Kleinheinz und ihre Mitstreiter bleibt auf jeden Fall eine unglaubliche geistliche Erfahrung: "Jetzt haben wir wirklich ein Gespür für unsere Weltkirche. Und man merkt: Gebet ist etwas Universelles, das alle Menschen eint."

fro

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