Computerspiel als „unerträgliche Verharmlosung“

Ärger um virtuelle Schlacht im KZ Dachau

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Die KZ-Gedenkstätte in Dachau wird bei dem Spiel Ingress zur virtuellen Arena.

Dachau - In einem beliebten Computerspiel wird die echte KZ-Gedenkstätte in Dachau zur Arena im virtuellen Kampf um Punkte. Die Leiterin der Gedenkstätte ist entsetzt.

Es ist gang und gäbe, dass Besucher in der KZ-Gedenkstätte Dachau mit Smartphone oder Tablet herumlaufen. In letzter Zeit hatten manche von ihnen aber weniger das Gedenken an die Gräueltaten im Sinn, die hier begangen wurden, als vielmehr das Spielen von Ingress. Dabei kämpfen sie um das Schicksal der Menschheit und wollen Punkte erzielen und höhere Levels erreichen. Das geht, indem sie sogenannte Portale aufsuchen, diese erobern und mit Bomben zerstören (siehe unten).

„Wir haben das überhaupt nicht bemerkt“, sagt Gabriele Hammermann zur tz. Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau erfuhr erst durch Recherchen der Wochenzeitung Zeit, dass hier besonders viele der Portale eingerichtet wurden, wie in Sachsenhausen, Ravensbrück, Neuengamme, Majdanek und Auschwitz. Diese Portale werden vom Hersteller Niantic Labs, einer Tochterfirma des Internetgiganten Google, angelegt. Und zwar auf Anregung von Spielern. Diese schlagen Niantic vor, wo Portale entstehen sollen. Über elf Millionen Mal wurde das Spiel bisher auf Smartphones und Tablets heruntergeladen, rund drei Millionen Portale wurden weltweit installiert.

Es ist ein sogenanntes Augmented-Reality-Spiel, in dem die echte Welt zur Benutzeroberfläche des virtuellen Spiels gemacht wird. Diese Games sind, so glauben Experten, die Zukunft bei den Computerspielen. Die US-Unternehmensberatung Digi-Capital prognostiziert bei Augmented Reality den jährlichen Umsatz mit Software, Dienstleistungen und Geräten im Jahr 2020 auf rund 120 Milliarden US-Dollar (rund 108 Milliarden Euro). Es geht bei Ingress also längst nicht nur darum, ob die Enlightened, die Erleuchteten, oder die Restistance, der Widerstand, mehr Portale auf der ganzen Welt beherrschen.

Alleine im Umfeld des ehemaligen KZ Dachau fanden sich 40 Portale. Diese seien von der Google-Tochter eingerichtet worden, ohne die KZ-Gedenkstätte zu informieren oder eine entsprechende Erlaubnis einzuholen, betont Gabriele Hammermann, die Leiterin der Gedenkstätte. „Sie haben einfach die historisch hochsensiblen, mit der Erinnerung an die Opfer verbundenen Orte freigeschaltet.“ Das Spiel stelle eine „unerträgliche Verharmlosung“ dar. Dass die Gedenkstätte für Überlebende und ihre Angehörigen ein Ort der Trauer sei, negiere das Spiel, „ebenso wie die Auseinandersetzung mit der Geschichte“.

Nach den massiven Protesten gegen das Spiel entschuldigte sich der Gründer von Niantic Labs, John Hanke, und sagte, dass man begonnen habe, „derlei Plätze für Deutschland und andernorts in Europa herauszunehmen“. Recherchen der Zeit ergaben jedoch, dass sowohl Auschwitz als auch Oranienburg noch im Spiel benutzt werden können, und in Dachau seien zwar die Portale im ehemaligen KZ entfernt worden, nicht jedoch auf dem Häftlingsfriedhof.

Smartphones und Tablets für derlei Spiele in der Gedenkstätte zu verbieten, sieht Gabriele Hammermann als nicht durchsetzbar an. „Es gibt kaum Möglichkeiten, in der virtuellen Welt das Hausrecht auszuüben.“

Darum geht es bei Ingress

Das im Dezember 2013 veröffentlichte Spiel dreht sich um die Entdeckung einer neuartigen fiktiven Energie, die aus sogenannten Portalen ausströmt. Diese Portale sind mit real existierenden Bauwerken verknüpft. Die Spieler (entweder Erleuchtete oder Widerständler) müssen beim Kampf um das Schicksal der Menscheit versuchen, möglichst viele der Portale unter ihre Kontrolle zu bringen. Grafik: www.ingress.com

Volker Pfau

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