Flüchtling auf Wohnungssuche

Weil er Ausländer ist: Niemand will Ndidi als Mieter

+
Seit vier Monaten ist der Nigerianer Abraham Ojei anerkannter Flüchtling. Seitdem sucht er mit Pastor Peter Neuhaus eine Wohnung.

Garmisch-Partenkirchen - Abraham Ojej ist anerkannter Flüchtling. Damit musste er die Unterkunft für Asylbewerber verlassen. Aber niemand will den Nigerianer als Mieter. Deshalb muss er seit vier Monaten in einem Obdachlosenheim in Garmisch-Partenkirchen leben. Eine Geschichte, die fassunglos macht.

Ndidi nennt man ihn in seiner Heimat Nigeria. Ndidi, die Geduld. Er lächelt milde, als er seinen Namen übersetzt. Seine Eltern konnten nicht wissen, wie geduldig und gütig ihr Sohn einmal werden würde, als sie ihn vor 39 Jahren im Norden Nigerias zur Welt brachten und ihn in ihrem Dialekt Ika den Namen Ndidi gaben. Doch einen besseren konnten sie nicht wählen. Seit vier Monaten ist der Afrikaner, in dessen Pass der Name Abraham Ojei steht, anerkannter Flüchtling. So lange schon sucht er im Raum Garmisch-Partenkirchen eine Wohnung, maximal 50 Quadratmeter groß für maximal 370 Euro im Monat. Angebote gibt es – nur Ojei bekommt sie nicht. Warum? „Viele wollen keine Ausländer“, erzählt er. Das sagen ihm die Vermieter ganz offen. „Manche wollen auch keine Afrikaner.“

Ojei erzählt das ohne Zorn oder Frust. „Ich bin nicht frustriert“, sagt er in seinem schon überaus guten Deutsch. „Ich suche weiter.“

Eine Haltung, die auch Peter Neuhaus bewundert. Der Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde in Garmisch-Partenkirchen hilft Ojei bei der Suche. Nicht immer kann er seine Wut so gut verbergen. Bestimmt 150 bis 200 Vermieter und Makler haben er und andere Gemeindemitglieder in den vergangenen Monaten angerufen. Fassungslos ließ ihn vor allem diese Aussage eines Maklers zurück: „Das ist nicht die Qualität Mieter, die wir unseren Vermietern bieten wollen.“ Neuhaus wird deutlich: „Da bekomme ich Aggressionen.“

Aus ihm spricht der Frust, den Ojei in seiner Gutmütigkeit nicht zulässt. Auch weil er weiß: Dieses Problem ist klein im Vergleich zu dem, was er durchgemacht hat.

Die Terrorgruppe Boko Haram hat seine Heimat in einen lebensgefährlichen Ort verwandelt. Die Islamisten verfolgten die christliche Minderheit im Norden Nigerias, mit Macheten und Sturmgewehren stürmten sie Gottesdienste. Eines Nachts kamen sie in Ojeis Haus. In Todesangst sprang er aus dem Fenster, seine Mutter und seine Kinder Imanuela (5) und Joel (3) musste er zurücklassen. Eineinhalb Wochen versteckte er sich im Busch. Bis ihn eine Frau aus seiner Kirchengemeinde entdeckte. Ihr Sohn lebte in Deutschland, er brachte Ojei nach München. „Ich habe nie einen Cent für den Flug bezahlt.“ Ojeis Helfer schickte ihn ins Auffanglager. „Dann hab’ ich ihn nie mehr gesehen.“

Das war vor eineinhalb Jahren. Seitdem hat Ojei Deutsch gelernt, hat in der Freien Evangelischen Gemeinde in Garmisch-Partenkirchen „eine Familie“ gefunden. Nur ungern will er sie verlassen. Doch wenn er nur anderswo eine Wohnung findet: Er würde sie nehmen. „Alles ist besser als das jetzt.“

Der 39-Jährige wohnt im Obdachlosenheim, in einem Zimmer mit vier weiteren Männern und einem Hund. Denn die Unterkunft für Asylbewerber an der Mittenwalder Straße musste er vor vier Monaten verlassen, als er den Status des anerkannten Flüchtlings erhielt. Eine Nachricht, „die mich erst gefreut hat“. Doch dann kamen die Probleme: Niemand wollte ihn als Mieter haben.

Irgendwie, sagt Neuhaus, könne man die Hausbesitzer ja sogar verstehen. „Sie haben so viele Bewerber, sie können sich die Mieter aussuchen.“ Arbeitslose Flüchtlinge stünden im Qualitätsranking eben nicht ganz oben. „Die Menschen haben Angst, dass es Probleme gibt.“ – „Welche Probleme denn?“, fragt Ojei sofort. Ungläubig und zum ersten Mal energisch. Manchmal, gesteht er, fühle er sich wütend. „Doch ich versuche, mich gleich zu beruhigen.“

Die vielen Absagen aber hinterlassen Spuren. Vor allem stellt sich Ojei die Frage: „Wenn ich schon keine Wohnung finde, wie soll ich einen Job finden? Ich brauche doch auch Arbeit.“ 391 Euro bekommt er von der Arbeitsagentur jeden Monat. Doch der Afrikaner, der derzeit in Weilheim einen Deutschkurs belegt, will arbeiten, sich nützlich machen. Auch, um seine Familie zu unterstützen.

Seine Mutter lebt mittlerweile mit Tochter und Sohn im Süden Nigerias. „Dort sind sie sicher.“ Irgendwann kann er seine Kinder vielleicht nach Deutschland holen. „Ich hoffe sehr, dass ich sie hier wiedersehe.“ Sie sind das Einzige, was Ojei noch an Nigeria denken lässt. Ob sein Haus noch steht? Sein Bekleidungsgeschäft? Er zuckt die Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich habe das hinter mir gelassen.“

Für ihn zählt jetzt das Leben in Deutschland, in Sicherheit. Er ist überzeugt: „Irgenwann werde ich eine Wohnung finden.“ Gott werde ihn nicht alleine lassen. Neuhaus fasziniert dieses „fast kindliche Gottvertrauen“. Auch das entspricht dem Namen: Abraham, der Vater des Glaubens.

Katharina Bromberger

auch interessant

Meistgelesen

Ex-Ski-Star schwer gestürzt: „Ich hatte einen großen Schutzengel“
Ex-Ski-Star schwer gestürzt: „Ich hatte einen großen Schutzengel“
Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
Mutter des WM-Mörders: "Er tötet mich, wenn er rauskommt"
Mutter des WM-Mörders: "Er tötet mich, wenn er rauskommt"

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion