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Am Donnerstag ist Tag der Mundart, aber: Dialekt ist für viele Kinder ein Fremdwort

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Von: Dirk Walter

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Und Tschüss – Bairisch ist nur unter Kindern mit originär bayerischen Eltern noch ein Thema, warnt der Förderverein Bairische Sprache und Dialekte. © dpa/Armin Weigel

Wie viele Kinder können noch Dialekt sprechen? Ein österreichischer Wissenschaftler hat sich in einigen Schulen im Rupertiwinkel umgehört. Sein Fazit klingt ernüchternd.

München/Bad Reichenhall – „Keine Mutmaßungen und keine Schätzungen mehr über die regionale Mundartkompetenz“ – das ist der Wunsch des

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Eugen Unterberger, Dialektforscher

Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte. Weil er die flotten Behauptungen nach der Verbreitung von Bairisch leid ist, hat der Verein nun eine eigene wissenschaftliche Arbeit gefördert. Eugen Unterberger vom Fachbereich Germanistik-Linguistik an der Universität Salzburg zog für seine Master-Arbeit los und erhob Daten an insgesamt sechs Grund- und Mittelschulen in Tittmoning, Bad Reichenhall, Saaldorf-Surheim sowie am Gymnasium Laufen. Mit einer Powerpoint-Präsentation fragte er die Schüler nach insgesamt 55 Begriffen ab, bei denen eindeutige Bairisch-Sprechweisen möglich sind. Also zum Beispiel Leiter – Loata oder Apfel – Apfe. Die Ergebnisse flossen in seine mittlerweile abgeschlossene Arbeit mit dem Titel „Dialekt und Standard in bayerischen Schulen“ ein. Ursprünglich wollte Unterberger auch in Kindergärten forschen, aber die Ergebnisse dort waren nicht verwertbar.

Das Ergebnis für die Schulen veröffentlicht der Förderverein rechtzeitig vor dem Internationalen Tag der Muttersprache (21. Februar). Es sei, so sagt der Landesvorsitzende des Fördervereins, Horst Münzinger, „ernüchternd“. Nur noch etwa die Hälfte der 127 befragten Kinder und Jugendlichen konnten „dialektnah“ reden und verstehen – und das, so Münzinger, obwohl das Untersuchungsgebiet ländlich geprägt sei. „Bisher ging man von einer stärkeren Mundartdurchdringung im ländlichen Raum und von Schwächen in größeren Städten aus“, meint Münzinger, der sich auch für die Bayernpartei engagiert. „Die Ergebnisse signalisieren, dass die Überlieferung von kulturell und geschichtlich wertvollen und einzigartigen Mundarten an die nächste Generation bedroht ist.“ Zu Recht habe die Unesco bereits 2009 Bairisch als gefährdete Sprache eingestuft.

Kinder von Binnendeutschen gewöhnen sich eigenen Dialekt an

Ganz so schwarz malte der Wissenschaftler allerdings nicht. Er differenziert in seiner Arbeit genau nach der Herkunft der Kinder. „Migranten sprechen größtenteils Standarddeutsch“, sagt Eugen Unterberger. Auch sogenannte Binnendeutsche, also Kinder, die Eltern aus Sachsen oder Franken haben oder selbst dort noch geboren wurden, bemühen sich zumeist um Hochdeutsch. „Sie gewöhnen sich sogar ihren eigenen Dialekt ab.“

Anders hingegen verhalte es sich mit den von klein auf im Rupertiwinkel aufgewachsenen Schülern: Diese sprechen zu 90 Prozent sehr wohl noch Dialekt. Ähnlich sei das bei österreichischen Kindern der Fall.

Der Förderverein knüpft an die kleine Untersuchung weitreichende Forderungen: Das bayerische Kultusministerium müsse das Versprechen im

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Horst Münzinger, Förderverein Bairische Sprache © Marcus Schlaf

Koalitionsvertrag von CSU/FW, wonach es einen Unterrichtsschwerpunkt „Mundart und regionale Kultur“ geben soll, mit Leben füllen. Unter anderem wünscht sich der Verein, dass Mundart und Volksmusik Teil der Aus- und Weiterbildung von Lehrern werden. Auch müssten die Schulbücher künftig Bairisch berücksichtigen – Untersuchungen hätten bisher im Gegenteil „eine erschreckende Abwertung“ der Mundarten gezeigt.

Schließlich wünscht sich der Verein auch, dass das Kultusministerium endlich eine eigene, umfassende Studie zur Mundartkompetenz in Kindergärten und Schulen in Auftrag gibt. Diese Forderung gibt es seit Langem, doch das Ministerium blocke mit Verweis auf die Kosten und der unzuverlässigen Untersuchungsmethode ab. Man sei die steten, aber vergeblichen Appelle an das Ministerium langsam leid, sagt Vorsitzender Horst Münzinger.

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Kinder, die kein Deutsch sprechen, sollen nicht zur Grundschule zugelassen werden - so der Vorstoß von Unionsvize Carsten Linnemann. Diese Aussage stößt nun auf scharfe Kritik.

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