Der Grund empört

Gemeinden sperren gerade in ganz Bayern Badeanlagen - der Zeitpunkt könnte kaum schlechter sein

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Eingeschränkter Badespaß: Nora Niesel und ihre Kinder Mila, Florian und Moritz vermissen die Badeinsel in St. Alban. Die Gemeinde hatte diese aus Sorge vor einer Haftung bei Unfällen abgebaut.

Badeinseln weg, Sprungtürme dicht: Viele Gemeinden im Bayern bauen ihre Badeanlagen zurück - aus Angst. Wir gehen am Ammersee, wo ein ganzes Strandbad sterben musste, der Sache auf den Grund.

München – Das Thermometer im Strandbad in Dießen am Ammersee zeigt 31 Grad, die Sonne steht senkrecht am Himmel, der Schweiß läuft über die Stirn. Nichts wie hin zum Steg, ein Sprung ins Wasser, Wassertemperatur: 20 Grad. Herrlich. Was fehlt, ist eine Badeinsel zum Entspannen. 20 Jahre lang schwamm hier im Ortsteil St. Alban ein einfaches Holzfloß zwischen den zwei Stegen am Westufer des Sees. Seit gut einer Woche sind die Badeinsel und eine zusätzliche Wasserrutsche weg.

Grund dafür ist ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom November 2017. Eine Frau hatte 2014 vor dem Landgericht Koblenz eine Gemeinde auf Schadensersatz verklagt, weil sie sich als zwölfjähriges Mädchen in einem kommunalen Freibad in einem Befestigungsseil einer Boje verfangen hatte. Für mehrere Minuten war sie unter Wasser, ehe sie von einer Badeaufsicht gerettet wurde. Sie ist infolgedessen schwerstbehindert und pflegebedürftig. Und sie warf der Badeaufsicht vor, nicht pflichtgemäß gehandelt zu haben. 

Der Fall ging zum BGH, der die Pflichten der Badeaufsicht konkretisierte und die Beweislast bei Badeunfällen umkehrte. Heißt: Bei Badeunfällen in kommunalen Freibädern muss die Gemeinde nachweisen, dass sie nicht daran schuld ist.

Sprungturm gesperrt heißt es in Herrsching. Doch nicht jeden interessiert das.

„Um die Badeanlagen weiter zu betreiben, bräuchten wir deshalb eine permanente Aufsicht“, sagt Dießens Bürgermeister Herbert Kirsch. Kurzerhand ist er nach St. Alban gekommen. Die Sache ist ihm wichtig. Über 100 000 Euro hätten Bademeister die 11 000-Einwohner-Gemeinde jährlich gekostet. Zu viel, sagt Kirsch. Zumal es gar kein Personal gebe. Also haben die Dießener das Strandbad zu einer Badestelle rückgebaut, Floß und Rutsche eingeholt. Ohne Eintritt, ohne Aufsicht, zwischen 6 Uhr morgens und 22 Uhr kann hier jeder ein- und ausgehen.

Auch in FFB wird die Thematik heiß Diskutiert: Beliebter Badespaß am in ganz München bekannten Pucher Meer muss sterben.

„Ich habe große Bedenken, dass hier bald Scherben rumliegen“, sagt Nora Niesel, die auf einem bunten Tuch am Seeufer sitzt. Seit ihrer Kindheit kommt die Mutter von drei Kindern nach St. Alban. Dass die Gemeinde im Ernstfall nun ihre Unschuld beweisen muss, hält sie für übertrieben. Jeder müsse auf sich selbst und seine Kinder aufpassen. „Dass die Badeinsel nicht mehr da ist, ist schade“, sagt die 34-Jährige. Vor allem für die Kinder.

Benutzung auf eigene Gefahr heißt es nun am Eingang des Strandbads St. Alban. Das Drehkreuz ist abgebaut.

Frank Seiffert sitzt in schwarzer Kochjacke auf der Terrasse. Er ist der Pächter des Strandcafés, gleich muss er wieder in die Küche, ein Gast hat Currywurst bestellt. Seiffert hat jetzt keinen Überblick mehr, wer in das Bad geht. In den vergangenen Jahren, als noch das Drehkreuz am Eingang war, konnte der 50-Jährige Betrunkene oder Pöbler den Zugang verweigern. Guter Dinge ist er trotzdem. Er ist weiterhin für die Pflege und Müllentsorgung der Liegewiese zuständig. „Für die Badegäste wird sich nichts verändern“, versichert er.

Nicht nur in St. Alban wurde in den vergangenen Wochen zurückgebaut. Viele Betreiber von Seebädern verzichten auf ihre Badeattraktionen: Am Lechsee in Schongau, an den Strandbädern Seewinkel in Herrsching und Feldafing am Starnberger See.

Den anderen Weg geht der Seehausener Fremdenverkehrsverein, der das Strandbad am Staffelsee betreibt. Für die laufende Saison hat er eine dritte Badeaufsicht eingestellt. Zu den Badezeiten ohne Aufsicht versperren die Seehausener die Zugänge zu den Stegen, zum Sprungturm und der Wasserrutsche. „Unsere Gäste dürfen nach wie vor baden, sollen aber nicht über den Steg ins Wasser gehen, sondern vom Ufer aus“, sagt Vereinsvorsitzende Rosemarie Biehler. Die Tageskarte ist dadurch um 50 Cent teurer geworden.

In St. Alban kostet’s nichts. 20 Jahre ist nichts Ernsthaftes passiert, sagt Bürgermeister Herbert Kirsch. Er sitzt auf einem Stuhl im Strandcafé, dreht sich und guckt auf den neuen Kinderspielplatz am hinteren Teil der Liegewiese. Vier Meter hohe Holzmasten, Hangelseile, Klettergeräte – auch da können Unfälle passieren. Eine Aufsicht braucht es für den Spielplatz nicht. „Das kommt auch bestimmt bald“, brummt Kirsch. „Es geht immer nur darum, einen Schuldigen zu finden.“

Weiter südlich in Oberbayern macht sich eine ganze Region über aus selben Grund gesperrte Badestege lustig - über die Aktion selbst lacht niemand. 

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