Augsburger legt Verfassungsbeschwerde ein

Dieser Heimleiter verklagt den Staat

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Für das Wohl seiner Bewohner greift er schon mal zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Armin Rieger.

Augsburg - "Den Namen Pflege- oder Heimrebell haben mir die Medien gegeben", sagt Armin Rieger (56). Der Augsburger hat nun Verfassungsbeschwerde eingelegt.

Die Oblatterwallstraße ist eine der ruhigen Ecken in Augsburgs Innenstadt. Auf der einen Seite fließt im Äußeren Stadtgraben das Lechwasser träge am Zentrum der Fuggerstadt vorbei, auf der anderen Seite, hinter einem blauen Hoftor, steht in der ruhigen Straße neben drei neu erbauten Wohnblocks das Haus Marie. Ein Banner weist auf den Tag der offenen Tür am 6. September hin. Hier soll er also sitzen, der Rebell, der den Pflege-TÜV sabotiert, die eigene Branche immer wieder scharf kritisiert und nun Verfassungsbeschwerde gegen menschenunwürdige Pflege eingelegt hat.

„Den Namen Pflege- oder Heimrebell haben mir die Medien gegeben“, sagt Armin Rieger (56) mit einem verschmitzten Lächeln. Aber er sieht dabei nicht so aus, als würde ihm das nicht gefallen. Den Rebell kann man sich bei ihm schon vorstellen. Wie er als junger Kerl mit 18 Jahren zur Polizei gegangen ist, vom Streifenbeamten zum verdeckten Ermittler bei der Drogenfahndung der Kripo wurde, der im Porsche durch Augsburg kurvt und mal schnell in Frankfurt ein paar Kilo Haschich ankauft, um einen Rauschgifthändler auffliegen zu lassen.

Armin Richter quittierte nach 15 Jahren den Dienst, als ein neuer Chef nur noch Interesse daran hatte, „die kleinen Kiffer anzuzeigen und nicht die großen Dealer“. Der gradlinige Rebell eben. Dann steigt er ins Immobiliengeschäft ein, gründet eine Bauträgergesellschaft – „ich habe richtig Geld verdient“ – und wird von der Immobilienkrise Ende des letzten Jahrhunderts erwischt. „Ich war einer von den vielen, die über den Jordan gegangen sind.“

Bewohner im Haus Marie.

Beim Haus Marie in der Oblatterwallstraße war er ursprünglich eingestiegen, um Geld zu verdienen, musste aber zuschießen und dachte sich, dass er dann doch besser gleich den ganzen Laden als Heimleiter übernehmen könnte. „Ich hatte davon null Ahnung“, sagt Armin Rieger rückblickend. „Es war chaotisch und hat an allem gefehlt.“ Heute genieße das Haus mit 33 Demenzpatienten in der Fachbranche einen guten Ruf.

Im Haus Marie können sich die Bewohner draußen, im Wintergarten oder in ihren Zimmern aufhalten.

Dieses Ansehen gibt ihm auch die fachliche Autorität, den Finger in die Wunden des Pflegebetriebs zu legen. Dorthin, wo es weh tut. Er hat beispielsweise dafür gesorgt, dass er beim Pflege-TÜV nach einer 1,0 bei der nächsten Prüfung eine schlechte Note erhielt, weil er dieses Prüfsystem für fragwürdig hält. „Wenn ich das Wundliegen eines Patienten richtig dokumentiere, bekomme ich eine Eins, aber keiner fragt, warum der Patient wund ist“, regt er sich auf, denn in den meisten Fällen sei dies ein Zeichen eines eklatanten Pflegefehlers. Konsequenzen hatte sein Aufbegehren übrigens nicht – weder fürs Haus Marie noch für das Prozedere des Tests.

Nun hat er Verfassungsbeschwerde eingelegt. Er fordert unter anderem, geistig verwirrte und fitte Menschen getrennt unterzubringen, einen höheren Personalschlüssel, ausreichend Hauswirtschaftspersonal, um Pflegepersonal nicht berufsfremd einzusetzen, sowie ein Recht auf den Aufenthalt im Freien. „Die Würde von pflegebedürftigen Menschen wird jeden Tag verletzt!“ Auch im Haus Marie. „Es gibt kein Heim ohne Mängel und Menschenrechtsverletzungen.“ Der deutsche Staat würde dieses Treiben billigend in Kauf nehmen, und die alten Menschen, die im Heim leben, hätten keine Möglichkeit, ihre Rechte durchzusetzen. Manchmal müsse die Gegenseite nur lange genug warten.

Ein Zimmer im Haus Marie.

„Wir sind eines der reichsten Länder der Erde“, sagt Armin Richter zu seiner Motivation. „Es kann nicht sein, dass wir die Leute, die das erarbeitet haben so behandeln.“ Er versucht in seinem Heim, den Bewohnern das Leben so menschenwürdig wie möglich zu gestalten. Pfleger müssen keine Putzarbeiten erledigen, dafür gibt’s eigenes Personal, und das Essen wird täglich frisch gekocht. „Wenn ich den Putzfrauen und dem Koch kündige und eine Cateringfirma liefern lasse, spare ich locker 5000 Euro im Monat“, sagt der Heimleiter.

Welche Chancen seine Verfassungsbeschwerde hat, mag er nicht zu beurteilen. Er weiß aber, dass er keinerlei Unterstützung aus der Politik erwarten darf: „Die haben Angst davor, dass sie gezwungen werden, was zu tun.“ Also nimmt Armin Rieger das selbst in die Hand. Und dann ist er doch wieder da, der Rebell.

Volker Pfau

Tipps fürs richtige Pflegeheim

Wie wähle ich das richtige Heim für meine Angehörigen? Die tz hat Armin Rieger gefragt und um Tipps gebeten. Er empfiehlt, möglichst ein Heim in der Nähe zu suchen, um sich besser davon überzeugen zu können, dass es den Angehörigen dort gut geht.

So finden Sie heraus, ob es sich um ein gutes Heim handelt:

1.) Sprechen die Mitarbeiter deutsch? Wie gehen sie mit den Bewohnern um? Versteht das Personal die alten Menschen? Kümmern es sich liebevoll um die Bewohner?

2.) Wie ist das Essen? Gehen Sie zur Mittagszeit ins Heim und schauen Sie zu, was es gibt, wie die Atmosphäre im Speisesaal ist und wie die Stimmung des Personals ist.

3.) Fragen Sie, ob man immer nach draußen in den Garten darf. Alte Menschen dürfen nicht ohne Grund oder nur aus Bequemlichkeit eingesperrt werden.

4.) Lassen Sie sich nicht von Checklisten oder exklusiven Ausstattungen und Schnickschnack blenden. Alte Leute brauchen nicht unbedingt ein Wohlfühlbad – außerdem fehlt meist sowieso das Personal, um sie beim Beden zu beaufsichtigen.

5.) Atmen Sie tief durch: Riecht es muffig und ungepflegt oder gar nach altem Urin?

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