Kampf gegen Medizinermangel

Mit Riesenplakat: Landarzt verzweifelt gesucht

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„Mir brauchn di“: Der Allgemeinmediziner Dr. Stefan Streng hat sein eigenes Rezept gegen den akuten Ärztemangel in Mittenwald: Kreativität. Er stellte eine Werbetafel in Krankenhausnähe auf, um einen Kollegen zu finden.

Mittenwald - Auf dem Land herrscht Ärztemangel. Mediziner fürchten ständige Bereitschaftsdienste. Ab Juli werden neue Richtlinien umgesetzt. Für einen Mittenwalder ist das zu spät – deshalb wurde er kreativ.

Dr. Stefan Streng hat letzten Sommer 200 neue Patienten dazubekommen. Von einer Woche auf die andere. Das verdankt er nicht nur seinem medizinischen Sachverstand, sondern auch einem Kollegen, der seine Praxis in Mittenwald (Kreis Garmisch-Partenkirchen) aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste – ein Nachfolger war nicht in Sicht.

Der akute Landarzt-Mangel ist kein neues Problem, sagt Kirsten Warweg, Pressesprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB). Aber ein Problem, das sich immer weiter verschärft. Denn das Durchschnittsalter der zugelassenen Ärzte liegt bei über 50 Jahren. Bis 2020 werden deutschlandweit 7000 Hausärzte fehlen, 1400 davon in Bayern. Rein rechnerisch gibt es im Freistaat bislang keine Unterversorgung, betont Warweg. Doch in ländlichen Gebieten fühlt es sich für die Menschen so an. Sie müssen manchmal weite Wege für einen Arztbesuch in Kauf nehmen. Mediziner wiederum fürchten geringere Honorare – weil es weniger Privatpatienten gibt. Außerdem haben sie öfter Bereitschaftsdienst als ihre Kollegen in der Stadt. Auch der Allgemeinmediziner Streng betont: „Auf Dauer hätte es nicht so weitergehen können.“ 200 Patienten mehr – das kann er alleine nicht stemmen.

In seinem Fall hatte der akute Ärztemangel eine positive Nebenwirkung: Kreativität. Der Mittenwalder Arzt ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen, um einen Nachfolger für seinen Kollegen zu finden. Er hat eine Werbeagentur beauftragt, eine großes weißblaues Schild zu entwerfen, das in Krankenhausnähe steht. „We need you – mir brauchn di“ steht darauf. Und drunter Strengs Telefonnummer. Er hat gehofft, dass er so einen neuen Kollegen findet. Denn die Zulassung des anderen Mittenwalder Arztes muss bis Anfang Februar besetzt werden – sonst verfällt sie.

Das ist der Grund, warum Stefan Streng nicht warten konnte bis Juli. Dann wird das bereits beschlossene neue Versorgungsstrukturgesetz umgesetzt, das helfen soll, den Bedarf besser zu planen und besonders auf dem Land die Versorgung zukunftssicherer zu gestalten. „Die Planung soll kleinräumiger werden“, sagt KVB-Sprecherin Kirsten Warweg. Besonders für Landärzte in der Nähe von städtischen Zentren könnte der Verteilungsschlüssel dadurch besser ausfallen. Das löst allerdings nicht die Schwierigkeit, Nachfolger zu finden, die auf dem Land eine Praxis aufmachen wollen.

Die Staatsregierung hat sich schon vor Monaten mit dem Problem befasst. Sie will 4,5 Millionen Euro investieren, um die ärztliche Versorgung auf dem Land zu sichern. Die Übernahme von Hausarztpraxen in unterversorgten Gebieten soll mit bis zu 60 000 Euro unterstützt werden – wenn sich ein Mediziner in einem Ort mit höchstens 25 000 Einwohnern niederlässt und dort mindestens fünf Jahre als hausärztlicher Vertragsarzt tätig ist. Außerdem gibt es ein Stipendienprogramm für Medizinstudenten. Auch die Gemeinden versuchen, Landärzte anzulocken. Der Krüner Bürgermeister Thomas Schwarzenberger (CSU) hat das Problem in Mittenwald aufmerksam verfolgt, viele Gespräche geführt und einem potenziellen Arzt angeboten, dass ihm die Gemeinde bei der Praxismiete unter die Arme greift. Doch sowohl die gemeindlichen als auch die staatlichen Lockversuche blieben in Mittenwald erfolglos.

Deshalb nahm Stefan Streng die Sache in die Hand – und gestaltete eine Werbetafel. Acht Anrufe hat er daraufhin bekommen. Von Kollegen aus ganz Deutschland. Allerdings waren alle noch in einem festen Arbeitsverhältnis. Keiner hätte rechtzeitig anfangen können, bevor die Zulassung verfällt. Streng hatte eine neue Idee, er sprach eine junge Kollegin an, die ihn gelegentlich vertreten hatte. Eine Allgemeinärztin aus der Region. Und die 40-Jährige sagte zu, sich mit ihm eine Praxis im Mittenwalder Ärztehaus zu teilen – trotz zwei kleiner Kinder. Nicht wegen der Werbetafel. Sondern „aus Freude an der Arbeit“, sagt sie. Und aus Kollegialität.

Von Katrin Woitsch

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