Kein Wasser mehr für das Vieh

Ausgetrocknet: Vorzeitiger Almabtrieb im Juli

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Abtrieb im Juli: Wegen der Hitze sind die Almen ausgetrocknet. Georg Mair und Georg Wasensteiner führen ihr Vieh in tiefere Lagen.

Gaißach - Die Tiere auf den Almen haben Durst. Aber: Die Wasserquellen sind ausgetrocknet. Die beiden Landwirte Georg Mair und Georg Wasensteiner mussten ihre Rinder und Pferde jetzt von der Alm treiben.

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Fast 40 Grad, stehende Hitze, der Schweiß fließt in Strömen. Da hilft nur: viel, viel trinken. Der Mensch hierzulande tut sich da leicht, ein Griff in den Kühlschrank und schon hat man einen Liter Erfrischung in der Hand. Anders geht es da den Tieren, die zur Zeit auf den Almen weiden. Die beiden Landwirte Georg Mair und Georg Wasensteiner mussten ihr Jungvieh jetzt sogar auf ein tieferes Plateau führen – auf dem fast 1800 Meter hohen Kotzen war für die 26 Tiere kein Tropfen Wasser mehr zu finden. Die Tröge, mit bis zu 4000 Litern Wasser gefüllt, waren leer. Nachschub von oben kommt zwar, aber zu wenig. „Es müsst’ a Mal gscheid regnen“, sagt Mair, der Schömerbauer von Gaißach (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen). „Am besten gleich ein paar Tage.“

An einen vergleichbaren Sommer kann sich Mair, gleichzeitig Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern, nur dunkel erinnern. „Sechsundsiebzig“, sagt er matt. Auch damals regnete es wochenlang nicht, auch damals hatte das Vieh auf dem Kotzen kein Wasser mehr. Die Rinder wurden, damals wie heute, auf den Ludern-Hochleger geführt. Etwa 300 Höhenmeter tiefer. Eigentlich sollte das Vieh auch heuer acht Wochen auf dem Kotzen verbringen, nach vier Wochen trieben Mair und Wasensteiner, der Ehambauer von Lenggries (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen), ihre 24 Rinder und zwei Pferde am Montag aber schon Richtung Tal.

Kein Trank im Trog: Auf dem Kotzen gab es für die Kühe kein Wasser mehr.

Mair und Wasensteiner sind nicht die einzigen Landwirte, die auf Regen hoffen. Der Wassernotstand sei ein generelles Problem, heißt es vom Bayerischen Bauernverband (BBV). „Manche Almen stehen noch gut da, weil der Hang nicht auf der Südseite ist oder ein Bach vorbeifließt“, sagt Josef Wasensteiner, beim Verband zuständig für Tiergesundheit und gleichzeitig der Bruder von Georg. Andere Bauern könnten ihre Kühe noch selbst mit Wasserfässern versorgen, weil der Weg erschlossen ist. Dann sei es vergleichsweise leicht, ein Fass Wasser hinzustellen und so die Tiere auch während großer Trockenheit zu versorgen. „Wenn es aber keinen direkten Weg zur Alm gibt, den man befahren kann, wird es schwierig. Das Jungvieh braucht am Tag bestimmt 30 bis 40 Liter Wasser“, erklärt Josef Wasensteiner. Wenn aber keins da ist und auch von oben nichts kommt, ist der Abtrieb oft eine logische Folge.

Der BBV-Experte nennt ein weiteres Hindernis: die Böden. „Wenn die Sonne den ganzen Tag auf eine Stelle scheint und das mehrere Wochen lang, trocknet diese irgendwann aus. Was bleibt, sind verbrannte Böden. Selbst wenn dann viel Regen in kurzer Zeit fällt – so schnell wächst das Gras nicht nach.“ Zum Durst kommt dann also auch noch der Hunger.

Dass noch mehr Vieh in tiefere Lagen geführt wird, kann sich Josef Wasensteiner gut vorstellen. „Es hätte die vergangenen Tage oft regnen sollen, aber entweder es kam gar nichts oder nur zu wenig.“ Für die Bauern sei deshalb die Entscheidung – Abtrieb oder nicht – eine große nervliche Belastung. Ganz ungefährlich seien diese Touren ja auch nicht. Für die Bauern Mair und Wasensteiner ist das Wasserproblem mit dem Abtrieb der Herde auf den Ludern-Hochleger aber nicht vollständig gelöst. Eine weitere Hürde: Recht viel mehr Flüssigkeit gibt es dort, auf 1500 Meter, auch nicht. Der Plan: Ein langer Schlauch soll provisorisch Wasser in eine Wanne spülen, abgezapft wird es von einem kleinen Rinnsal 300 Meter entfernt. „Und wir hoffen, dass es endlich regnet“, sagt Mair.

Nicht nur das fehlende Nass gefährdet die Tiere. „Es ist so wie beim Menschen. Wenn der nichts zu trinken bekommt, hat er auch keinen Hunger. Das ist natürlich gefährlich“, erklärt Mair. Zum einen, weil die Tiere immer kraftloser werden, zum anderen, weil sie überall nach Wasser suchen. An den gefährlichsten und entlegendsten Stellen – das Risiko, dass sie zu nah an eine steile Stelle kommen und abstürzen, ist groß.

Am Wochenende soll es wieder heiß werden – und wieder nicht regnen.

Alexander Kaindl

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