Auf nach Kanada

Auswanderer nimmt Grabstein der Eltern mit

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Der Umzugscontainer wird gepackt: Wie Martin Hefele den Grabstein nach Kanada bringt, war aber noch unklar.

Schwabbruck - In ein komplett neues Leben stürzt sich Martin Hefele aus Schwabbruck. Der KFZ-Meister wandert nach Kanada aus. Ungewöhnlich ist ein Gepäckstück: der Grabstein seiner Eltern.

Das aufregende Leben eines Auswanderers kennt Martin Hefele bislang nur aus dem Fernsehen. „Diese Serie läuft doch immer auf Vox“, erzählt der Noch-Schwabbrucker. Doch wie sich so ein Neuanfang in der Realität anfühlt, erfährt der 52-Jährige bald selbst. Am Sonntag geht sein Flieger nach Edmonton. „Das ist die Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta.“ Mit 900 000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Kanadas.

In einem Vorort dieser Metropole hat sich Hefele ein kleines Häuschen mit Garten gekauft, sich einen Job gesucht. „Ich werde in einem KFZ-Betrieb als Mechaniker, meinem gelernten Beruf, anfangen.“ Mit Hilfe eines Einwanderer-Services ist er auf dieses Angebot gestoßen. „Mein Vorteil ist, dass dort schon ein Deutscher arbeitet und mit mir ein weiterer anfangen wird.“ So fällt ihm der Berufseinstieg mit zwei sprachverwandten Kollegen verhältnismäßig leicht.

Nicht ganz so einfach, vielmehr traurig, ist der Anlass für seinen abenteuerlichen Schritt in eine komplett neue Zeitrechnung. Hefele lebt derzeit allein in einem größeren Einfamilienhaus. „Die Eintönigkeit hat mich dazu bewegt auszuwandern.“ Seine Frau hat sich vor über zehn Jahren scheiden lassen, sein Sohn ist mit 19 Jahren erwachsen und nur am Wochenende auf Besuch gewesen. Hinzu kommt, dass all die Menschen, die ihm am nächsten waren, gestorben sind. „Die man besonders gerne mag, sterben meistens zuerst“, hadert er mit dem ein oder anderen Schicksalsschlag. „Aber so spielt eben das Leben.“

Um die wichtigsten Bezugspersonen trotzdem nicht gänzlich aus den Augen zu verlieren, hat sich Hefele etwas ganz besonders, ja sogar für viele Menschen verrücktes wie unverständliches einfallen lassen. „Ich möchte den Grabstein meiner Eltern mitnehmen.“ In Kanada gebe es keine Friedhofspflicht. „Es wäre schön, irgendwann selbst unter diesem Stein begraben zu werden.“

Jedoch nicht im Vorort Edmontons. Hefeles Ziel ist ein Leben in freier Natur. Er möchte als Rentner Selbstversorger sein. „Eine Blockhütte mit einer kleineren Landwirtschaft an einem See. Abseits der Zivilisation.“ Dort könne er die Idylle, die große Weite des Landes vollends genießen. „Ich habe mir schon mehrere Grundstücke angesehen, die sind ganz günstig zu erwerben.“

Bis zur Realisierung seines Einsiedler-Lebens gilt es, noch ausreichend Geld zusammenzusparen. Und dafür muss Hefele die kommenden Wochen noch ordentlich büffeln. Sein deutscher Gesellen- und Meisterbrief wird in Kanada nämlich nicht anerkannt. Dreieinhalb Jahre der kanadischen Ausbildung zum KFZ-Mechaniker muss er deshalb bis in zwei Monaten nachgelernt haben. „Dann ist Prüfung in der Berufsschule in Edmonton.“

Diesen Stress nimmt Hefele allerdings mit viel Vorfreude auf sich. Schließlich zählt er auf die weltweit berühmte Gelassenheit der Kanadier, die ihn für den Rest seines Lebens von all dem höher, Schneller, weiter fern halten soll. „Ich war schon zwei Mal drüben, da schiebt dich im Supermarkt keiner mit dem Einkaufswagen zur Kasse.“

Johannes Schelle

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