Mitarbeiter fehlen in allen Bereichen

Bahn-Personalwahnsinn auch in Bayern

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In Bayern fehlen laut Gewerkschaft GDL 200 Lokführer.

München - Mainz ist bei der Bahn überall. Auch in Bayern. Und täglich kommen noch schlimmere Nachrichten von der Bahn. Beispielsweise bräuchte man im Freistaat 200 Lokführer mehr.

Mainz ist bei der Bahn überall. Auch in Bayern. Und täglich kommen noch schlimmere Nachrichten von der Bahn. Aus Personalnot lobt DB Regio Oberbayern jetzt sogar Kopfprämien für Lokführer aus, die freiwillig ein paar Monate nach Oberbayern kommen. Paul Eichinger, Geschäftsstellenleiter der Eisenbahnverkehrsgewerkschaft EVG zur tz: „Es fehlt überall im Freistaat. Und zwar nicht nur an Lokführern, sondern auch an Fahrdienstleitern, Rangierern, Zugbegleitern und Wagenmeistern.“ Laut Uwe Böhm von der Lokführergewerkschaft GdL bräuchte man im Freistaat 200 Lokführer mehr. Aus diesem Grund bleiben inzwischen auch Güterzüge liegen.

Lokführer-Prämien: Per SMS sucht DB-Regio Oberbayern Lokführer und Zugbegleiter aus Brandenburg, die einige Monate in Oberbayern arbeiten. Sie erhalten pro Monat zusätzlich 350 Euro „Kopfprämie“ und werden in „Ferienwohnungen oder Pensionen“ untergebracht und können ihren Urlaub flexibel nehmen. Der Berliner Kurier empört sich deshalb: „Jetzt wollen die Bayern unsere Lokführer klauen.“ DB-Sprecher Klaus Honerkamp: „Es handelt sich nur um wenige Stellen.“ Hintergrund: Da die Strecken von München nach Salzburg und Rosenheim sowie die Mangfalltalbahn ab Dezember von Veolia betrieben werden, suchen sich Mitarbeiter jetzt schon andere Stellen.

So sieht der modernste Zug der Welt aus

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Stellwerksprobleme: „Mainzer Verhältnisse gibt es auch bei uns“, sagt Gewerkschafter Eichinger. So konnte der Betrieb im auch für die S-Bahn wichtigen Stellwerk München-Ost-Personenbahnhof im Vorjahr laut Eichinger zeitweise nur dadurch aufrechterhalten werden, weil die Fahrdienstleiter gegen Arbeitszeitvorschriften verstießen und mehr Wochenstunden arbeiteten als erlaubt. Eichinger: „Derzeit kann beispielsweise das S-Bahn- Stammstrecken-Stellwerk oftmals nur mit drei statt vier Mitarbeitern besetzt werden.

Güterverkehr: „Täglich werden im süddeutschen Raum Dutzende Güterzüge auf Nebengleisen abgestellt, weil Lokführer fehlen. Alleine gestern waren es 29 Züge“, klagt Eichinger.

Schlecker-Fahrdienstleiter: Um möglichst schnell die tausend fehlenden Fahrdienstleiter zu ersetzen, bildet die DB jetzt laut taz in einem viermonatigen Crashkurs (statt zweieinhalb Jahre Ausbildung) ehemalige Schlecker-Verkäuferinnen und ehemalige Unteroffiziere der Bundeswehr aus.

"80 000 Eisenbahner gehen in den Ruhestand"

 Das tz-Interview mit Paul Eichinger, Geschäftsstellenleiter der Gewerkschaft EVG. 

Warum wurde der Personalmangel bei der Bahn erst durch den Fahrdienstleiter-Ausfall in Mainz ein Thema? Warum hat die Gewerkschaft nicht lauter Alarm geschlagen?

Paul Eichinger: Die Gewerkschaft EVG und die Betriebsräte weisen schon seit Jahren auf die desaströse Personalsituation hin. Bahnvorstand und Politik wollten das nicht hören. Der Personalmangel besteht seit vielen, vielen Jahren.

Warum nicht?

Eichinger: Die Ursache ist überhöhter Spardruck in den vergangenen 20 Jahren.

Bahnvorstand Grube wirkte überrascht von der Situation. Kann es sein, dass sein Führungsapparat aus Angst um die Jahresendprämien die wahre Situation beschönigt und nichts an die Vorstandsspitze gemeldet hat?

Eichinger: Ich vermute, dass es so ist. Zu Jahresanfang hat der Gesamtbetriebsrat der DB-Netz-AG ganz deutlichen auf den gravierenden Personalmangel hingewiesen. Der Netzvorstand hat dann an den Konzernvorstand geschrieben, dass es zwar Personalprobleme gebe, man habe aber alles im Griff.

Wie groß war da der Personalmangel?

Eichinger: So groß wie heute: Es fehlten 1000 Fahrdienstleiter bei deutschlandweit 12 500 Stellen. Wir haben aber noch ein Problem: Wir sind in ganz vielen Bereichen aufgrund des personellen Kahlschlags der vergangenen 20 Jahre unheimlich überaltert. In den nächsten Jahren gehen viele Kollegen in den Ruhestand.

Die Bahn stellt inzwischen wieder Fahrdienstleiter ein. Aber es ist schwer, Nachwuchs zu gewinnen. Kann es sein, dass ein Job etwa in der riesigen, abgedunkelten Betriebszentrale im teuren München unattraktiv ist?

Eichinger: Heute sind viele bayerische Fahrdienstleiter-Arbeitsplätze zentralisiert in München. Die Arbeitsbedingungen sind relativ uninteressant geworden. Schichtdienst rund um die Uhr ist wenig attraktiv. Die Bezahlung ist für Münchner Verhältnisse für Anfänger relativ schlecht. In einem kleinen Stellwerk am Land waren die Bedingungen besser und man hatte nicht so weit zur Arbeit. Heute müssen Mitarbeiter teilweise von Nürnberg nach München pendeln.

Was müsste jetzt passieren?

Eichinger: Die Personalplanung muss am Bedarf und nicht mehr an Budgetierungen ausgerichtet werden. Die Bahn muss als Arbeitgeber attraktiver werden. Dazu gehört eine bessere Bezahlung in Ballungsräumen wie in München, denn mit einem Anfangsgehalt von brutto 2400 Euro pro Monat in einem großen Stellwerk kann man niemand für den Beruf gewinnen, wo die Hälfte des Lohns für die Mietkosten draufgeht.

Wie lange wird es dauern, bis der Personalmangel bei der Bahn behoben sein wird?

Eichinger: Der Personalmangel wird uns andauernd begleiten, weil aufgrund der Alterstruktur bis 2020 rund 80 000 der 160 000 Eisenbahner in Rente oder in Pension gehen werden.

Interview: Karl-Heinz Dix

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