Ein Anlieger macht mobil

Bahnausbau: Der zähe Kampf gegen den Schienenlärm

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Kirchseeon - Jeder fordert den Ausbau der Bahn – aber wer denkt an die Anlieger von Gleisen und ihr Lärmproblem? Das fragt sich Ludwig Steininger aus Kirchseeon bei Ebersberg, der bundesweit den Widerstand gegen Schienenlärm organisiert.

Ludwig Steininger geht einen matschigen Feldweg neben den Ferngleisen entlang. Dann naht der Feind. Erst ist er leise, dann immer lauter. Schließlich rumpelt laut dröhnend eine rote E-Lok mit Güterwaggons vorbei. Aicher Cargo Lechstahlwerke steht auf den Wagen. Selbst als der Zug schon längst verschwunden ist, hört man ihn noch. „Das geht ja noch“, sagt Steininger. Denn die meisten Güterwaggons waren beladen. Schwere Waggons sind leiser als Leerfahrten. „Ganz laut sind leere Kesselwaggons“ – dann bekommt Kirchseeon sozusagen die volle Dröhnung ab.

Ludwig Steininger

Der 61-jährige EDV-Berater Steininger ist bei der Bahn bestens bekannt, wenn nicht verhasst. Mit Liebe zum Detail hält er der Deutschen Bahn Versäumnisse bei der Bekämpfung des Lärms vor. Schienenstegdämpfer, Unterhaltsschleifen, Schienenstoß-Beseitigung – bei solchen Dingen wird Steininger zum verbissenen Streiter. Querkopf, Querulant – so was hört man öfter über ihn. Steininger stört das nicht. 

Leider engagiere sich kaum jemand gegen Bahnlärm, sagt er. Und Bayern sei beim Lärmschutz ohnehin „ein Blockierer-Land“. Dabei seien hier mehr Einwohner als in jedem anderen Bundesland Bahnlärm-Opfer. Das Eisenbahnbundesamt hat 2015 eine Analyse gemacht: 450 000 Einwohner sind nachts über 50 Dezibel ausgesetzt – das ist so, als würde sich jemand in seinem Zimmer in normaler Lautstärke unterhalten. Im zweitplatzierten Bundesland Baden-Württemberg sind es 400 000.

Nachts liegt Steininger wach - trotz Schallschutzfenstern

Steininger wohnt in Kirchseeon direkt neben der Bahnstrecke München-Rosenheim. „Ich will keine Homestory“ sagt er gleich mal. Doch dann läuft man beim Rundgang durch Kirchseeon doch an seinem Haus vorbei. Vom Garten aus kann man die Bahn-Oberleitung gut sehen. Kirchseeon hat gut 10 000 Einwohner und einen Bahnhof mit fünf Gleisen. Zwei Gleise sind für die S-Bahnen, auf den restlichen dreien rauschen Regionalzüge, Fern- und Güterverkehr durch. Ab 5 Uhr morgens, wenn die Hauptverkehrszeit beginnt, liege er wach im Bett – trotz Lärmschutzfenstern der Schallschutzklasse vier. Steininger betont, er stamme selbst aus einer Eisenbahner-Familie. Tatsächlich war sein Vater Lokführer, sein Großvater arbeitete im längst stillgelegten Schwellenwerk Kirchseeon. Doch der Lärm sei ein bundesweites Ärgernis. „Bei der ansonsten umweltschonenden Bahn ist der Lärm das gravierendste Umweltproblem“ – so hat es auch das Umweltbundesamt festgestellt. Deswegen organisiert Steininger neuerdings als stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung gegen Schienenlärm den Widerstand. Er werde mit seiner Bundesvereinigung beim Bundesverfassungsgericht klagen, kündigt er an. Damit Lärm endlich als „Gesundheitsgefahr“ anerkannt werde.

Statt Mauern: Weniger Lärm durch geschliffene Gleise

Mit der Bahn liefert sich die Bundesvereinigung einen zähen Kleinkrieg um interne Bestimmungen. Es sind kleine Stellschrauben, die aber – so sieht es Steininger – große Auswirkungen haben. Zum Beispiel möchte Steininger erreichen, dass die S-Bahn München bei der Neubeschaffung von S-Bahn-Zügen über die gesetzlichen Lärm-Grenzwerte hinausgeht, wie sie in einer EU-Verordnung namens „TSI Noise“ festgeschrieben sind. 

Steininger beharrt auch auf Nachbesserungen beim Schienenschleifen. Dass die Bahn versichert, die Gleise würden mit gutem Erfolg regelmäßig nachgeschliffen („zyklisch präventive Schienenbearbeitung“) – das nächste Mal im März – reicht ihm nicht. Er möchte ein Schleifverfahren („High Speed Grinding“), wie es nur auf ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecken üblich ist. Vom Bau noch höherer Schallschutzwände – in Kirchseeon teilweise vier Meter hoch – hält Steininger nichts. „Ein Meter mehr bringt nur ein Dezibel – da braucht man nicht anzufangen.“ Die Ankündigung des Bundesverkehrsministers, ab 2020 würden laute Güterwaggons mit so genannten Graugussbremsen verboten, tut er ab. „Versprochen – gebrochen“, ätzt er. Das sei doch schon 2016 geplant gewesen.

Es werden in den nächsten Jahren nicht weniger Züge

Grundsätzlich würde sich Steininger für Kirchseeon und andere Orte, die von Schienensträngen durchschnitten werden, eine Einhausung oder Tieferlegung der Ferngleise wünschen. Mit Neid blickt er nach Offenburg im Rheintal, wo das beschlossen worden ist. Für München-Rosenheim sei der Zug wohl abgefahren – zu teuer. Dabei sei die Belastung im Abschnitt München-Trudering bis Rosenheim noch höher als auf der viel diskutierten Inntal-Route Rosenheim-Kiefersfelden. Ein von der Bahn beauftragtes Gutachten gibt Steininger Recht. Demnach sind bei Trudering-Rosenheim im Schnitt täglich 271 Züge unterwegs (ohne S-Bahnen), bei Rosenheim-Kiefersfelden 189. Die Prognosen für die Folgejahre sind noch höher – vor allem, wenn in zehn Jahren der Brenner-Basistunnel fertig ist.

Für Steininger betreibt die Bahn eine „Vertreibungspolitik“. „Es gibt Leute, die sagen: Verkauf ich halt meine Hütte – und zieh woanders hin.“ Er weiche nicht, sagt Steininger. Er werde bleiben – und lästig sein.

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