Tagebuch eines 21-Jährigen Syrers

Bayan und die Liebe: „Verlieben kann man sich überall“

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Bayan Alrazzah schreibt über die Liebe: „Ob man sich verliebt, hat nichts mit der Herkunft zu tun.“

Bayan Alrazzah ist 21 und kommt aus Aleppo in Syrien. Vor zwei Jahren ist er allein nach Deutschland geflüchtet. Für den Münchner Merkur führt er ein Tagebuch über seinen Alltag hier. Heute berichtet er darüber, wie schwer es ist, Mädchen kennenzulernen.

München - Heute möchte ich gerne über die Liebe schreiben. Also darüber, welche Erfahrungen ich gemacht habe beim Mädchen-Kennenlernen – früher in Syrien und jetzt in Deutschland.

Bei uns in Syrien ist es ungewöhnlich, dass man einfach zu einem Mädchen geht und ihr sagt, dass man sie mag und ihre Nummer haben möchte. Allerdings ist es auch nicht unmöglich, ein Mädchen kennenzulernen und eine Freundin zu finden. Die Mädels dürfen in Syrien aber nicht alleine draußen sein, wenn sie eine streng gläubige Familie haben. Deshalb war es schwer, eine Freundin zu finden. In den letzten Jahren, als ich in Syrien war, kamen die Chat-Programme. Das hat es für Jungs und Mädels leichter gemacht, sich kennenzulernen. Ich habe diese Programme auch ausprobiert, um neue Leute kennenzulernen – und das habe ich schnell geschafft. Als ich in Aleppo auf dem Gymnasium war, habe ich mit meinen Freunden nach dem Unterricht oft auf die Mädels gewartet. Jungen und Mädchen gehen in Syrien in getrennte Schulen.

In Syrien ist es verboten, unverheiratet Liebe zu machen. Mädchen müssen bei uns noch Jungfrau sein, wenn sie heiraten. Aber manche tun es heimlich – und heiraten dann oder lassen sich operieren. Wenn das Mädchen eine streng gläubige Familie hat und die herausfinden würde, dass sie keine Jungfrau mehr ist, würde sie sie umbringen. In Deutschland sieht die Situation ganz anders aus – das finde ich besser. Hier kann man einfach zu einer Frau gehen, sie ansprechen und kennenlernen. In Deutschland ist das ja normal.

Als ich in Aleppo gelebt habe, hatte ich eine Freundin. Aber als ich Syrien verließ, musste ich auch sie verlassen. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich ein Jahr lang keine Freundin. Dann habe ich hier mit der Schule angefangen und dort Mädchen kennengelernt. Ich fand eine Freundin, wir waren einige Monate zusammen. Aber dann merkte ich, dass sie mich oft anlügt, deshalb habe ich Schluss gemacht.

Seit einem Monat gehe ich in eine neue Schule und habe dort ein neues Mädchen kennengelernt. Sie ist jetzt meine Freundin. Bis jetzt läuft es zwischen uns gut. Ich glaube, dass man überall eine Freundin finden kann, wenn man nett zu anderen ist. Und wenn man gut aussieht. Ob man sich verliebt, hat nichts mit der Herkunft oder Kultur zu tun – sondern nur mit der Person. 

Lesen Sie auch: Ein Flüchtling führt Tagebuch: Bayans Neustart in Bayern

Bayan Alrazzah

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