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Die Bauern-Basis begehrt auf: Junge Protestbewegung wächst rasant

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Von: Dominik Göttler

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Traktoren überall: Deutschlandweit hat die Bewegung „Land schafft Verbindung“ mit Schlepper-Fahrten demonstriert, wie hier im Oktober in Franken. © NICOLAS ARMER/DPA

Seit Herbst rollen die Traktoren. Bei den Großdemos von „Land schafft Verbindung“ gehen seitdem regelmäßig tausende Bauern auf die Straße. Wie organisiert sich die noch junge Protestbewegung? Und wird sie zur Konkurrenz für den Bauernverband?

München – Seit Andreas Bertele im Oktober dieser WhatsApp-Gruppe beigetreten ist, hat sich in seinem Alltag viel geändert. Der 32-Jährige kümmert sich auf dem elterlichen Bauernhof in Altomünster (Kreis Dachau) um rund 100 Milchkühe. Doch mittlerweile verbringt der junge Landwirt eine beträchtliche Zeit der Woche vor dem Bildschirm. Im Schnitt zwei Stunden am Abend braucht er, um, wie er sagt, für die Zukunft der Landwirtschaft zu kämpfen.

Bertele ist Teil des oberbayerischen Organisationsteams von „Land schafft Verbindung“. Die erst im Herbst entstandene Bewegung bestimmte in den vergangenen Monaten die Schlagzeilen und Fernsehbilder, wenn es um die Berichterstattung über die Landwirtschaft ging. Mit ihren Schlepperdemos in München, Berlin oder zuletzt in Seeon protestieren die Landwirte gegen die aktuelle Agrarpolitik, gegen neue Auflagen und für mehr Anerkennung ihres Berufsstandes.

Bayernweit gibt es rund 50 Gruppen

„Bei uns läuft fast alles über WhatsApp-Gruppen“, erklärt Bertele. Anfang Oktober wurde die erste dieser Gruppen in Nordwestdeutschland gegründet. Schon nach einem Tag mussten regionale Untergruppen gegründet werden, weil so viele Mitglieder aufgenommen wurden. Heute spricht Bertele von rund 25 000 vernetzten Landwirten in bayernweit rund 50 Gruppen. Die aktivsten Mitglieder koordinieren die Demonstrationen. Und sie haben ein Forderungspapier erstellt, in dem die grundsätzlichen Ziele der Bewegung festgehalten sind – darunter die Überarbeitung der Düngeverordnung, des Baurechts in der Landwirtschaft oder eine bessere Marktstellung für die Bauern.

Zur Stimme der Bewegung in Bayern ist der niederbayerische Landwirt Sebastian Dickow (31) avanciert, seit er in einer Talkshow im Bayerischen Fernsehen seinen Berufsstand verteidigte. Er wurde von den Gruppenleitern zum Sprecher für Bayern gewählt – und repräsentiert auf den Kundgebungen seinen Berufsstand auf öffentlicher Bühne und gegenüber der Politik.

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Stimmen des Protests: Der Niederbayer Sebastian Dickow (rechts) und der Franke Claus Hochrein vor einem Mahnfeuer am Kloster Seeon. © DG

Eine Aufgabe, die sich eigentlich der Bauernverband ins Stammbuch geschrieben hat. Doch „Land schafft Verbindung“ ist derzeit lauter und präsenter als der mit 145 000 Mitgliedern in Bayern größte Vertreter des Berufsstandes. „Ich sehe uns nicht als Konkurrenz zu einem Verband“, betont Dickow. „Wir sehen uns als Mediator. Und wir schaffen gerade bei den jungen ein Gemeinschaftsgefühl, das einigen vielleicht gefehlt hat zuletzt.“ Die Demonstrierenden kämen aus den verschiedensten Richtungen, sagt Andreas Bertele. Es seien Mitglieder des Bauernverbands genauso darunter wie des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter oder Bio-Bauern. „Natürlich ist auch der ein oder andere dabei, der sich vielleicht bei den Verbänden nicht mehr repräsentiert fühlt.“ Die Forderungen seien deshalb auf Grundlegendes beschränkt, worauf sich alle verständigen könnten.

Neue Bewegung ist schneller und schlagkräftiger

Durch die lose Struktur über die sozialen Netzwerke ist die Bewegung schneller und schlagkräftiger als die manchmal schwerfälligen Berufsverbände. So steht die Stellungnahme des Bayerischen Bauernverbands zur jüngsten Verschärfung der Düngeordnung etwa noch aus, weil der verbandseigene Umweltausschuss erst die Details durchackern muss. Derweil haben die Demonstranten vor dem Kloster Seeon längst die CSU-Abgeordneten mit ihrer Kritik ins Kreuzfeuer genommen.

Aber von außen kommt mittlerweile schon vereinzelt die leise Frage: Wer vertritt denn nun die Bauern? „Es war schon bemerkenswert, wie Herr Dickow am Runden Tisch zur Artenvielfalt auf Augenhöhe mit dem Bauernverband aufgetreten ist“, sagt Norbert Schäffer vom Landesbund für Vogelschutz. „Für uns stellt sich da natürlich auch die Frage: Mit wem reden wir?“ Klar müsse aber auch sein: „Die Probleme, die die Bauern zweifellos haben, lassen sich nicht wegdemonstrieren.“

Bayerns Bauernverbandspräsident Walter Heidl betont, die Bewegung sei keine Konkurrenz, sondern eine „Ergänzung“ zum Verband. Er erkennt an, dass die Schlepper-Demos Wirkung zeigen. Der Bauernverband könne von „Land schafft Verbindung“ lernen. „Wir müssen schneller werden und die modernen Medien besser nutzen.“ Angst, dass die junge Generation den alten Verbandshasen die Butter vom Brot nimmt, habe er nicht. „Die politische Arbeit in den Fachausschüssen, die Beratungen der Landwirte, die Infoveranstaltungen – das sind Dinge, die man nicht in einer WhatsApp-Gruppe bieten kann“.

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