„Historisches Ereignis“

Nach über 100 Jahren: Bartgeier zurück in Bayern - Neue Heimat für „Wally“ und „Bavaria“

Michaela Kaniber (CSU) krault den Bartgeier „Wally“ - dieser wird im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert.
+
Michaela Kaniber (CSU) krault den Bartgeier „Wally“ - dieser wird im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert.

Nach über 100 Jahren gibt es in Bayern wieder Bartgeier. Am Donnerstag wurden die Weibchen „Wally“ und „Bavaria“ im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert. Nun gehen sie erst mal auf Wanderschaft.

Berchtesgaden – Der Nationalpark Berchtesgaden* im südöstlichsten Bayern ist sonst ein Ort der Ruhe. Heute ist der Medienrummel enorm. Zwei Stars haben sich angekündigt. Und als die gerade mal drei Monate alten Bartgeier „Bavaria“ und „Wally“ ihre Kisten verlassen, herrscht Roter-Teppich-Stimmung.

Nationalpark Berchtesgaden: Riesiger Medienrummel - Bartgeier ausgewildert

Kameras zurren, Smartphones klicken. Umweltminister Thorsten Glauber will „Bavaria“ am Kopf tätscheln. Sofort schreitet der Geierschutz in Person von Toni Wegscheider, einem der Projektleiter, ein. Streicheln ist beim als „Knochenbrecher“ bekannten Greifvogel nicht so erwünscht.

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber hat später mehr Glück und darf Bavaria fürs Foto mal kurz im Nacken kraulen. Toni Wegscheider und Jochen Grab vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) halten „Bavaria“ und „Wally“ eng umschlungen vor den Bäuchen, fixieren die Greifarme. Denn die Krallen sind lang und spitz, richtige Waffen. Die grauschwarzen Teenies bleiben fast regungslos, schwenken nur hin und wieder neugierig den Kopf.

Bayern: Berchtesgadener Land soll erste Bartgeierregion Deutschlands werden

Auch die vielen Zuschauer dürfen einen Blick auf die Geierweibchen werfen. Die Betreuer spazieren am Zaun entlang. Foto hier, Schnappschuss da, einige Besucher wollen mit aufs Bild. Aus der Nähe wird man einen Bartgeier kaum ein zweites Mal zu Gesicht bekommen – auch wenn die drolligen Tiere nicht sonderlich scheu sind.

Dass Bartgeier in wenigen Metern Höhe über Menschen hinwegfliegen, ist nicht selten. Das wurde ihnen einst als Aggressivität ausgelegt. Als Lämmer- und Kinderräuber wurden sie gejagt. Dabei ernährt sich der Bartgeier fast nur von Aas. Für Mensch und Tier ist er ungefährlich. Das weiß man heute. 1913 wurde in den Alpen der letzte Bartgeier getötet.

Nun soll das Berchtesgadener Land zur ersten Bartgeierregion Deutschlands werden. Die neue Heimat der Jungspunde wird das Klausbachtal. Nach langer Suche wurde dort eine Auswilderungsnische gefunden, weit oben auf 1300 Höhenmetern, ein gewaltiger Felsüberhang. Ein geschütztes Areal für „Bavaria“ und „Wally“, die dort das Fliegen lernen sollen. In voller Farbpracht wird man die beiden erst nach mehreren Jahren sehen können, wenn sie ausgefärbt sind. Kopf, Hals und die Körperunterseite sind dann nicht mehr grauschwarz, sondern weiß bis rostrot.

Bartgeier in Berchtesgaden: Freistaat Bayern stellt 610.000 Euro bereit

Drei Jahre lang wurde die Auswilderung geplant. Der Freistaat hat 610 000 Euro für die nächsten drei Jahre bereitgestellt. Die Auswilderung soll eine Lücke in der Alpenregion schließen, in der der Bartgeier bislang keine Präsenz zeigte. Während sich die Vögel in den West- und Zentralalpen seit 1997 wieder selbstständig vermehren, kommt die natürliche Reproduktion in den Ostalpen nur schleppend voran.

Nach über 100 Jahren Absenz kehrt der Greifvogel mit seinen bis zu drei Metern Spannweite also wieder in seine einstmalige Heimat zurück. „Ein echter Urbayer“, schlussfolgert Ministerin Kaniber – was so nicht ganz stimmt. Ursprünglich sollten die Bartgeier zwar aus Franken kommen, aber aus den beiden Eiern des Brutpaars im Nürnberger Tiergarten schlüpfte kein Küken. Also griff man auf Jungvögel aus Spanien* zurück.

Ein Problem ist das nicht, denn Bartgeier kehren dorthin zurück, wo sie die ersten paar Wochen in Freiheit leben. In sechs bis sieben Jahren, nach der sogenannten Vagabundenzeit, soll das sein. Und dann sollen „Bavaria“ und „Wally“ im Nationalpark Berchtesgaden brüten – oder zumindest in der Nähe. Denn ein Bartgeier-Revier ist groß. Größer als der Nationalpark Berchtesgaden.

Bartgeier zurück in Bayern: Umweltminister Glauber - „Historisches Ereignis“

In ihrem neuen Horst werden die Vögel noch einige Wochen vom Auswilderungsteam betreut und gefüttert. Schon vor Monaten wurden dafür Fresspakete aus Gamsfleisch inklusive Knochen eingefroren. Den imposanten Flugkünstlern soll es an nichts fehlen. Nur in jungen Jahren sind Bartgeier auf Fleisch angewiesen, später ernähren sie sich rein von Knochen verendeter Tiere.

Als „historisches Ereignis“ bezeichnet Umweltminister Glauber die Ankunft der Bartgeier. „Ich hoffe, dass sie aufgrund des Wetters nicht gleich wieder nach Andalusien zurück wollen“, scherzt er. Um die Namen der Tiere war im Vorfeld viel Aufhebens gemacht worden. Diese unterlagen strikter Geheimhaltung. Nun also „Bavaria“, die weltliche Patronin Bayerns, und Wally, erinnernd an den Roman „Geier-Wally“ aus dem Jahr 1873.

Nationalpark Berchtesgaden: Aufenthaltsort der Bartgeier im Internet verfolgen - per GPS

In Zukunft sollen auch Außenstehende über GPS den Aufenthaltsort der Bartgeier im Internet verfolgen können. Der Nationalpark hat eine Bartgeier-Infostelle eingerichtet, von der aus man den Horst der Greifvögel beobachten kann. Wissenschaftler werden die Tiere von einem nahe gelegenen Beobachtungsplatz mithilfe von Infrarotkameras und einem Livestream überwachen.

In den kommenden zehn Jahren soll die Bartgeier-Population rund um den Nationalpark stetig wachsen. Pro Jahr sollen zwei bis drei weitere Greifer hinzukommen. „Das Projekt ist langfristig angelegt“, sagt LBV-Vorsitzender Norbert Schäffer. Die Projektleiter sind zuversichtlich, dass schon in einigen Jahren die ersten bayerischen Bartgeier-Jungtiere das Licht der Welt erblicken. Kilian Pfeiffer - *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. Übrigens: Die wichtigsten Geschichten aus dem Freistaat gibt‘s jetzt auch in unserem brandneuen, regelmäßigen Bayern-Newsletter.

Auch interessant

Kommentare