Instagram, Angebereien und E-Bikes

Bergretter schlagen Alarm: Zerstören wir gerade die Idylle in den Alpen?

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Wandern in Bayern: Zerstört Social Media die Idylle der Berge?

Wandern ist das liebste Hobby in Bayern. Doch inzwischen ist der Andrang in den Bergen immens. Das hat besondere Folgen für die Rettungswacht....

München - Internet, Dusche, Zweibettzimmer auf der Hütte – und dazu eine garantierte Gipfelbesteigung. Besucher in den Bergen reisen heutzutage mit anderen Vorstellungen an als früher – und haben dabei oft weniger Bezug zur Natur, zu Schwierigkeiten und Gefahren in den Bergregionen. 

„Rund sechs Millionen Menschen leben allein in Bayern eine Autostunde von den Bergen entfernt“, sagt Roland Ampenberger von der Bergwacht Bayern, die am Freitag in Bad Tölz über steigende Einsatzzahlen berichtete. 8516-mal mussten die Helfer 2018 ausrücken, rund 400-mal mehr als 2015. Ampenberger: „Der Nutzungsdruck steigt.“ 

Lesen Sie auch: Größerer Einsatz an der Kramerspitze in den Ammergauer Alpen: Die Bergwacht rettete ein Pärchen, das nicht mehr absteigen konnte. Die Tour gilt als anspruchsvoll.

Und es ist immer mehr der Bergsommer, in dem die Retter gefordert werden. Im vergangenen Jahr mussten die ehrenamtlichen Retter mit 3071 Sommer-Einsätzen doppelt so oft ausrücken wie noch vor zwölf Jahren. Doch warum?

E-Bikes und Pedelecs: „Damit kommen mehr Menschen in entlegene Gegenden, die bisher für sie nicht erreichbar waren.“ Wolfgang Wabel vom Deutschen Alpenverein (DAV) berichtet von ersten Einsätzen, weil E-Bikefahrer mit den schweren Rädern nicht weiterkamen.

Wandern in Bayern: Fehleinschätzung und Angeberei führen zu Unfällen 

Klimawandel: Wenn Hangrutsche Wege verschütten, der Bergwald brennt, rücken neben anderen Einsatzkräften auch Bergwachtler aus. Immer öfter rufen zudem Menschen die Retter nicht wegen eines Unfalls, sondern weil sie erschöpft sind oder nicht weiterkommen. Das Handy gibt scheinbare Sicherheit.

Fehleinschätzung und Angeberei: „Es gibt eine entrückte Wahrnehmung, was sinnvoll und machbar ist“, sagt Chris Semmel, Leiter der Geschäftsstelle des Verbandes Deutscher Berg- und Skiführer (VDBS). Früher seien Menschen in den Bergen gewesen, die sich über lange Zeit Erfahrung angeeignet hätten. Das sei nun anders. Ein Faktor seien die sozialen Medien. „Jeder will cool sein, jeder will Abenteuer erleben.“ Und: „Sich selber, den Kollegen, dem Freundeskreis zeigen: Ich war da.“ Zugleich schaffe dies oft ein Bild von der Bergwelt, das Gefahren ausblende.

Wandern in Bayern: Zerstört Social Media die Idylle der Berge?

Instagram und Internet: Der Nationalpark Berchtesgaden kämpft mit den Folgen eines Internethypes. Seit in sozialen Medien Bilder vom Königsbach-Wasserfall kursieren, erlebt die ehemals idyllische Stelle einen Ansturm. Im vergangenen Jahr stürzten zwei Menschen auf dem Weg dorthin ab, sie überlebten. Im April starben zwei 21-Jährige, als sie in die Gumpe sprangen und nicht mehr herauskamen. 

Auch in den Hütten macht sich das bemerkbar: Immer öfter werde nach WLAN gefragt, um eigene Erfolge gleich zu posten. Auf der Höllentalangerhütte im Zugspitzgebiet machten die Betreiber einen Versuch und beobachteten die Gäste bei WLAN und ohne. An Abenden mit Netz hätten 60 Prozent der Gäste nur aufs Handy geschaut, sagt Thomas Gesell, Hüttenreferent der DAV-Sektion München. Damit war klar: kein WLAN hier. „Die Leute sollen miteinander reden und nicht in die Blechkiste schauen.“

Utopische Erwartungen: Ein Gipfel mit 3000 Metern, ein weiterer mit 4000 Metern – und dann der Mont Blanc: Mit dieser Vorstellung sei ein Kunde zu ihm gekommen, berichtet Bergführer Hajo Netzer. „Die Leute kommen mit einer klaren Erfüllungsvorstellung. Man hat ja gebucht. Dass schlechtes Wetter sein, dass man scheitern kann, dass etwas nicht funktioniert – das kommt in deren Vorstellungswelt nicht vor.“ Manche gingen trotz widriger Bedingungen los. Früher blieb man in der Hütte – und spielte Karten.

Nachdem Wanderer die gelben Warnplaketten am Waxriessteig auf dem Predigtstuhl übersehen hatten, eskalierte die Situation. An einem Wochenende mussten die anliegenden Bergwachten zu drei Großeinsätzen ausrücken. Darauf reagierten die Retter mit einer drastischen Maßnahme

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