Die fünf wichtigsten Migrationen seit 1945

Bayern – Ein Einwanderungsland

München - Die Bilder der Menschenmassen, die in den letzten Tagen als Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof angekommen sind, rufen bei vielen Erinnerungen wach. Denn es gab in unserer jüngsten Geschichte mehrere große Wellen der Migration.

Dr. Wolfgang Reinicke.

Aus unterschiedlichen Gründen, aber alle hatten Bayern zum Ziel. Wir sprachen mit Dr. Wolfgang Reinicke vom Haus der Bayerischen Geschichte in Augsburg. Der 41-jährige Historiker ist Kurator für das 20. Jahrhundert im neuen Museum der Bayerischen Geschichte, das 2018 in Regensburg eröffnet wird. Er erklärt die fünf wichtigsten Völkerwanderungen seit dem Zweiten Weltkrieg.

Heimatvertriebene

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges floh eine große Zahl von Menschen aus den ehemaligen Gebieten des Deutschen Reiches, die nun unter Verwaltung der sowjetischen Besatzer standen. Über zwei Millionen von ihnen kamen nach Bayern. „Das ist etwas richtig Großes gewesen“, sagt Wolfgang Reinicke. Für die Intergration dieser Menschenmassen gab es jedoch einen riesigen Vorteil: „Sie sprachen deutsch und wussten, was sie in Deutschland erwartet.“ Ein Problem für die Neuankömmlinge war die Frage der Konfession, so der Historiker, „es gab Konflikte über die Frage, wer den richtigen Glauben hat“. Von den Einheimischen wurden die Neuankömmlinge nicht gerade mit offenen Armen empfangen, schließlich litten auch sie unter großer Not. Zahlungen aus dem Lastenausgleich sorgten für „Futterneid“. Zudem wurden damals viele Flüchtlinge zwangsweise bei Einheimischen einquartiert. In Bayern sei dies halbwegs fair abgelaufen, sagt der Historiker. Für Flüchtlinge wurden ganze Städte neu gegründet: Traunreut, Geretsried, Neutraubling, Waldkraiburg und Neugablonz.

Gastarbeiter

Der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit verlangte nach Arbeitskräften. Zunächst konnte der durch Zuzug aus der sowjetischen Besatzungszone, später aus der DDR, gedeckt werden. Als aber der Eiserne Vorhang fiel, „schaute man sich anderweitig um: Ab 1955 gab es Anwerbeabkommen mit neun Ländern“, so Wolfgang Reinicke. Bis zum Anwerbestopp 1973 kamen rund 2,6 Millionen Menschen in die BRD. Ihre Funktion: „Sie sollten bestimmte Aufgaben erfüllen und nach ein bis zwei Jahren zurück in die Heimat. Niemand hatte damit gerechnet, dass das längerfristig dauert.“ Die Arbeitskräfte kamen vor allem in die Industriestandorte in den großen Städten. Sie wohnten dort großteils in Wohnheimen und vermissten vor allem ihre Familien. Integration erfolgte über den Sport und die Musik, eine Annäherung zur einheimischen Bevölkerung gab – ganz allmählich – es über das Essen. Dass sie nicht zurückgeschickt wurden, habe sehr oft an den Arbeitgebern gelegen, sagt Wolfgang Reinicke. „Die wollten sie behalten.“ Schließlich hatten die Firmen in die Ausbildung investiert und konnten die Fachkräfte nun besser einsetzen. Der Historiker ist fasziniert, wie schnell sich die Gastarbeiter in unsere Gesellschaft integrierten, „das war eine kurze, aber erfolgreiche Geschichte“. Und von der kulinarischen Eingewöhnung „zehren wir noch heute“.

Wiedervereinigung

Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg seien nicht nur Menschen aus den Ostgebieten nach Bayern gekommen, sondern auch große Firmen. „Siemens, Allianz oder Auto Union“, nennt der Historiker. Die zogen viele ihrer früheren Belegschaft mit. Nach 1989 sei „eine beträchtliche Anzahl Menschen nach Bayern gekommen“, der Freistaat sei schon immer eines der attraktivsten Zuzugsländer gewesen. „Da kamen hoch motivierte Arbeitskräfte, die sich schnell integrieren wollten“, sagt der Historiker. Die hätten ein großes Ziel gehabt: „Sie haben viel verloren und wollten wieder was erreichen.“

Ex-Jugoslawien

Die Zahl der Flüchtlinge aus diesem Gebiet ist mit rund 735 000 Menschen – davon kam knapp die Hälfte nach Bayern – zwar vergleichsweise gering, doch sie kamen zu einer ungünstigen Zeit: Kurz nach der Wiedervereinigung war die Stimmung in Deutschland aufgeheizt. Man zahle schon so viel Geld für den Osten, dass man es sich nicht erlauben könne, diese Flüchtlinge aufzunehmen. Es war die Zeit der verheerenden Brandanschläge. „Problemlos ging das auch in Bayern nicht“, sagt Wolfgang Reinicke. Letztlich verschmolz aber auch diese Gruppe mit der Bevölkerung, nicht zuletzt, da sie „sehr intergrationswillig“ war und viele familiäre Verbindungen nach Deutschland hatten.

Spätaussiedler

Die große Welle kam ebenfalls kurz nach der Wiedervereinigung. 1990 zählte man in Bayern etwa 64 000 Aussiedler, fünf Jahre später rund 32 000 und im Jahr 2000 waren es noch 14 000. Die Inte­gration verlaufe „im Prinzip gar nicht so schlecht“, so Wolfgang Reinicke, denn viele würden zumindest noch rudimentär deutsch sprechen. Problematisch wurde, dass eine gewisse Ghettoisierung eingesetzt habe – man zieht halt lieber zu Verwandten und Landsleuten. „Es ist die große Herausforderung, die Menschen aus dieser Isolation rauszuholen.“

Für die Zukunft ist Wolfgang Reinicke nicht bang. Es habe schon immer Migrationen gegeben, es werde immer Migration geben. „Dank der Globalisierung sind die Menschen auf der ganzen Welt unterwegs.“ Auch aus Deutschland seien schon viele ausgewandert und tun es aus wirtschaftlichen Gründen heute noch. Und Bayern, das regelmäßig als attraktivstes Bundesland bezeichnet wird, hatte schon immer einen Bevölkerungszuzug.

Volker Pfau

Auch interessant

Meistgelesen

82-Jähriger rast mit 180 über Bundesstraße – der Grund ist skurril
82-Jähriger rast mit 180 über Bundesstraße – der Grund ist skurril
Tote und Verletzte bei Unfall in Bayern
Tote und Verletzte bei Unfall in Bayern
Mann bei Autoverkauf total ausgerastet
Mann bei Autoverkauf total ausgerastet
Ganz schlechte Idee: Betrunkener Autofahrer will auch noch angeben
Ganz schlechte Idee: Betrunkener Autofahrer will auch noch angeben

Kommentare