„Im Grunde ist es egal“

Höchst sonderbare Zahlen: Stadt in Bayern bald mit 110 % Impfquote?

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Schon im April war Passau Bayerns Spitzenreiter bei den Corona-Impfungen. Jetzt könnte das Eiltempo zu einem Kuriosum führen.

Eine Stadt in Bayern impft so fleißig, dass seine Impfquote bald auf mehr als 100 % steigen könnte. „Hauptsache, die Leute sind geimpft“, meint das Landratsamt. Doch die Zahlen geben ein Rätsel auf.

Passau – Während ganz Deutschland von Impfmüdigkeit spricht, piekst Passau munter weiter: Nach Angaben der Stadt liegt die örtliche Impfquote bei 76,71 %. Die Erstimpfung haben sogar schon 82,66 % der rund 50.000 Einwohner erhalten. Bald könnte es in der Drei-Flüsse-Stadt zu einem Kuriosum kommen und die Impfquote auf mehr als 100 % steigen. Die Behörden wissen, was es mit dem Passauer Impf-Rätsel auf sich hat. „Im Grunde ist es egal“, meint das Landratsamt.

Aber wie kommen die sonderbaren Zahlen zustande? Unter den aktuellen Impf-Zahlen auf der Stadt-Website steht eine kurze Fußnote, die Aufschluss gibt: „Bei den Impfquoten handelt es sich um rechnerische Werte, ausgehend von 52.415 Einwohnern.“ Ungewöhnlich ist das nicht, denn so wird die Quote laut Vorgaben des Robert-Koch-Instituts nun mal berechnet. Allerdings: Ob in Passau wirklich 76,71 % der Stadtbewohner vollständig immunisiert sind, weiß niemand so genau. Das gilt im Übrigen für alle regionalen Impfzahlen in Deutschland.

Impfquote in Passau: Woher die Geimpften kommen, ist der Statistik egal

Die Impfquote besitzt nicht nur in Passau eine unauflösbare Unschärfe. Der Hintergrund: Wenn sich eine Person gegen das Coronavirus impfen lässt, fließt das in die örtliche Statistik ein – der Wohnort allerdings nicht. In Passau kommen laut Dr. Achim Spechter, Leiter des Passauer Impfzentrums, beispielsweise viele Impfwillige aus den Landkreisgemeinden – und aus dem Ausland.

„Es werden nur die in der jeweiligen Gebietskörperschaft durchgeführten Impfungen dokumentiert. Wo die Leute ihren Wohnsitz haben, ist seit geraumer Zeit unerheblich“, sagt Spechter gegenüber der Passauer Neuen Presse. „Inzwischen dürfen wir sogar die Schiffsbesatzungen impfen, die sich meistens aus Ausländern zusammensetzt“, erklärt der Impfzentrum-Chef.

Passau hat „erfolgreich geimpft“: Die einmalige Impfquote hat aber einen anderen Grund

Passaus hohe Impfquote erklärt Spechter auch unter anderem mit den vielen Studenten, die in Passau einen Zweitwohnsitz angemeldet haben. Dazu kämen viele einpendelnde Landkreisbewohner. Auch die höhere Ärztedichte im Vergleich zum Umland erkläre, warum die Impfquote in der Drei-Flüsse-Stadt so hoch liegt.

Zwar habe Passau laut Spechter „erfolgreich geimpft“, an den offiziellen Zahlen zweifelt Spechter aber: „Gefühlt sind bei uns mehr als 20 Prozent leider noch nicht geimpft.“ Er befürchtet sogar, dass sich die aufgeblähte Quote negativ auf die Impfbereitschaft in der noch nicht überstandenen Pandemie auswirkt. Es könne ein „Auf mich kommt’s nicht mehr an“-Gefühl entstehen.

Schon im April war Passau mit rund 40 Prozent Erstimpfungen Spitzenreiter in ganz Bayern:

Das hiesige Landratsamt macht sich weniger Sorgen um eine neue Impfmüdigkeit aufgrund der hohen Quote. „Uns ist es im Grunde egal, wer wo geimpft wurde. Hauptsache, er wurde geimpft“, sagt Pressesprecher Werner Windpassinger der Passauer Neuen Presse. Er selbst sei ein Beispiel für die Unschärfe der Impfquote, denn sein Hausarzt habe seine Praxis im Nachbarlandkreis Freyung-Grafenau.

Erreicht Passau bald 110 % bei der Impfquote? „Hauptsache, die Leute sind geimpft“

Dass die Impfquote in Passau tatsächlich auf über 100 % steigt, hält Impfzentrum-Chef Spechter für unwahrscheinlich. Möglich wäre es aber. Windpassinger vom Landratsamt hätte nichts dagegen: Wenn am Schluss alle Stadt- und Landkreisbewohner geimpft seien, sei es egal, wo das passiert ist. „Und 110 Prozent wären noch besser. Wie gesagt: Hauptsache, die Leute sind geimpft.“

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