1. tz
  2. Bayern

Zur Warnung von Bürgern: Bayern fehlen 15.000 Sirenen - „Sehen einen zwingenden Bedarf“

Erstellt:

Von: Carina Zimniok

Kommentare

Eine Alarmsirene steht auf einem Hausdach.
Eine Alarmsirene steht auf einem Hausdach. (Symbolfoto) © Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

In einem Notfall in Bayern können nicht alle Bürger gewarnt werden. Der Grund: Es fehlen Sirenen. Nun sollen die Kommunen neue Sirenen bekommen – doch es fehlt am Geld.

Moosburg – Vorige Woche in Moosburg: Der Wetterdienst warnte vor Gewittern, tatsächlich kam es am späten Nachmittag zu Sturm, Starkregen, Hagel. Bäume fielen in Moosburg um, erschlugen einen Urlauber. Eigentlich hätten bei einem solchen Unwetter die Sirenen heulen müssen, um alle Bürger zu warnen. Taten sie aber nicht: Der Strom fiel flächendeckend aus und deshalb funktionierten auch fünf von sechs Sirenen nicht. Auch bei einem Unwetter in Garmisch-Patenkirchen kam es zu erheblichen Schäden durch Hagel.

Bayern fehlen mindestens 15.000 Sirenen zum Warnen von Bürgern

Das könnte überall in Bayern passieren: Herkömmliche Motorsirenen haben keine Notstromversorgung – zu teuer. Und sehr viele Gemeinden haben nicht einmal mehr eine Sirene, um die Bürger zu warnen. In ganz München gibt es keine einzige mehr. Mindestens 15 000 Sirenen fehlen laut Landesfeuerwehrverband in Bayern. Der Freistaat hat ein Sirenen-Problem. Und es wird Jahre dauern, bis es gelöst ist. Dabei drängt auch die Politik darauf. Es geht nicht nur um den Alarm bei Brand oder Hochwasser – sondern auch um Zivilschutz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren bundesweit 80 000 Sirenen auf Dächern von Schulen und Behörden installiert worden, allein in Bayern gab es 20 000 Luftschutzsirenen. Dann kam die Wiedervereinigung, der Kalte Krieg war vorbei. Feuerwehr-Urgestein Gerhard Bullinger, der 25 Jahre Kreisbrandrat in Ebersberg war, erinnert sich gut an die euphorische Stimmung nach 1990, als man an den dauerhaften Frieden glaubte und Zivilschutzalarmierung nicht mehr für nötig hielt. „Sirenen lagen früher in der Zuständigkeit der Bundespost“, erinnert er sich.

Als das Fernmeldenetz privatisiert wurde, baute man die meisten tellerförmigen Sirenen ab – aus Kostengründen. „Das war ein Fehler“, sagt Bullinger. Aber mit der Entwicklung neuer Techniken hielt man es für ausreichend, bei Gefahr über Rundfunk, Fernsehen, Internet oder per SMS zu warnen. Dass das nicht funktioniert, wurde schnell klar.

Video: Großeinsatz nach schwerem Unwetter in Moosburg

Übrigens: Unser Bayern-Newsletter informiert Sie über alle wichtigen Geschichten aus dem Freistaat. Melden Sie sich hier an.

Zu wenig Sirenen in Bayern - andere Warnsysteme nicht zuverlässig genug

Jürgen Weiß ist beim Landesfeuerwehrverband für das Thema zuständig. Bereits 2016 nahm er an Besprechungen mit dem Innenministerium und dem Gemeindetag teil. „Wir waren uns einig: Nur die Sirene alarmiert die Bürger zuverlässig – auch nachts“, sagt Weiß. Alle anderen Warnsysteme, zum Beispiel Handy-Apps, sind nicht ausreichend verbreitet. Und nicht zuverlässig genug.

Tatsächlich kam die Kehrtwende, angeschoben durch die Flutkatastrophe im Ahrtal. „Wir sehen einen zwingenden Bedarf, die Bevölkerung besser warnen zu können“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Seit 2021 gibt es das Sonderförderprogramm zur Verbesserung der Warninfrastruktur. Jetzt soll wieder jeder mit einer Sirene erreicht werden. Für 2021 bekam der Freistaat vom Bund, der für Zivilschutz zuständig ist, 6,5 Millionen Euro, 2022 sollten es weitere 6,8 Millionen sein.

Fördergeld reicht nicht für flächendeckende Versorgung durch Sirenen

Doch es ist schwierig, die flächendeckende Versorgung zu erreichen. Das liegt auch am fehlenden Geld. Das Sonderprogramm für neue Sirenen ist „hoffnungslos unterfinanziert“, sagt Wilfried Schober vom Bayerischen Gemeindetag. Mit den Fördergeldern könnte der Bezirk Oberbayern in nur sechs Gemeinden je zehn Sirenen einrichten.

Herrmann hat den Bund aufgefordert, innerhalb der nächsten zehn Jahre zehn Milliarden Euro zu investieren. Ein flächendeckender Ausbau könne mit den bisher zur Verfügung gestellten 88 Millionen Euro für alle Länder nicht erreicht werden.

Sirenen-Ausbau dauert aufgrund Wartezeiten bis zu mehreren Jahren

Bis eine Kommune eine Sirene kaufen kann, dauert es mitunter Jahre: Bundesweit gibt es nur vier Fachfirmen, die Wartelisten sind lang. Das spürt auch der Marktführer: Hörmann Warnsysteme aus Kirchseeon im Kreis Ebersberg. Auf der Fachmesse Interschutz war das Interesse am Stand groß, berichtet Geschäftsführerin Anna Hörmann. Ihre Firma baut Kapazitäten aus und sucht händeringend Mitarbeiter. Noch gibt es keine Materialknappheit, krisenbedingt rechne man aber damit.

Die neuen Sirenen funktionieren übrigens auch bei Stromausfall, sie haben Batterien oder Akkus. In Moosburg gibt es bereits ein neues Modell, das beim Unwetter auch geheult hat. Allerdings brauchen diese Exemplare Digitalfunk. Bis jede Gemeinde damit ausgestattet ist, dauert es wohl bis 2025. Und es gibt noch ein Problem: Die Standortsuche ist schwierig. Kaum jemand will die Sirene in seiner Nachbarschaft haben.

Auch interessant

Kommentare