Freistaat schwer getroffen

Rekord-Niveau bei der Zecken-Zahl: Risiko für Hirnhautentzündung steigt um 50 Prozent

Nach Wochen der Corona-Beschränkungen zieht es die Menschen in die Natur. Doch Vorsicht: Im Jahr 2020 ist die Zeckengefahr in Bayern besonders hoch - mit Folgen.

  • Die klimatischen Bedingungen in Bayern scheinen „optimal“ für die Vermehrung von Zecken.
  • Dies führt dazu, dass im Freistaat die Gefahr eines Zeckenbisses erheblich gestiegen ist.
  • Damit ist das Risiko einer FSME-Infektion gegenüber dem Vorjahr ebenfalls deutlich größer.
  • Virologe Dr. Gerhard Dobler schlägt Alarm - und verrät, wie Sie sich schützen können.

München – Feuchtes, schwüles Wetter – da kommen Zecken aus ihren Verstecken und warten auf ihr Opfer. Wer sich nun nach Wochen der erzwungenen Enthaltsamkeit in die Wälder und Wiesen wagt, geht eine größere Gefahr der Begegnung mit den kleinen Blutsaugern ein. Und damit auch ein höheres Risiko, mit dem Erreger der Hirnhautentzündung FSME infiziert zu werden. Denn: „Seit Mai hat sich die Zecken-Population extrem erhöht. Wir sind auf Rekordniveau“, warnt Professor Dr. Gerhard Dobler, Virologe am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München.

„Das höhere Risiko für eine FSME-Übertragung liegt an einem deutlich gestiegenen Anteil erwachsener Zecken. Sie sind etwa fünf- bis zehnmal mehr mit FSME-Virus durchseucht sind als die sogenannten Nymphen, also die jungen Zecken“, sagt Dobler. Das Risiko für eine FSME-Infektion wird um circa 50 Prozent höher eingeschätzt als 2019. Auch das Deutsche Rote Kreuz warnte kürzlich vor der erhöhten Zeckengefahr.

Zeckengefahr in Bayern: „Optimales“ Wetter sorgt für besorgniserregende Entwicklung

Zahlen, die erschrecken. Doch noch zeigt sich das nicht in den bisherigen Infektionszahlen. Bis zum 8. Juni wurden in Bayern 34 FSME-Fälle registriert, zeigt die Statistik des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Vor einem Jahr waren es im gleichen Zeitraum 33 Fälle. Dr. Volker Fingerle vom LGL sieht also keine signifikante Steigerung, hält es aber für möglich, dass wegen der Coronakrise* deutlich weniger Menschen in der Natur unterwegs waren und es deshalb keine erhöhte Zahl an Infektionen gab. „Die nächsten zwei Wochen werden es zeigen“, sagte er. Zumal es derzeit das „Zeckenwetter schlechthin ist, ein bissl feucht, ein bissl schwül“. Absolut richtig sei es, vor FSME zu warnen. „Man kann FSME mit einer Impfung verhüten. Wir haben nichts, um eine Infektion, die sich festgesetzt hat, ursächlich zu bekämpfen. Wir haben keine Medikamente, die das Virus töten, wir können nur symptomatisch behandeln.“ Deswegen sei er klar für die Impfung.

Wer sich im Wald auf den festen Wegen aufhält, ist vor Zecken relativ sicher. Vor einer Infektion mit dem FSME-Virus schützt aber am besten eine Impfung.

Immer wieder heißt es, dass eine größere Population von Zecken auf den milden Winter zurückzuführen sei. Virologe Dobler sieht andere Faktoren. Die Zecken hätten in den vergangenen beiden Jahren im Sommer sehr gute Vermehrungsbedingungen gehabt. Es war sehr warm – und es gab sehr viele Mäuse. Gerhard Dobler erklärt: Die Zecke macht drei Stadien durch. Aus den Eiern schlüpfen Larven, die eine „Blutmahlzeit“ bei einem kleinen Nagetier brauchen, um sich in „Nymphen“ (kleine Zecken) zu entwickeln. Diese brauchen eine weitere „Blutmahlzeit“, um erwachsen zu werden. Dann saugen nur noch die Weibchen Blut, um Eier legen zu können. Mit FSME infizieren sich die Larven üblicherweise über die Nagetiere. Eine in Deutschland eingewanderte Zeckenart verfolgt ihre Opfer sogar über Hunderte Meter.

Wandern in Bayern: Erhebliches Risiko, von einer Zecke gebissen zu werden

Auch Dobler rät dringend, sich in den Risiko-Kreisen gegen FSME impfen zu lassen – und das sind in Bayern 91 von 96 bayerischen Landkreisen und kreisfreien Städten. Gerade die Situation in Oberbayern bereitet Dobler Sorgen: „Insbesondere am nördlichen Alpenkamm sind die Kreise immer mehr betroffen. Wir wissen von aktuellen FSME-Fällen in Traunstein, in Rosenheim, in Starnberg, im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen.“ Vor Jahren hätte er gesagt: „Südlich der Autobahn München–Salzburg gibt es keine FSME, da können Sie unbesorgt in die Natur gehen. Das hat sich völlig geändert. Da muss man wissen, dass man sich mit FSME infizieren kann.“ Das gesamte Inntal sei inzwischen FSME-verseucht, sowohl auf österreichischer als auch auf deutscher Seite. Der Zecken-Experte ist sich sicher, dass die Gefahr weiter ansteigen wird.

Dobler bringt es auf die Formel: In ganz Oberbayern muss mit FSME gerechnet werden. Selbst im Stadtgebiet München, das laut Robert-Koch-Institut noch als FSME-frei gelte, haben Wanderer nach Doblers Erkenntnissen vor allem im Südosten ein erhebliches Risiko, von einer verseuchten Zecke gebissen zu werden. Daher rät er auch hier, sich impfen zu lassen. In Hochrisikogebieten sollten auch Kinder ab einem Alter von einem Jahr geimpft werden.

Prof. Gerhard Dobler von der Bundeswehr-Uni.

Zudem gilt: Nur mit langer Hose raus in die Natur, die Hosenbeine in die Strümpfe stecken und sich anschließend absuchen. Vor allem in den feuchten Partien mit dünner Haut wie Kniekehlen, Achselhöhlen, Leistenregion. Zecken, die gefunden werden, sollten rasch mit einer Zeckenkarte oder einer Pinzette entfernt werden. „Vor der Entfernung sollte die Zecke nicht mit Öl oder Uhu beträufelt werden, dies kann dazu führen, dass sogar noch mehr Krankheitserreger in die Wunde gelangen“, warnt Dobler. Um eine Zecke richtig zu entfernen, eigneten sich Hilfsmittel wie die Zeckenkarte, eine Pinzette oder einfach spitze Fingernägel.

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Rubriklistenbild: © dpa/Stratenschulte

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