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Corona-Pandemie erhöht Druck auf Berge: Bergwacht zieht bittere Bilanz für 2021 - mehr Unfälle und Tote

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Von: Cornelia Schramm

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Rund um die Uhr in Bereitschaft: Zwischen den Jahren mussten sieben Mann der Bergwacht Grainau zwei „blockierte“ Bergsteiger am Klettersteig „Eisenzeit“ an der Zugspitze retten – bei Schnee, Sturm und im Dunklen.
Rund um die Uhr in Bereitschaft: Zwischen den Jahren mussten sieben Mann der Bergwacht Grainau zwei „blockierte“ Bergsteiger am Klettersteig „Eisenzeit“ an der Zugspitze retten – bei Schnee, Sturm und im Dunklen. © BW Grainau

Wo hinfahren in der Pandemie? Viele Deutsche verzichten auf Flugreisen, ja sogar auf die Fahrt über die Grenze nach Österreich. Das spüren Bayerns Bergretter: 2021 gab es mehr Unfälle und Bergtote als je zuvor – und der Trend reißt wohl nicht ab.

München/Grainau – Volle Parkplätze, Stau, Müll und andere Hinterlassenschaften in den Wiesen – der Ansturm auf die bayerischen Alpen hat neue Rekorde erreicht. Das merken vor allem die Rettungskräfte. Die Zahl der Unfälle erreichte 2021 der Bergwacht Bayern zufolge einen Höchststand: Im Sommer musste sie 3650 Mal ausrücken, rund 250 Mal mehr als im Vorjahr und 800 Mal mehr als noch 2017, wo es knapp 2840 Einsätze waren. „Der Zuspruch zur Aktivität im Freien wegen der geringen Infektionsgefahr, die eingeschränkten Möglichkeiten für andere Sportarten und die Reiseerschwernisse führten zu dem sehr hohen Nutzungsdruck“, so Bergwacht-Sprecher Roland Ampenberger.

„Dass der Drang nach draußen immer größer wird, liegt aber nicht nur an der Pandemie“, sagt Willi Kraus, der als Leiter der Bergwacht Grainau rund vierzig aktive Bergwachtsmänner rund um das Zugspitzdorf im Kreis Garmisch-Partenkirchen koordiniert und 2021 rund 100 Mal ausrücken musste. „Die Freizeit wird immer wichtiger. Jeder muss alles einmal gesehen und gemacht haben – das ist die neue Mentalität.“

2021: Bergwacht Bayern beklagt Höchststand an Einsätzen und tödlichen Unfällen

Früher war die Bergwacht vor allem an schönen Sommer- und Herbstwochenenden im Einsatz, so der 53-Jährige. Heute das ganze Jahr, auch unter der Woche und bei jedem Wetter. „Das Wandern hat keine Hochsaison mehr“, sagt Kraus. Über Weihnachten sei es ruhig gewesen, zwischen den Jahren wurden die Grainauer Bergretter aber dann zum Klettersteig „Eisenzeit“ gerufen: „Das scheint die neue Modetour zu sein“, so Kraus. „Im Winter 2000 Höhenmeter über die Nordseite auf die Zugspitze? Da überschätzen sich viele! Immer wieder.“

Aber nicht nur die Zahl der Einsätze ist markant, sondern auch die der Bergtoten: Von der Zugspitze bis Berchtesgaden zählte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd im vergangenen Jahr 50 Todesfälle (2020: 34). Der Berchtesgadener Polizeibergführer Jörg Fegg ist den Ansturm auf seine Heimat gewöhnt, 2021 hat ihn aber überrascht: „18 Tote nur bei uns? Ein Wahnsinn!“ Sonst seien es zehn oder zwölf. „Mit Ende des Lockdowns hat es mit den Skitouren angefangen. Wir wurden überrannt, weil man nicht nach Österreich durfte. Das hat sich im Sommer fortgesetzt.“ Es gab Megastaus. Bis zu 200 Camper hätten teils am Königssee-Parkplatz gestanden. Allein am Watzmann starben vier Menschen. „Die alpine Basisausbildung fehlt einfach viel zu oft“, sagt Fegg, ebenso wie Kraus. Oft regiere auch die Unvernunft. „Wir sehen oft haarsträubende Dinge.“ Etwa Eltern mit Kindern in der Kraxe auf schwierigen Klettersteigen.

Im September suchte Feggs Team gerade nach einer Berlinerin im Steinernen Meer, als der nächste Notruf einging: Ein Toter am Watzmann. Wie sich Tage später herausstellte, handelte es sich um einen Argentinier auf Rucksack-Tour durch Europa. „Ich vermute, dass er bei nicht idealem Wetter oben war und in die falsche Richtung abgestiegen ist“, sagt Fegg. „Als sich der Nebel drehte, wusste er nicht mehr, wo er herkam.“ Solche Fälle beschäftigen die Bergretter Jahre – die Berlinerin ist bis heute nicht gefunden worden.

Bayern: Zahl der Bergunfälle könnte 2022 durch Ski-Saison noch steigen

„Es kommt mir so vor, als würden manche einfach ins Blaue marschieren“, sagt Kraus. „Nach dem Motto: Ich habe ja ein Handy dabei. Mir wird schon jemand helfen, wenn etwas schief geht.“ Derweil sei es essenziell, sich selbst richtig einzuschätzen. Ist die Tour für mich geeignet? Bin ich richtig ausgerüstet? Hält das Wetter und kenne ich den Weg? Das seien Fragen, die sich jeder vor einer Wandung stellen sollte.

Die meisten Unfälle geschehen beim Wandern, gefolgt vom Moutainbiken. Das E-Bike hat auch weniger Trainierten zuvor unerreichbare Regionen erschlossen. Nach Stürzen zählen Herz-Kreislauf-Probleme zu den häufigsten Ursachen für Todesfälle – und 2022 könnte noch unfallträchtiger werden: Anders als im Vorjahr laufen die Skilifte. Todesfälle sind auf der Piste selten, Unfälle aber häufig.

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