Einwohner-Studie für 152 Kreise & Gemeinden

So leben wir Bayern im Jahr 2030

München - In welcher bayerischen Gemeinde leben die die meisten Alten? Wo gibt's am meisten Kinder? Und wo wohnen besonders viele Frauen? Antworten gibt der große Bevölkerungs-Report der Bertelsmann-Stiftung:

Es ist die größte Bevölkerungsstudie Deutschlands und sie sagt voraus, wie wir im Jahr 2030 leben werden: Mittwoch hat die Bertelsmann-Stiftung ein Zahlenwerk veröffentlicht, in dem alle Städte, Landkreise und Gemeinden mit mehr als 5000 Einwohnern erfasst sind. Die Statistikexperten haben darin auf der Grundlage der Zahlen von 2012 errechnet, wie sich unsere Bevölkerung in den nächsten 25 Jahren entwickeln wird. Wie viele Kinder gibt es? Wie viele Alte? Welche Städte wachsen? Welche schrumpfen?

So entwickeln sich die Orte, die wir besucht haben (PDF, 1,8 MB)

Die Bevölkerung in Bayern wächst um 3,5 Prozent auf 12.952.370. Doch dieser Wert verteilt sich leider nicht gleich über den Freistaat: Die Landflucht in Richtung Metropolen und die Speckgürtel drumherum hält weiter ungebremst an. München, das gerade die 1,5-Millionen-Einwohner-Hürde genommen hat, legt nochmal um 14,1 Prozent zu. Das hat gravierende Auswirkungen auf Preise und Stadtentwicklung. Diese haben wir auf herausgearbeitet und mit Berlin und Hamburg verglichen. Hier haben wir uns zusammen mit den Kollegen des Münchner Merkur die Städte und Gemeinden herausgegriffen und dort Menschen besucht, deren Entwicklung besonders auffällig ist: Weil es dort den höchsten Zuzug gibt oder der Rückgang am höchsten ist. Weil der Altersdurchschnitt besonders hoch sein wird. Oder weil dort der höchste Männer- oder Frauenüberschuss vorherrschen wird. Und natürlich waren wir auch in dem Ort, in dem die Frauen die meisten Kinder zur Welt bringen.

Wir haben das Datenmaterial interaktiv für Sie aufbereitet:

So benutzen Sie die Karte: Aufgeteilt nach Landkreisen zeigt die Karte das Wachstum bzw. die Abnahme der Bevölkerung in Deutschland. Wählen Sie oben rechts weitere Kategorien wie Medianalter. Eine Legende erklärt die Begriffe. Nach einem Klick auf die Lupe können Sie nach Orten suchen, die Ihnen dann direkt angezeigt werden. Durch einen Klick auf einen Landkreis erscheinen alle Daten dazu.

Viel Spaß auf der Zeitreise, wie wir Bayern im Jahr 2030 leben werden!

Oberammergau: Der höchste Rückgang - düstere Prognose für ein Paradies

Oberammergau ist weltberühmt für Passionsspiele, Lüftlmalerei und Holzschnitzereien – doch im Dorf im Kreis Garmisch-Partenkirchen schrumpft die Bevölkerung – bis zum Jahr 2030 von 5100 auf 4910 Einwohner (-3,8 Prozent). Nur Tittmoning (Kreis Traunstein, -4 Prozent) und der bundesweite Negativ-Rekordhalter Arzberg (Kreis Wundsiedel, -21 Prozent) stehen noch schlechter da. Warum trifft’s Oberammergau so hart? Viele junge Leute wandern in größere Städte ab – zum Arbeiten oder Studieren. Daran ändern auch die Passionsspiele nichts, die alle zehn Jahre stattfinden, und die anderen Veranstaltungen – bei denen nur Oberammergauer mitwirken dürfen.

Sauerlach: Die meisten Zwergerl pro Frau - willkommen in der Kinderstube!

Sophia Janusch mit ihrer Tochter Mia-Jolie (r.) und Freundin Laura.

Sauerlach ist die Kinderstube Oberbayerns: Hier bringt jede Frau (hierzu zählen die Macher der Studie alle 13 bis 49-Jährigen) statistisch gesehen 1,8 Kinder auf die Welt. Damit teilt sich Sauerlach mit Feldkirchen, Pullach, Waging am See, Riedering und Dietramszell den Spitzenplatz. Die frohe Botschaft für die Sauerlacher: In vielen Gemeinden sinkt die Zahl bis 2030, in Sauerlach aber bleibt die Babyquote unverändert hoch. Sophia Janusch (27) kennt sich aus mit der Materie: Die gebürtige Thüringerin arbeitet als Kinderpflegerin in der Kindertagestätte Sternschnuppe in Sauerlach – und ist selbst Mutter einer dreijährigen Tochter. „Ich kann mir keinen besseren Ort auf der Welt vorstellen, um Kinder großzuziehen!“ Die Sauerlacher haben Janusch gut aufgenommen. „Außerdem gibt es hier alles, was man braucht: drei tolle Kinderspielplätze, Kinderturnen, eine Halfpipe und einen Fußballverein. Kinder fühlen sich wohl – das macht uns Mamas glücklich!“

Herrsching: Der Damenüberschuss - „So viele Frauen – eine feine Sache!“

54,2 Prozent der Herrschinger sind Frauen – das ist Rekord in Oberbayern. Und bis 2030 steigt der Frauenanteil am Ammersee weiter. Dann werden 55,5 Prozent Damen auf 44,5 Prozent Herren blicken. Das Paradies auf Erden für die Männer in Herrsching?

Hrvoje Vrljic (25) kennt sich aus mit Frauen. Sein Beruf ist es, ihnen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Er kellnert tagsüber im Restaurant Seehof, abends mixt er Mojitos und Martinis. Einmal Hahn im Korb sein – ist Vrljic deswegen nach Herrsching gekommen? „Nein, Freunde von mir arbeiten schon lange hier, sie haben immer vom Ammersee geschwärmt.“ Die hohe Frauenquote stört ihn aber nicht: „So viele Frauen – das ist für jeden Mann eine feine Sache!“ Trotz all der schönen Aussichten: Daheim in Kroatien wartet seine Freundin, „und der bleibe ich treu!“

Unterföhring: Der höchste Zuwachs - das Mediendorf ist ganz vorne

Aufstrebend, reich und jung: So sieht die Zukunft Unterföhrings im Landkreis München aus. Das ohnehin schon reiche Mediendorf, das einst den 85 Millionen Euro teuren S-Bahn-Tunnel mit einem Beitrag von 63 Millionen Euro beinahe selbst bezahlt hat, hat ein extremes Wachstum vor sich. Der Studie zufolge steigt in Unterföhring die Einwohnerzahl bis 2030 mit 39,8 Prozent am stärksten in ganz Bayern. Heute leben 11 640 Menschen in dem Ort, in 15 Jahren sollen es 14 740 sein. Und während andere damit kämpfen, dass die Bevölkerung immer älter wird, passiert in Unterföhring das Gegenteil: Mit einem Durchschnittsalter von 40,9 Jahren wird es 2030 die jüngste Kommune Bayerns sein.

Woher kommt die Anziehungskraft? Unterföhring ist nicht nur Sitz einiger Medienunternehmen, auch große Versicherungen haben hier ihre Büros. Und die zahlen kräftig Gewerbesteuer. 135,4 Millionen Euro waren es 2014, die Gemeinde hat Rücklagen von 341 Millionen Euro. Damit liegt der Ort bundesweit auf Platz zwei der reichsten Kommunen.

Rottach: Höchster Altersschnitt - in 50 Jahren ist jeder Zweite 60+

Katrin Lutz von der Caritas kümmert sich um die Senioren.

Schon jetzt ist Rottach-Egern eine der ältesten Gemeinden Bayerns. Jeder zweite der 5640 Einheimischen – hinzu kommen 1200 Zweitwohnsitz-Inhaber – hat die ersten 54 Lebensjahre hinter sich. In 15 Jahren wird die Hälfte der Rottach-Egerner über 60 Jahre alt sein. Der Ort am Tegernsee wird dann im Alters-Ranking in Bayern nur noch von Bad Füssing übertroffen – der Ort im Kreis Passau steht auch bundesweit an der Spitze.
Der Tegernsee ist beliebt bei betuchter Klientel, die dort ihren Lebensabend verbringen möchte. Doch wenn ein Partner stirbt, droht dem anderen die Einsamkeit. Die Caritas hat das vor zehn Jahren erkannt und mit einem Mehrgenerationenhaus (Kreis Miesbach) ein einmaliges Projekt gestartet: Drei Festangestellte und 20 ehrenamtliche Helfer unterstützen die Senioren bei der Gestaltung ihres Alltags. Rottach-Egern hat sich bereits auf den Weg gemacht, die Bedürfnisse seiner Senioren 2030 zu befriedigen.

Kirchheim: Hier schlägt die Überalterung am heftigsten zu

In Kirchheim im Landkreis München wächst der Anteil der über 80-Jährigen bis 2030 um 221 Prozent.

Ein Ort vergreist. So lässt sich zusammenfassen, was die Studie für Kirchheim im Landkreis München prognostiziert. Der Zuwachs an über 80-Jährigen bis 2030 beträgt 221,2 Prozent (siehe Artikelbild oben). Bundesweit ist das der höchste Wert. 2013 lebten etwa 700 über 80-Jährige in dem Dorf – 2030 werden es mehr als 1500 sein. Insgesamt wird es dann 14.420 Kirchheimer geben.
Die Entwicklung hin zu einem Dorf der Alten hat ihren Hintergrund in der Siedlungspolitik der 1970er- und 1980er-Jahre. Neuer Wohnraum, vor allem Reihenhäuser, zog Familien an. Die Zahl der Einwohner stieg in der Zeit von 1970 bis 1990 rasant an: von 2000 auf 12.000. Viele der Menschen, die damals zugezogen sind und Familien gegründet haben, haben jetzt das Seniorenalter erreicht oder erreichen es bis 2030. Die Gemeinde plant deshalb mehr Wohnungen, öffentliche Gebäude und den S-Bahnhof barrierefrei.

Au in der Hallertau: Hier gibt’s Männerüberschuss

Ein starkes Plus an Mannsbildern wird Au in der Hallertau (Kreis Freising) in 15 Jahren haben. Während die Frauen in der Marktgemeinde immer weniger werden, steigt der männliche Bevölkerungsanteil auf rekordverdächtige 54 Prozent. Momentan sind 52,2 Prozent der 5780 Bürger in Au in der Hallertau männlichen Geschlechts. 

München wächst stärker als andere Metropolen - und bleibt jünger. Das sind Ergebnisse der Bertelsmann-Studie, die den direkten Vergleich mit Berlin und Hamburg macht.

Moritz Heilmann, Daniel Krehl, Carolin Nuscheler, Sebastian Grauvogl, Ilsabe Weinfurtner, Tobias Scharnagl, Michael Haas (Grafik)

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