Eine Schülerin appelliert an Kultusminister Schneider, das G8 zu entrümpeln

Bitte, geben Sie uns die Kindheit zurück!

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Muss mehr rackern als so mancher Erwachsener: die 15-jährige Schülerin Katharina Thaler.

Während die Politiker weiter ums auf acht Jahre verkürzte Gymnasium (G8) streiten, leiden die betroffenen Schüler und Eltern.

Wie sehr, das schildert die Neuntklässlerin Katharina Thaler (15) in einem offenen Brief an Kultusminister Siegfried Schneider. Der kündigte gestern an, die gesamte Unterrichtspflichtzeit von der 5. bis zur 12. Klasse um insgesamt sechs Stunden kürzen zu wollen. Außerdem will er den Stoff in Lernfächern wie Geschichte kürzen. Am Mittwoch wird der CSU-Politiker in der tz auf den Brief der Schülerin antworten.

Sehr geehrter Herr Minister Schneider,

Sie planen, die Stoffmenge und die Stundenzahl im Gymnasium zu verringern. Bitte, kürzen Sie hier mehr als die jetzt versprochenen maximal sechs Stunden verteilt auf acht Jahre – denn als G8-Schülerin habe ich fast keine Freizeit mehr!

Damit Sie besser verstehen, wie es uns Schülern geht, möchte ich Ihnen gerne einmal meinen normalen Tagesablauf schildern – und so wie mir geht es wahrscheinlich allen G8-Schülern…

Meine Schule, das Elsa-Brändström-Gymnasium in Pasing, wurde wegen des G8 in eine Ganztagsschule umgewandelt, damit wir wenigstens ein bisschen mehr Zeit haben, die Stofffülle zu bewältigen. Ich gehe jeden Tag von 8 Uhr bis 16 Uhr in die Schule, am Freitag bis 14 Uhr.

Am Vormittag haben wir so viele Hauptfächer wie nur möglich, und kaum noch Fächer wie Musik oder Kunst. Das finde ich sehr schade, denn genau diese Fächer haben mir immer am meisten Spaß gemacht.

Nach der einstündigen Mittagspause gehen wir entweder in Studierzeiten oder Intensivierungen, wo wir den vielen Stoff aus den Hauptfächern vertiefen können. Am Anfang des Schuljahres konnte jeder Schüler selbst zwischen diesen beiden „Fächern“ wählen.

Die meisten wählten Intensivierungen, da sie oftmals mit dem behandelten Stoff im Unterricht nicht mitgekommen sind. Das liegt hauptsächlich da­ran, dass der Stoff im Unterricht viel schneller durchgenommen werden muss, als im G9, also dem früheren neunjährigen Gymnasium. Doch der Verzicht auf die Studierzeit bedeutet für uns auch, dass wir die gesamten Haus­aufgaben zu Hause machen müssen.

Ich komme so gegen 16 Uhr 30 von der Schule heim. Dann bin ich zwar schon fix und fertig, aber die Hausaufgaben und das Vokabel-Lernen sitzen mir im Nacken. Aber erst einmal kann ich gar nichts anderes machen als mich eine Stunde vor den Fernseher zu setzen.

Oft nehme ich mir vor, früher mit den Hausaufgaben anzufangen, um rechtzeitig fertig zu sein, wenn meine Lieblingsserie „Friends“ beginnt. Doch das fängt schon um 18 Uhr 50 an – so früh schaffe ich meine Schulaufgaben fast nie.

Nach meiner Fernseh-Pause muss ich wieder ran an meine Schulbücher, um Vokabeln zu lernen oder mich auf Fächer vorzubereiten, in denen Schulaufgaben und Exen anstehen. Da ich am Neusprachlichen Gymnasium bin, lerne ich drei Sprachen: Englisch, Französisch und Spanisch. Wenn ich in jedem Fach 20 neue Wörter lernen muss, sind das 60 fremde Wörter, die in meinen Kopf rein müssen!

Auch an den Wochenenden muss ich oft genug noch für Schulaufgaben lernen und Vokabeln wiederholen.

Sogar als meine französische Austauschpartnerin Nathanaelle zu Besuch war, musste ich zu Hause bleiben, um für die Physik-Arbeit zu lernen, während meine Familie mit ihr einen Ausflug machte.

Viele meiner Mitschüler schaffen das alles nicht mehr. Mehr als die Hälfte von ihnen hat zum Halbjahr einen Brief bekommen, dass sie versetzungsgefährdet seien. Und von anderen Klassen weiß ich, dass das dort ähnlich ist.

Bei all dem Büffeln bleibt keine Zeit mehr für Hobbys oder Schul-Aktivitäten wie Schülerzeitung oder Schul­theater. Seit der dritten Klasse habe ich Klavier gelernt. Vor einem Jahr habe ich mein Klavier aufgegeben, da ich immer weniger Zeit zum Üben hatte.

Alles in allem komme ich so oft auf eine 50-Stunden-Woche. Ich weiß, Herr Minister, dass auch Politiker viel arbeiten müssen. Aber mussten Sie auch als Kind schon 50 Stunden die Woche nur für die Schule schuften?

Bitte geben Sie uns wieder ein bisschen von unserer Kindheit zurück – dümmer werden wir sicher nicht, wenn Sie ein paar Vokabeln und Physik-

Formeln aus unserem Lehrplan streichen, das verspreche ich Ihnen. Aber ich könnte endlich wieder Klavier spielen oder eine neue Sportart anfangen – der Alltag für mich und meine Familie wäre wieder ein bisschen schöner.

Ihre Katharina Thaler

Quelle: tz

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