Serienkiller töten scheinbar wahllos Kaufleute

Blutspur durch Deutschland

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Gemüsehändler Habil Kilic

München - Der Tod traf Habil Kilic an einem Mittwochvormittag im Nebenraum seines Gemüseladens in der Bad Schachenerstraße.

Diese Männer wurden ermordet (von links oben nach rechts unten): Blumenhändler Enver Simsek, Schneider Abdurrahim Özudogru, Gemüsehändler Süleyman Tasköprü, Gemüsehändler Habil Kilic, Dönermann Yunus Turgut, Dönerverkäufer Ismail Yasar, der Grieche Theodorous Boulgaridis und Kioskbetreiber Mehmet Kubasik. Nicht auf dem Bild ist der Internet-Café-Chef Halit Y., der am 6. April 2006 ermordet wurde.

Dort, wo der türkische Familienvater immer das Brot auspackte und die Waren sortierte. Es war der 29. August 2001, etwa 10.50 Uhr. Der Tag, an dem die Zukunft einer Münchner Familie zerstört wurde und eine Frau und ein Kind (12) in Tränen aufgelöst zurückblieben. Und der Polizei bald klar war: Ein bundesweit gesuchter Serien-Killer ist in München angekommen.

Als eine Kundin gegen 11 Uhr den Laden betritt, ist Habil Kilic nicht da. Sie ruft nach ihm, denn die Kinder möchten Lutscher kaufen. Aus der Küche kommt ein komisches Geräusch: eine Art Gurgeln, irgendwie unheimlich. Die Kundin fasst sich ein Herz und schaut nach. Sie findet den Händler blutüberströmt am Boden. Sie rennt zur Polizei. Der Postbote hält dem Sterbenden die Hand. Kilic ist tot, bevor der Notarzt da ist.

Der türkische Gemüsehändler aus München war das vierte von mittlerweile neun Mordopfern. Von Rostock über Hamburg, Kassel, Dortmund und Nürnberg (drei Morde) bishin nach München (zwei Morde) zieht sich seit August 2000 die Blutspur des Killers, der demonstrativ immer mit der selben Waffe mordet. Nie zuvor wurde in Deutschland ein Serienmörder mit einem derart großen Aufwand gejagt. Bis heute aber fehlt die Gemeinsamkeit, die die acht türkischen Händler und den Griechen miteinander verbindet. Weil es vielleicht gar kein Bindeglied gibt?

Die Parallelen in den neun Fällen sind dürftig: Bis auf eine Aushilfe waren alle Opfer selbstständige Kaufleute. Alle wurden in ihren Läden und Ständen erschossen, als sie gerade allein waren. Die Opfer waren sich nie begegnet. Neun mutmaßliche Zufallsopfer und kein erkennbares Motiv – das ist ein ermittlungstechnischer Supergau, an dem sich die SoKo Bosporus in Nürnberg (dort laufen alle Fäden zusammen) bislang die Zähne ausbiss.

Umso interessanter ist die Einschätzung der Münchner Profiler, die versucht haben, sich ein Bild vom Täter zu machen: Demnach ist der Killer vermutlich ein Durchschnittsmann, der ein unauffälliges Leben führt. Vermutlich hat er einen Job, eine Familie, Nachbarn, Hobbys. Zwischen September 2001 und Februar 2004 bricht die Serie ungewöhnlich lange ab. Ein Auslandsaufenthalt? Eine neue Beziehung?

Auffällig ist seine Mobilität. Vielleicht arbeitet er im Außendienst, nimmt in ganz Deutschland Termine wahr. Vier Morde geschahen an einem Mittwoch. Und zwischen den beiden Morden im April 2004 in Dortmund und Kassel lagen nur zwei Tage – Hin- und Rückreise nach einem Geschäftstermin?

Der Täter hat offensichtlich Erfahrung mit Waffen. Er schießt treffsicher durch Plastiktüten, in der er die Waffe verbarg. Das muss er geübt haben, Im Nürnberger Südosten scheint sich der Täter gut auszukennen – weil er dort wohnt(e), Verwandte, Freunde oder Kollegen hat? Denn die drei Nürnberger Tatorte lagen alle abseits großer Straßen. Wie die Schneiderei von Abdurrahim Özüdogru (48) mitten im Wohnviertel. Oder Enver Simseks (38) Blumenstand, den er nur am Wochenende aufbaute.

Die Motivation des Mörders könnte darin liegen, dass er ein negatives Erlebnis mit Türken hatte und auf diese Weise Rache nimmt. Dazu passt aber nicht der Mord an dem Griechen Theodorous Boulgaridis (41), der in der Trappentreustraße an der Donnersberger Brücke einen Schlüsseldienst betrieb. Er wurde am 15. Juni 2005 Mordopfer Nummer 7 – als Opfer einer Verwechslung? Er könnte aufgrund seines Aussehens für einen türkischen Geschäftsmann gehalten worden sein.

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Und noch ein Punkt gibt Rätsel auf: Bei drei Mordanschlägen sahen Zeugen zwei Radfahrer in der Nähe der Tatorte. Die beiden sahen sich so ähnlich wie Brüder. Hat der Killer also zeitweise einen Verbündeten? Den blutigen Hinweis darauf gibt es schon: Alle neun Opfer wurden von Projektilen der berüchtigten Ceska 83 (Kal. 7,65) getroffen. Enver Simsek und Habil Kilic aber wurde zusätzlich auch noch von Projektilen aus einer zweiten Waffe (Kal.6.35) getroffen…

Quelle: tz

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