Die tz zeigt sechs Beispiele

BOB-Chaos: Immer Ärger mit Zuglieferant

München - Der Meridian-Hersteller Stadler hat eigentlich einen guten Ruf, bei der Qualität hapert es aber immer wieder. Die tz stellt sechs Beispiele vor.

Der Schweizer Zughersteller Stadler samt seiner Berliner Tochter Stadler Pankow genießt in Fachkreisen einen guten Ruf. Deshalb hat der französische Veolia-Konzern für sein vom Tochterunternehmen Bayerische Oberlandbahn (BOB) ab Dezember zu betreibendes Meridian-Netz (München-Salzburg, München-Kufstein, München-Holzkirchen-Rosenheim) 35 komfortable Triebwagen vom Typ Flirt bei Stadler bestellt. Doch wie es aussieht, werden die Zulassungsunterlagen so spät an die Genehmigungsbehörde Eisenbahnbundesamt (EBA) übermittelt, dass eine reguläre Betriebsaufnahme im Dezember unwahrscheinlich und ein Ersatzzugverkehr mit uralten Nahverkehrswaggons wahrscheinlich ist.

Vor allem Stadler Pankow hat in den vergangenen Jahren wegen verspäteter Fahrzeugauslieferung samt fehlender Zulassung gleiche mehrere Bahnunternehmen und ihre Fahrgäste enttäuscht. Ein hochrangiger Bahnexperte zur tz: „Stadler ist sicher der Fahrzeuglieferant, bei dem gutes Image und gute Qualität am meisten auseinanderdriften.“ Beispiele:

Fall 1: Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2012 wollte die DB-Tochter Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft (ODEG) 16 S-Bahn-Triebzüge vom Typ KISS in Betrieb nehmen. Hier wurden die Unterlagen von Stadler so spät eingereicht, dass die Genehmigungsbehörde Eisenbahnbundesamt (EBA) eine Zulassung für die meisten Fahrzeuge zunächst ablehnte. Wegen technischer Mängel verweigerte die ODEG außerdem die Abnahme der Züge. Stadler behauptete, dass das EBA kurzfristig die Vorschriften geändert habe. Die Aufsichtsbehörde argumentiert, dass sie Stadler bereits im Mai über geänderte Bestimmungen bei der Zulassung von Bremssystemen und Achsen informiert habe.

Fall 2: Die Luxemburgische Eisenbahn CFL hat acht dreiteilige Kiss-Garnituren gekauft und erwartete die Auslieferung ab Mai. Angeblich verzögerten überraschende Normänderungen den Liefertermin. Die Züge rollen immer noch nicht.

Fall 3: Weil Stadler nach tz-Informationen die Zulassungsunterlagen zu spät einreicht hatte, teilte das EBA den Bahnbetreibern Keolis und Berchtesgadener-Land-Bahn am 10. Dezember 2009 mit, dass die drei Tage später geplante Übernahme des Maas/Rhein-Lippe-Netzes von Keolis sowie der Strecke Freilassing–Berchtesgaden durch die Berchtesgadener–Land–Bahn nicht erfolgen könne. Laut EBA seien unvollständige Unterlagen eingereicht worden. Das EBA wies darauf hin, dass auch in diesem Fall die Unternehmen sechs Monate vorher über geänderte Vorschriften informiert worden seien.

Fall 4: Auch bei der norwegischen Staatsbahn gibt es nach tz-Informationen Zulassungsprobleme von Stadler-Flirt-Triebwagen.

Fall 5: In Tschechien verlief der erste Einsatz von Stadler-Zügen ebenfalls nicht reibungslos. „Schweizer Qualität verärgert“, titelte Ende 2012 eine Prager Tageszeitung und meldete: „Nur die Hälfte der neuen Stadler-Züge ist einsatzfähig.“ Auf der Strecke Prag–Olomouc–Ostrava betreibt der Jungunternehmer Leoš Novotný seinen Leo-Express mit fünf neuen Stadler-Zügen des Typs Flirt. Die Fahrzeuge bereiten Schwierigkeiten mit den Türen, mit der Heizung und dem Getriebe der Züge.

Fall 6: Die 13 Variotrams der MVG in München von Stadler haben seit zwei Jahren nur befristete Zulassungen und konnten zeitweise gar nicht eingesetzt werden, weil Stadler die geforderten Zulassungsunterlagen nicht eingereicht hatte.

Stadler-Sprecherin Karin Block zur tz: „Zu Tschechien und Norwegen kann ich nichts sagen. Und die Variotram hat eine andere Zulassungsbehörde. In den anderen Fällen hat das EBA während der laufenden Produktion Zulassungsvorschriften geändert, das hat zu geringfügigen Verspätungen bei der Auslieferung geführt. Während Siemens jahrelange Verspätung bei der Auslieferung ihrer ICE-Züge hat, geht es bei uns nur um Wochen.“

Karl-Heinz Dix

Krisengipfel: Veolia-Vorstand am Dienstag in München

Fährt sie oder fährt sie nicht? Die Fahrgäste aber auch Bayerns Verkehrsminister Martin Zeil wolenl endlich wissen, ob der französische Veolia-Konzern und seine bayerische Tochter, die Bayerische Oberlandbahn, ab Dezember mit den neuen Stadler-Triebwagen ab Fahrplanwechsel im Dezember nach Salzburg und Kufstein fahren werden. Nach tz-Informationen sind nämlich derzeit erst etwa die Hälfte der 35 Züge fertig produziert. Auch die Zulassung dürfte sich verspäten.

Stèphane Rambaud-Measson, seit Februar neuer Vorsitzender der Geschäftsführung von Veolia Verkehr, reist jedenfalls am Dienstag zu einem Krisengipfel nach München.

Mit Fritz Czeschka, dem Chef der für den Schienennahverkehr verantwortlichen Bayerischen Eisenbahngesellschaft BEG, will er das weitere Vorgehen besprechen. Minister Martin Zeil nimmt an dem Treffen angeblich nicht teil.

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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