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Bayerische Bauern kämpfen gegen Burnout: Wenn Gesundheit mit Kapitalismus kollidiert

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Von: Thomas Eldersch

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Immer mehr Landwirte in Bayern sind überfordert und depressiv. Das schadet sowohl den Menschen als auch den Tieren.
Immer mehr Landwirte in Bayern sind überfordert und depressiv. Das schadet sowohl den Menschen als auch den Tieren. © Sven Hoppe/dpa/Screenshot BR quer

Arbeiten bis zum Umfallen. Der Job des Landwirts wird immer anspruchsvoller. Das führt dazu, dass immer mehr Bauern unter Ängsten und Depressionen leiden.

München – Wenn ein Landwirt unter Burnout oder Depressionen leidet, bleiben häufig nicht nur er und seine Familie auf Strecke, sondern immer öfter auch die Tiere. Erst im April musste sich ein Bauer in Mittelfranken vor Gericht verantworten, weil über 170 Rinder auf seinem Hof verhungert und verdurstet sind. Und jüngst sind mehr als 20 Kühe auf einem Hof in der Oberpfalz qualvoll gestorben. Jedes Mal war der Viehwirt überfordert, ausgebrannt und erschöpft. Eine Studie aus Salzburg zeichnet ein noch düsteres Bild.

BR „quer“: Überforderung trieb einen Landwirt aus Oberbayern fast in den Selbstmord

In der BR-Sendung „quer“ spricht der Bürgermeister und Ex-Landwirt aus Feldkirchen-Westerham (Landkreis Rosenheim), Hans Schaberl, über seine dunkelste Zeit. Er kam nur noch schwer aus dem Bett. Düstere Gedanken kreisten rund um die Uhr in seinem Kopf. Zuletzt dachte der jetzige Rathauschef darüber nach, sich das Leben zu nehmen. „Was mach ich auf dieser Welt? Warum bin ich noch da? Wenn ich nicht da wäre, würden wir Geld sparen. Du kostest ja bloß Geld. Du bist ja nur noch ein unnützer Esser“, schildert er die Situation damals. Erst als er sich seiner Familie öffnet, gelingt die Heilung.

Den Landwirt Hans Schaberl hat sein Beruf fast in den Suizid getrieben.
Den Landwirt Hans Schaberl hat sein Beruf fast in den Suizid getrieben. © Screenshot BR quer

Inzwischen hat seinen Hof sein Sohn übernommen. Schaberl hat sich Hilfe bei der bäuerlichen Familienberatung gesucht und eine Kur gemacht. Sein Nachwuchs will es nicht so weit kommen lassen, wie ihr Vater. Der Sohn bäckt kleinere Brötchen und versorgt eine kleine Rindermast-Herde.

BR „quer“: Studie aus Salzburg zeichnet ein düsteres Bild

Aber woher kommt es, dass immer mehr Landwirte und Viehbauern in den Burnout oder eine Depression abrutschen? Fälle wie der Schaberls oder der beiden Landwirte mit den verendeten Kühen sind längst keine Ausnahme mehr. Laut einer Studie der Universität Salzburg leiden 46 Prozent der befragten Landwirte aus Bayern unter Burnout, Depressionen und Ängsten, heißt es bei BR „quer“ weiter.

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Eine einfache Antwort gibt es nicht, denn die Gründe sind vielschichtig. Zu immer mehr Bürokratie und anwachsenden Auflagen im Bereich Umwelt- und Tierschutz kommen noch der Druck des Marktes dazu. „Immer weniger Landwirte bewirtschaften immer größere Betriebe“, so fasst es BR „quer“ zusammen. Viele Bauern würden sich dazu noch verschulden, da sie teure Investitionen in Maschinen, Grund, Betriebsmittel und Arbeitskräfte vornehmen müssen.

Landwirt aus Mittelfranken lässt über 170 Rinder verhungern und steht vor Gericht (Video)

BR „quer“: Die Landwirtschaft ist zu schnell gewachsen

Ein Teufelskreis, den auch die Landwirtin Isabella Hirsch aus dem mittelfränkischen Feuchtwangen (Landkreis Ansbach) nur zu gut kennt. Selbst besaß sie zu Beginn ihrer Tätigkeit als Bäuerin vor knapp 30 Jahren etwa 60 Rinder. Das rieb sie auf. „Man kann nicht permanent über Jahre hinweg zu viel arbeiten“, sagt sie rückblickend im BR. Inzwischen hat sie umgesattelt. Sie baut Getreide an, vermietet Ferienwohnungen und investiert in Solarenergie.

Isabella Hirsch aus Feuchtwangen gibt Tipps, um Burnouts bei Landwirten zu vermeiden.
Isabella Hirsch aus Feuchtwangen gibt Tipps, um Burnouts bei Landwirten zu vermeiden. © Screenshot BR quer

Nebenbei hilft sie anderen Landwirten, die ebenfalls unter Burnout und Depressionen leiden. Für sie hat der Kapitalismus einen entscheidenden Anteil an der verheerenden Entwicklung in ihrer Branche. „Das Wachsen hat eine Geschwindigkeit und eine Größe angenommen, mit der Menschen einfach nicht mehr mitkommen“, erklärt sie dem BR.

BR „quer“: Bayerischer Bauernverband spricht von Umdenken in der Branche

Aber wer sind die Übeltäter? Die Verbraucher? Der Handel? Oder der Bayerische Bauernverband? „Es war ein Wesensanteil des Kapitalismus, dass man immer noch eins draufsetzt, dass es immer noch besser werden muss, dass man’s noch mehr optimiert“, sagt Andrea Fuß vom Bayerischen Bauernverband. Erst um die Jahrtausendwende hätte ein Umdenken stattgefunden.

Die Landwirte hätten aber selbst lange dieses System unterstützt. Ex-Landwirt Schaberl in der BR-Sendung „quer“: „Der Landwirt hat das mitgetragen, indem, dass er alles selber macht, dass er noch ein paar Hektar mehr macht, dass die Maschinen noch ein bisschen größer werden und dass er praktisch mehr leistet.“ Ein Prinzip, das sich nicht unendlich steigern lässt und für viele Landwirte augenscheinlich im Burnout oder in der Überforderung endet. (tel)

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