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Bürokraten-Posse um Kriecherl-Schnaps

Niederreisach - Im Dschungel der Lebensmittelverordnungen hat sich ein niederbayerischer Schnapsbrenner und Hofladen-Betreiber verirrt. Ein eifriger Kontrolleur wollte Georg Esterl seinen Kriecherl-Schnaps streitig machen.

Lebensmittelkennzeichnungs-Verordnung – das bürokratische Wort-Monster jagt Georg Esterl eiskalte Schauer über den Rücken. Diese 36 Buchstaben bedrohen eine Herzensangelegenheit des Schnapsbrenners: seinen Kriecherl-Schnaps. Kriecherl (gesprochen Griachal), das sind kleine, feste Pflaumen, die ihren Namen von ihrem Herkunftsland Griechenland haben. Bei einem Besuch in Esterls Hofladen in Niederreisbach (Kreis Dingolfing-Landau) passte dem zuständigen Lebensmittelkontrolleur die Bezeichnung nicht: Unter „Kriecherl“ könne sich der Kunde hierzulande nichts vorstellen. Weil noch dazu der Alkoholwert (42 Prozent), der auf dem Etikett der Untersuchungsflasche angeben ist, um 0,35 Prozent abwich, brummte ihm der Verbraucherschützer ein Bußgeld auf – 300 Euro plus 275 Euro Bearbeitungskosten. Und: Esterl möge sein Kriecherl doch in den aussagekräftigeren Haferpflaumenbrand umbenennen.

Spätestens jetzt kochte der 67-jährige Landwirt vor Wut: „Kriecherl, das ist eine alte Sorte, die hab ich schon als Kind gekannt.“ Bei der mühsamen Ernte seiner Bäume – übrigens im Rahmen der Flurbereinigung von offizieller Stelle auf seinen Streuobstwiesen gepflanzt – holt er sich jedes Jahr blutige Hände an den spitzen Dornen des rosenartigen Gewächses. Aus 100 gebrockten Kriecherl gewinnt er gerade einmal 3,5 Liter Schnaps, die er ab Hof verkauft. Und jetzt soll er für seine Traditionspflege auch noch gegängelt werden? Mit ihm auf die Barrikaden geht Sepp Obermeier, Vorsitzender des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte aus Konzell (Kreis Straubing-Bogen): Regionale Besonderheiten in der Sprache würden hier mit Stumpf und Stiel ausgerissen, zetert er.

So vergrault man Touristen, meint Obermeier. „Wenn es keinen Kriecherl-Schnaps geben darf, dann ist das auch das Ende von Labskaus (norddeutsches Fleischgericht, Anm. d. Red.) oder einem Halven Hahn (rheinisch für eine Käsesemmel) im Norden.“ Die Sorge des Lebensmittelkontrolleurs, der Niederbayer kenne den Begriff „Kriecherl“ nicht, räumt Sprachforscher Heinz-Dieter Pohl aus: Die Früchte seien zwar in Österreich stärker vertreten, aber durchaus auch in Bayern. Die Krieche steht als Pflaumenart sogar im Duden, nicht nur in Mundart-Wörterbüchern. Die bürokratische Vorgehensweise des Amtes sei nicht nachvollziehbar, sagt der Wissenschaftler.

Für Georg Esterl auch nicht. Er legte Einspruch gegen den Bescheid ein, die „Kriecherl-Affäre“ landete vor dem Amtsgericht. Beim Bußgeld bleibt‘s, bestimmte der Richter. Dass die Behörde gleich eine Geldstrafe verhängt hat, liegt daran, dass bei Esterl bereits acht Mal Mängel festgestellt wurden. Ein Beispiel: In der feilgebotenen Marmelade war ein bisserl zu wenig Zucker. „Kein Mensch mag das pappsüße Zeug“, sagt der 67-Jährige. Jetzt steht Fruchtaufstrich auf dem Glas. Seinen Kriecherlschnaps darf er weiterverkaufen. Aber nur unter der Voraussetzung, dass auf dem Etikett künftig der Zusatz „Wildpflaume“ steht – gut lesbar, versteht sich.

Carina Lechner

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