Beamtin klagt gegen Freistaat

Chaos in Klasse: Lehrerin entlassen

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Einer Grundschullehrerin wurde der Beamtenstatus entzogen, weil es in ihrer Klasse zu chaotisch zugegangen sein soll. Jetzt klagt sie.

Großkarolinenfeld – Einer Grundschullehrerin wurde der Beamtenstatus entzogen, weil es in ihrer Klasse zu chaotisch zugegangen sein soll. Sie selbst versteht die Welt nicht mehr. Nun streiten sich die Pädagogin und der Freistaat vor Gericht.

Jutta B. (45, Name geändert) ist leidenschaftliche Lehrerin. Ein Arbeitsblatt nach dem anderen zieht sie aus ihrer grünen Mappe und erklärt, was sie mit den Erstklässlern durchgearbeitet hat: den Aufbau einer Blume zum Beispiel; den Verlauf der Jahreszeiten. Doch der Rektor der Grund- und Mittelschule Großkarolinenfeld (Kreis Rosenheim) hält Jutta B., die über Umwege zum Lehrerberuf fand, für fachlich nicht geeignet. Dementsprechend fiel ihre Probezeit-Beurteilung negativ aus. Sie wurde aus dem Beamtenverhältnis auf Probe entlassen. B. klagte. Nun wurde vor dem Verwaltungsgericht München um ihre Zukunft im bayerischen Schuldienst gerungen.

Es handelt sich um einen außergewöhnlichen Fall. In elf Jahren als Rektor habe er 15 Probezeitbeurteilungen abgegeben, erklärte der Schulleiter als Zeuge: „Die Beurteilung ,nicht geeignet’ habe ich bisher nur bei der Klägerin vergeben müssen.“ Mit dem Fazit: „Hinter der negativen Bewertung stehe ich voll und ganz.“ Acht Mal habe er ihren Unterricht besucht, viele Gespräche geführt. „Ich habe das nicht auf die Schnelle gemacht.“

Der Rektor sah in erster Linie disziplinarische Probleme. Aber auch methodisch-didaktische – „Ich kann die Didaktik ja nicht anbringen, wenn’s disziplinarisch nicht hinhaut.“ Auch eine Mutter habe sich über „chaotische Zustände“ in der Klasse beschwert. Der Schulleiter schilderte „massives Fehlverhalten von Schülern, auf das die Lehrerin nicht adäquat einwirken konnte“. Bei einem Unterrichtsbesuch sei ein Schüler auf dem Tisch gesessen und hätte mit den Füßen gewippt. Zwei Schüler hoben sich gegenseitig in die Höhe. Eine Schülerin ging zweimal zum Händewaschen ans Waschbecken – und die Lehrerin habe nichts unternommen.

Jutta B. verteidigte sich. Sie habe eine schwierige Klasse gehabt. Die Buben und Mädchen seien quasi noch Kindergartenkinder gewesen. Und sie habe sehr wohl reagiert. Das Mädchen etwa, das sich öfter die Hände wasche, habe sie beim ersten Mal ermahnt, beim zweiten Mal zurück zum Platz geführt. „Ich habe Konsequenzen gezeigt.“

Der Rektor kritisierte auch das „Herbstlied“, das die Lehrerin mit den Kindern sang. Sie hätten 25 Minuten stehen müssen. Als Erstklässler seien sie beim gleichzeitigen Singen und Klatschen „klar überfordert“ gewesen. „Weniger ist mehr“, sagte er. Die Kinder hätten Text und Melodie getrennt erlernen sollen.

Das wiederum konnte B. gar nicht verstehen. „Die Kinder sollen sich zum Rhythmus bewegen, mit Körperinstrumenten. So steht es im Lehrplan. Sie hatten Freude an der Musik und haben das Lernziel erreicht.“ Außerdem hätten sie die Melodie schon aus der vorherigen Stunde gekannt. „Ich habe über 20 Jahre Musik-Erfahrung mit Kindern.“

Wie aus heiterem Himmel sei dann im August 2011 die Botschaft von der Nichteignung gekommen, sagt Jutta B. „Ich war total geschockt.“ Noch am selben Tag verlor sie das Kind, mit dem sie schwanger war. Das führt die Lehrerin auf ihren Schockzustand zurück. Schließlich bedeutete das das Aus für ihre Lehrerlaufbahn an staatlichen Schulen.

Ihr Anwalt berief sich deshalb auch auf die Mutterschutzverordnung. Demnach darf man eine Frau nicht innerhalb von vier Monaten nach der Entbindung entlassen. Doch diese Verordnung greift erst bei einer Leibesfrucht ab 500 Gramm. „So leid’s mir tut, man kann nicht von einer Entbindung ausgehen“, sagte der Vorsitzende. Auch in den übrigen Punkten wies das Verwaltungsgericht Jutta B.s Klage ab.

Doch das will sie auf keinen Fall auf sich sitzen lassen. Sie zieht in die nächste Instanz, zum bayerischen Verwaltungsgerichtshof (VGH). Ihr Anwalt sehe Erfolgschancen, sagt sie. „Wir wollen schriftlich haben, was angeblich nicht passt.“ So oder so – die 45-Jährige ist weiterhin leidenschaftliche Lehrerin. Sie gibt nun Unterricht an Privat- und Musikschulen. Dort hat es noch keine Klagen gegeben.

von Nina Gut

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