Ex-Chef-Drogenfahnder legt Geständnis ab

Ein Allgäu-Krimi in echt

+
Der ehemalige Leiter der Kemptener Drogenfahndung muss sich seit heute vor dem Gericht verantworten.

Kempten - Kemptens ehemaliger Chef-Drogenfahnder hat vor Gericht ein Geständnis abgelegt. Die 1,8 Kilogramm Kokain, die Kollegen an seinem Arbeitsplatz entdeckten, seien für den privaten Gebrauch bestimmt gewesen.

Schon am frühen Morgen herrscht in der Fußgängerzone von Kempten gespannte Erwartung. „Heut geht’s endlich los”, sagt eine Passantin zu einer Bekannten, die sie beim Bäcker in der Bahnhofsstraße getroffen hat. Zur selben Zeit versammeln sich zum Prozess am Landgericht in Kempten vor dem Vorsitzenden Richter Thorsten Thamm die ersten Besucher vor dem Gebäude. Hier wird in wenigen Minuten eine mit großer Nervosität erwartete Verhandlung beginnen: Dem suspendierten Ersten Kriminalhauptkommissar Armin N. (53) werden der Besitz von 1,8 Kilo Kokain vorgeworfen, Vergewaltigung und Misshandlung der Ehefrau sowie Trunkenheit im Verkehr. Ein Allgäu-Krimi in echt.

Was ist das für ein Polizist, der Leiter der Kemptener Drogenfahndung, was für ein Ehemann? In den großen Sitzungssaal kommt, bewacht von acht Polizisten und in Handschellen, ein über 1,90 Meter großer Mann im grauen Anzug, dazu eine passende Krawatte mit Grautönen in verschiedenen Schattierungen. Das Haar, das früher füllig war, umrahmt nun die hohe Stirn. Begleitet wird der Angeklagte von seinen Anwälten Wilhelm Seitz und Alexander Chasklowicz.

Bislang waren noch nicht viele Details zu den Vorwürfen bekannt gewesen. Die Menge des Kokains, ja: 1,8 Kilogramm (genau sind es jetzt 1,85 Kilo, mit einem Reinheitsgrad von 23 Prozent). Und dass die Ehefrau Gertrud (49) daheim im Haus in Sulzberg (Landkreis Oberallgäu) über längere Zeit ein Martyrium ertragen musste.

Wie brutal der Kripobeamte dabei vorging, schildert Ankläger Michael Hauck von der Staatsanwaltschaft München 1. So flippte Armin N. am 21. Januar letzten Jahres aus, „aus Ärger darüber, dass Gertrud N. ohne sein Wissen in der Arbeit befördert wurde”. Er soll dabei laut Anklage der Ehefrau ins Gesicht geschlagen, sie gepackt, in den ersten Stock gezerrt – wo sich das Schlafzimmer befindet – und ihr unter anderem gedroht haben, „ihr die Kehle durchzuschneiden”. Die Ehefrau flüchtete auf den Balkon, verfolgt von Armin N. Sie rutschte aus und fiel von dort 3,50 Meter tief hinunter. Dabei erlitt sie eine Fraktur der Wirbelsäule, musste operiert werden, und noch heute leidet sie körperlich wie seelisch.

Wenige Tag nach diesem Übergriff, in der Nacht des Valentintages, kam es zur nächsten, weitaus schrecklicheren Attacke. Nach einem, wie es Ankläger Hauck nennt, „für beide Seiten unbefriedigenden Valentins-Essen”, rastete Armin N. völlig aus. Er überfiel im Kampfanzug und mit seiner Dienstmarke in der Hand die im Ehebett schlafende Gertrud, würgte sie mit dem Ellbogen und mit den Händen, schlug seine Frau mit Fäusten. Er wollte sie an einem Haken über dem Bett sogar aufhängen. Dann zog er ein Küchenmesser hervor, das unterm Bett gelegen hatte, und schrie: „Gleich ist es vorbei mit dir!” Er wollte dazu Sex. Von der Drohung, seine Frau umzubringen, ließ er dann ab.

Gertrud N. konnte nach einem Gerangel fliehen. Armin N. sprang in seinen Audi und brauste davon. Um 3.23 Uhr wurde er von einer Polizeistreife in Waltenhofen gestoppt, wenige Kilometer südlich von Kempten. 1,49 Promille hatte der Drogenfahnder im Blut, dazu fanden sich Spuren von Medikamenten. Bei einer anschließenden Durchsuchung seines Büros in der Kriminalpolizeiinspektion Kempten wurde das Kokain in einem Schrank entdeckt. Zu dem Schrank hatte nur er Zugang, und selbst bei einem Umzug wurde das Rauschgift nicht entdeckt.

Im Vorfeld zum Prozesses gab es mehrere Gespräche zwischen den Verfahrensbeteiligten, so dass der Angeklagte nun mit einer Haft zwischen sechseinhalb bis sieben Jahren rechnen kann. Seinem Opfer, der Ehefrau, hat er inzwischen 35 000 Euro als Schmerzensgeld überwiesen. Dazu ihr aus der U-Haft einen Entschuldigungsbrief geschrieben. Gertrud N. nahm gestern ihr Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch. Die Beweisaufnahme wird nach dem umfassenden Geständnis verkürzt. Am 6. Februar geht der Prozess weiter, das Urteil wird womöglich schon am 9. Februar verkündet.

Karriere aus dem Bilderbuch

Er war ein Bilderbuchpolizist – bis er zum ersten Mal Drogen nahm. Armin N. beginnt seine Karriere 1979, zur Kripo wechselt er 1993. Seit 2000 arbeitet er bei der Drogenfahndung. Mit 27 Jahren heiratet er zum ersten Mal, aus dieser Beziehung gibt es zwei Kinder, „die mich jetzt so oft besuchen, wie es geht”. Trennung im Jahr 2000, seit 2008 ist er mit Gertrud verheiratet. Was er seiner Frau angetan hat, vor allem bei der Vergewaltigungsattacke, an das kann er sich kaum erinnern. Es habe sich ein Streit aufgeschaukelt. Er sei auch unter Medikamenteneinfluss gestanden und habe einen Filmriss gehabt.

In seiner Erklärung räumte Armin N. alle Vorwürfe umfassend ein. Eine Erklärung, die zur Beichte wurde. Er schäme sich zutiefst, nie habe er für möglich gehalten, was passiert sei. „Ich fühlte mich nicht süchtig.” Für seine Übergriffe wolle er sich entschuldigen, „dazu hätte es nicht kommen dürfen”. Dass er nach dem erzwungenen Sex betrunken Auto gefahren sei, könne er sich nur damit erklären, dass er auf die Dienststelle wollte, um sich dort zu erschießen.

Seit Monaten konsultiert Armin N. einen Suchtberater. „Für die Fehler werde ich geradestehen.” Er habe seine Eltern, Kinder und Kollegen zutiefst enttäuscht. „Dazu habe ich dem Ruf der Polizei als Institution geschadet. Das alles tut mir aus ganzem Herzen leid.”

Die Drogenbeichte

Seit 1993 nahm Armin N. Drogen. „Ich habe die Distanz verloren, es ist das passiert, was einem Polizisten nicht passieren darf.” Bis 2007 nahm er eher sporadisch Rauschgift – Kokain, Cannabis, Ecstasy. Danach steigerte er den Konsum, auch seine Frau habe Kokain genommen. Dazu kamen Alkohol und Medikamente. „Die Drogen, die gefunden wurden, waren allesamt von der Staatsanwaltschaft Kempten überlassen.” Armin N. gab als Grund Schulungszwecke an. Andere Quellen für die Herkunft der Drogen gebe es nicht. „Insbesondere keine Mafiakreise”, so der Angeklagte. Foto: dpa

Markus Christandl

auch interessant

Meistgelesen

Keine Rettungsgasse: Feuerwehrlern platzt der Kragen
Keine Rettungsgasse: Feuerwehrlern platzt der Kragen
Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
Mutter des WM-Mörders: "Er tötet mich, wenn er rauskommt"
Mutter des WM-Mörders: "Er tötet mich, wenn er rauskommt"

Kommentare