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Die Chronologie eines eiskalten Verbrechens

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Der leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz (li.) und der Leiter der SOKO "Spickel", Klaus Bayerl bei der Pressekonferenz. © dpa/dapd

Augsburg - Ja, wir haben mit hoher Wahrscheinlichkeit die Mörder von Mathias Vieth.“ Mit diesen Worten trat Soko-Chef Claus Bayerl am Freitag um 14 Uhr in Augsburg vor die Öffentlichkeit.

Genau neun Wochen nach der unfassbaren Tat an dem Polizisten (41) ist sich die Soko Spickel sicher, die Richtigen Männer geschnappt zu haben. Es ist ein Brüderpaar aus dem Augsburger Raum. Die beiden 56- und 58-jährigen Männer sind polizeibekannt. Doch wie genau kam die Soko den mutmaßlichen Mördern auf die Spur? Die Chronologie eines eiskalten Verbrechens:

Polizistenmord in Augsburg

Die Tat am 28. Oktober

Mathias Vieth und seine Kollegin Diana K. (32) sind auf Streife, als ihnen zwei Männer auf einem Motorrad auffallen. Als sie die beiden in der Nähe des Kuhsees kon­trollieren wollen, flüchten die Unbekannten über die Lechbrücke am Stausee in den Siebentischwald. Plötzlich stürzen sie. Mathias Vieth steigt aus dem Auto, nur die Scheinwerfer leuchten in die Dunkelheit. Die Täter eröffnen aus dem Hinterhalt sofort das Feuer. Der 41-jährige Familienvater hat keine Chance. Trotz schusssicherer Weste treffen ihn Kugeln an Kopf und Hals. Er stirbt noch vor Ort. Seine Kollegin wird leicht verletzt. Die Täter entkommen.

Die Suche

Der Siebentischwald wird abgeriegelt. Noch in der Nacht

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durchkämmen Hundertschaften von Polizisten das Gebiet rund um den Tatort nach einer Spur. Unter dem Namen Soko Spickel gehen 50 Beamte akribisch jedem Hinweis nach. In den folgenden Wochen überprüfen die Beamten etliche Personen aus der kriminellen Szene in Augsburg. Schnell ist klar: Die Polizistenmörder kannten sich im Augsburger Stadtteil Hochzoll bestens aus. Die Polizei konzentriert sich auf den Raum Augsburg und dessen Milieu. Auch gibt es erste Hinweise auf Rudi R. „Das war nichts Konkretes, nur der Hinweis, wir sollten uns den Mann mal ansehen“, so Soko-Leiter Bayerl. Dieser hatte als 19-Jähriger im Jahr 1975 in Augsburg schon einmal einen Beamten erschossen. Er wurde dafür zu zweimal lebenslänglich plus acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Nach 19 Jahren kam er wieder frei.

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Das Motiv

Die Staatsanwaltschaft vermutet eine Verdeckungstat. „Fakt ist, die Täter waren bis an die Zähne bewaffnet“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz. Vermutlich hätten die beiden einen Raubüberfall geplant und fürchteten, dass die Polizisten dies aufdecken würden. Nach Ansicht der Ermittler hätten beide Männer Schüsse auf Mathias Vieth abgegeben. Man geht davon aus, dass sie mindestens drei Waffen bei sich hatten, darunter ein Schnellfeuergewehr. Wen oder was die Täter überfallen wollten, verrät die Polizei nicht.

Die Spur

In der Tatnacht, circa 15 Minuten nach dem Mord, bemerkt eine Polizeistreife ein Auto in der Nähe des Tatorts. Der Motor ist noch warm. Die Beamten lassen das Kennzeichen prüfen. Es gehört einem Geschäftsmann aus München. Es ist eine heiße Spur – denn sie führt direkt zu Rudi R. Der Geschäftsmann leiht dem 56-Jährigen regelmäßig seinen Wagen. „Da haben wir ihn genau unter die Lupe genommen“, so Bayerl.

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Die Ermittlungen

Die Ermittler konzentrieren sich nun auf den vorbestraften Polizistenmörder. Behutsam tasten sie sich in den folgenden Wochen an den in Augsburg-Lechhausen wohnenden Mann ran. Die Beamten hören Telefone ab, beschatten den 56-Jährigen. „Wir mussten sehr, sehr vorsichtig sein, denn Rudolf R. hat 20 Jahre Erfahrung im Gefängnis sammeln können. Er hat einen siebten Sinn für jede Polizeiaktion“, betonte Bayerl. Schnell wird klar: Auch sein Bruder Raimund aus Friedberg ist involviert.

Der Zugriff

Donnerstagmittag gegen 12 Uhr ist es soweit: Zwei Sondereinsatzkommandos greifen in Friedberg und in der Augsburger Innenstadt zu. Die Männer werden von den Beamten überrascht und lassen sich widerstandslos festnehmen. „Wir mussten schnell zugreifen, denn es bestand die Gefahr, dass sie den verpatzten Raubüberfall nachholen“, heißt es auf der Pressekonferenz.

Die Waffen

Donnerstagnachmittag durchsuchen Beamte ein Anwesen in Friedberg. Hier entdecken sie ein ganzes Arsenal: mehr als 20 verschiedene Waffen und Munition, darunter eine Uzi und eine Maschinenpistole der Marke Scorpion.

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Die DNA-Spur

Jetzt kommt der größte Trumpf der Polizei ins Spiel: Sie hatte am Tatort eine DNA-Spur sichern können. In der Datenbank ergab sie keinen Treffer. Doch die Beamten setzen auf ihre Tatverdächtigen. Beiden wird eine Speichelprobe entnommen – Volltreffer. Raimund M. (58) war definitiv am Tatort. Er hat seinen genetischen Fingerabdruck hinterlassen.

Der Haftbefehl

Noch am Donnerstag ergeht Haftbefehl. Beide Männer sitzen nun in Untersuchungshaft und werden vernommen. Bisher schweigen sie zu den Vorwürfen. Laut Leitendem Oberstaatsanwalt Nemetz werden sie voraussichtlich wegen gemein­schaftlichen Mordes, gemeinschaftlich versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung, wegen Verabredung zum versuchten schweren Raub sowie wegen mehrfacher Verstöße gegen das ­Waffen- und Kriegswaffengesetz angeklagt. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, erwartet den bereits vorbestraften Mörder Rudi R. eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Innenminister Joachim Hermann: „So jemand darf nie wieder rauskommen.“ Sein Bruder Raimund M. muss ebenfalls mit einer lebenslangen Haftstrafe rechnen. 

AW

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