20 Stunden am Rechner

Computer-Sucht: Vater tickt aus und würgt Sohn

Weilheim-Schongau - Nach der Trennung seiner Eltern wurde ein 16-Jähriger im westlichen Landkreis Weilheim-Schongau computersüchtig. Die Situation eskalierte, am Ende würgte der Vater den Sohn.

Es war schlimm: Der 16-Jährige spielte von morgens bis nachts am Rechner, starrte bis zu 20 Stunden am Tag auf den Bildschirm. Er traf sich nur noch selten mit Freunden, wurde in der Schule schlecht. Deswegen gab es viel Streit in seinem Zuhause.

Die Mutter, bei der der 16-Jährige nach der Trennung der Eltern lebte, wendete sich ans Jugendamt, weil sie das Gefühl hatte, den Schwierigkeiten mit ihrem Sohn nicht mehr gewachsen zu sein. In Absprache mit dem Amt nahm sie dem Buben den Computer weg, entfernte den Rechner aus ihrem Haus: „Das war der Cut“, sagte die Mutter jetzt in der Verhandlung vor dem Amtsgericht Weilheim, wo sie als Zeugin aussagte.

Danach sei der 16-Jährige immer aggressiver geworden, habe nicht mehr mit ihr geredet: „Kein Hallo, gar nichts.“ Irgendwann spitzte sich die Lage so sehr zu, dass der Mutter klar wurde, dass sie mit ihrem Sohn nicht länger unter einem Dach wohnen kann. Der Vater des Buben nahm ihn bei sich auf.

Drei Monate lebte der 16-Jährige bei seinem Vater, der keinen Rechner besitzt. Es war eine schwierige Zeit, wie der 50-Jährige in der Gerichtsverhandlung schilderte, in der er sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten musste. Ständig habe ihn sein Sohn beschimpft und beleidigt. Der Vater war hilflos. Auch er suchte Hilfe beim Jugendamt: „Die haben gesagt, sie können nichts machen, ich bin alleine dagestanden“, schilderte der Mann vor Gericht.

Die Situation habe sich immer weiter zugespitzt, bis sie am 15. November im vergangenen Jahr eskalierte: Nachdem der Sohn dem Vater eine Englischarbeit gezeigt hatte, die mit „ausreichend“ benotet worden war, kam es zum Streit. Im Verlauf der Auseinandersetzung schlug der 50-Jährige seinem Sohn ins Gesicht, der Bub fiel zu Boden. Laut Anklageschrift würgte der Vater seinen Sohn anschließend, bis dieser keine Luft mehr bekam. Dann schlug er ihn nochmal ins Gesicht. Der Sohn erlitt Würgemale und Hämatome. „Das war nicht richtig, das weiß ich wohl, aber ich konnte nicht mehr“, sagte der Vater über sein Verhalten. Auch er habe Verletzungen davon getragen, wollte aber seinen Sohn nicht anzeigen.

„Er hat mich zwei bis drei Mal ins Gesicht geschlagen und gewürgt“, sagte der Sohn vor Gericht aus. Es sei eine Schlägerei gewesen, bei der der Vater ihn getroffen habe und er seinen Vater. Der 16-Jährige erzählte von gegenseitigen Beleidigungen und von seiner Computersucht. Heute gehe es ihm gut, den Kontakt zu seinen Eltern habe er in der Zwischenzeit abgebrochen.

Direkt nach den Schlägen flüchtete er zur Familie eines Freundes, wo er bis heute lebt. Als er dort mit blauen Flecken und Würgemalen am Hals auftauchte, erkundigte sich die Pflegemutter bei der Polizei danach, was sie nun tun solle. Die Polizisten rieten ihr und dem 16-Jährigen, Anzeige gegen den Vater zu erstatten, was der Bub dann auch tat.

Es erging Strafbefehl gegen den 50-Jährigen: Er sollte 120 Tagessätze Strafe bezahlen. Er erhob Einspruch, und die Sache kam vor Gericht. Richter Michael Eberle verurteilte den Angeklagten wegen Körperverletzung zu 80 Tagessätzen in Höhe von 50 Euro. Die schlimmste Strafe für den Vater sei sicher das Verhältnis, das er momentan zu seinem Sohn habe, sagte der Richter bei der Urteilsbegründung. Juristisch sei die Sache nun erledigt: „Mit Ihrem Sohn gibt es sicherlich noch mehr zu bearbeiten.“

Kathrin Hauser

Rubriklistenbild: © Symbolbild/dpa

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