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Corona in Bayern: Was die Daten über Miesbach verraten und warum es eine neue Impf-Entwicklung gibt

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Von: Cindy Boden

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Ortsschild von Miesbach, eine Hand zieht eine Spritze auf, die Bayernkarte und zwei Datenlinien
Hotspot Miesbach: Warum sind hier die Corona-Zahlen derart hoch? © Litzka/Peter Kneffel/Hájek Vojtìch/dpa (Fotomontage)

Was ist im Corona-Hotspot Miesbach los? Wie stark sind Drittimpfungen nachgefragt? Und haben wir gerade nur eine „Pandemie der Ungeimpften“? Eine Datenanalyse zum Corona-Herbst in Bayern.

München - Miesbach mischt vorne mit. Eine gute Nachricht ist das in diesem Fall aber nicht. Denn das Coronavirus* trifft die Region in Oberbayern derzeit hart. Deutschlandweit war der Landkreis Miesbach im November schon wieder Negativ-Spitzenreiter, mit einer fast schon vierstelligen Inzidenz. Dabei verschärfte Landrat Olaf von Löwis die Maßnahmen sogar schon, bevor die bayerische Staatsregierung handelte. Gereicht hat das aber nicht, von Löwis sieht sich einem „harten Kern an Nichtimpfwilligen“ gegenüber. Das belegen auch die aktuellen Daten: Die Impfquote liege mit 66 Prozent im bayernweiten Schnitt.

Der Landkreis Miesbach geht schon seit Wochen auf Spurensuche, warum die Infektionszahlen derart hoch sind. Unter den Bewohnern kursieren beispielsweise Gerüchte von angeblichen Corona-Partys, bei denen sich Feiernde mutwillig infizieren. Doch konkrete Fälle kennt das Landratsamt nicht. Selbst vor Ort herrscht also viel Unklarheit darüber, wie es Miesbach zu solch extremen Zahlen bringen konnte. Dazu trägt maßgeblich bei, dass die Nachverfolgung von Corona-Infektionen immer weniger gelingt.

Deutsche Corona-Hotspots liegen in Bayern - Es sind nicht die Bekannten von früheren Wellen

Top-5-Hotspots in Bayern7-Tage-Inzidenz am 09.11.20217-Tage-Inzidenz am 20.12.2020
Miesbach868137
Traunstein833143
Mühldorf am Inn828269
Rottal-Inn816252
Dingolfing-Landau778188

Die Corona-Lage ist in Miesbach und anderen Hotspots in Bayern extrem angespannt. Das gilt auch für den Landkreis Rottal-Inn, der traurige Berühmtheit durch Neuinfektionszahlen in bislang ungekannten Höhen erreichte. Doch bemerkenswerterweise waren es in der zweiten Corona-Welle im vergangenen Jahr noch ganz andere Landkreise, die die Liste der Hotspots anführten. So war Miesbach kurz vor Weihnachten 2020 eher noch eines der Schlusslichter der damaligen Corona-Statistik. Andere Regionen waren viel stärker betroffen: So kämpfte Regen laut Bayerischem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) am 20. Dezember mit einer Inzidenz von 554. Es folgten die Städte Hof, Nürnberg, Coburg und Schwabach mit Werten weit über 300.

Und was ist eigentlich mit dem Landkreis Tirschenreuth, der im Februar 2021 bundesweiter Hotspot war? Die Gegend ist aktuell mit einer Inzidenz von rund 300 im November definitiv nicht das größte Sorgenkind. Zwischenzeitlich fühlte sich Landrat Roland Grillmeier sogar im Juni 2021 bei einer Null-Inzidenz „sauwohl“. Das Spannende: Zuvor kämpften er und sein Landkreis genau dann gegen die hohen Zahlen, als sich das Bundesland Bayern im Tal zwischen zweiter und dritter Corona-Welle befand.

Corona in Bayern: Drittimpfungen überflügeln Erst- und Zweitimpfungen

Wo befindet sich der Ausweg aus dem aktuellen bayerischen Elend? Geimpft wird zwar seit Monaten, aber zum Brechen der jetzigen Welle reicht es augenscheinlich nicht. Auch in Bayern kamen mit dem Fortschreiten des Sommers immer weniger Impfwillige. Nun könnte wieder mehr Dynamik entstehen, wie neue Daten zeigen: Seit Oktober werden laut Robert Koch-Institut (RKI) wöchentlich wieder etwas mehr Corona-Impfungen im Freistaat verabreicht. So bildeten sich etwa in Dachau lange Schlangen vor Impfstationen*.

Zur Wahrheit gehört aber auch: In den von den Praxen in Bayern täglich gemeldeten Impfdaten zeige sich, dass die Zahl der Booster-Impfungen* inzwischen die Zahl der Erst- und Zweitimpfungen deutlich überstiegen hat. Das berichtet die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns auf Anfrage. Die folgende Grafik zu wöchentlichen Impfungen in Bayern seit Ende September belegt dies deutlich. Seit Kurzem wird die „Auffrischung“ von allen Corona-Impfungen jeweils am meisten verabreicht.

Die Zahl an Erst- und Zweitimpfungen wird hingegen im abgebildeten Wochen-Diagramm weiterhin kleiner. Ministerpräsident Markus Söder blickt schon einen Schritt weiter und sieht eine positive Tendenz bei den Erst- und Zweitimpfungen: Die Impfquote sei wieder ganz leicht steigend, sagte er am Dienstag (9. November). Tatsächlich registrierte das RKI an diesem Tag über 12.000 Erstimpfungen. Einen Wert, den Bayern im vergangenen Monat nie erreichte. Eine nachhaltige Trendwende ist das aber noch nicht. Eventuell könnte künftig der Druck durch 2G dazu führen. „Bisherige Rückmeldungen lassen eine Steigerung der Impfbereitschaft im Wesentlichen auf die 2G-Regelung zurückführen. Man sei es leid, sich ständig testen lassen und hierfür bezahlen zu müssen“, teilte das Bayerische Rote Kreuz Merkur.de mit.

Corona-Daten aus Bayern: „Pandemie der Ungeimpften“ - Doch auch unter den Geimpften verschlechtert sich die Lage

Die nicht-geimpften Personen bleiben somit im Fokus. Schon Ende August sprach Gesundheitsminister Klaus Holteschek von einer „Pandemie der Ungeimpften“. Der Freistaat weist seither aus, wie hoch die Inzidenz jeweils unter Geimpften und Ungeimpften ist. Wie die dunkelrote Linie im folgenden Diagramm verdeutlicht, liegt die absolute Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Personen bei den Menschen ohne Corona-Impfung deutlich höher als bei den Geimpften.

Mehr geimpfte Corona-Patienten auf den bayerischen Intensivstationen

Im relativen Vergleich hingegen sind für beide Gruppen starke Anstiege erkennbar. Die Inzidenz zwischen Ende August und Anfang November hat sich bei den Geimpften mehr als versechsfacht, während es bei den Ungeimpften fast fünfmal so viele Fälle gibt. Besonders seit Mitte Oktober nahmen die Fallzahlen unter nicht-geimpften Personen aber noch einmal rasant zu. Die Auswirkungen für die Geimpften werden mittlerweile deutlich: Auf den bayerischen Intensivstationen müssen laut dem Chef der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Roland Engehausen, immer mehr geimpfte Corona-Patienten behandelt werden.

Die obigen Trends sind zwar deutlich, allerdings sind die Zahlen mit einigen Einschränkungen zu interpretieren. Nicht immer liegt bei der Fallmeldung sofort der Impfstatus vor. Infizierte ohne diese Angabe fallen in die Kategorie „ungeimpft“. Zudem kann es sein, dass Geimpfte weniger getestet werden, wodurch asymptomatische Infektionen, die häufiger vorkommen sollen, nicht bemerkt werden.

Ortsschild von Miesbach, eine Hand zieht eine Spritze auf, die Bayernkarte und zwei Datenlinien
Immer mehr Neuinfektionen in Bayern: Datenauswertung der Corona-Lage © Litzka/Peter Kneffel/Hájek Vojtìch/dpa (Fotomontage)

Corona: Starkes Infektionsgeschehen unter Ungeimpften erhöht Infektionsdruck für Geimpfte

Laut LGL gibt es jedoch keine Hinweise, dass weniger Tests „die Inzidenzvergleiche in einem relevanten Umfang beeinträchtigen“. Auch Studien würden weniger Infektionen unter Geimpften nahelegen und die hohe Schutzwirkung der Impfung verdeutlichen. „Vielmehr erhöht das starke Infektionsgeschehen unter den Ungeimpften auch den Infektionsdruck auf geimpfte Personen“, erklärte ein Sprecher des LGL. Für Miesbach, andere Hotspots und die generelle Lage in Bayern ist das keine gute Aussicht. (cibo) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Transparenz: Unsere Daten, Quellen und Methoden

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) veröffentlicht täglich die 7-Tage-Inzidenz in den einzelnen bayerischen Landkreisen und kreisfreien Städten. Zudem aktualisiert das Amt einmal pro Woche die 7-Tage-Inzidenz für Geimpfte und Ungeimpfte. Diese Daten sind seit 25. August 2021 verfügbar. Ein gemeldeter Fall, bei dem eine Impfserie noch nicht abgeschlossen ist oder bei dem die letzte Impfung noch keine zwei Wochen zurück liegt, wird nicht in die Berechnung einbezogen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht, wie viele Impfungen in den einzelnen Bundesländern von Deutschland täglich verabreicht werden, aufgeschlüsselt nach Impfserie und Impfstoff. Diese Daten haben wir für Bayern zu wöchentlichen Zahlen von Montag bis Sonntag zusammengefasst und nach Erst-, Zweit- und Drittimpfung separiert. Die Berechnung in der Grafik „Corona-Impfungen in Bayern“ geht damit bis zum Sonntag, 7. November 2021.

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