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Booster für die Psyche in Corona-Zeiten: Eine Expertin verrät, was uns motiviert - „Lachen hilft immer“

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Von: Cornelia Schramm

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Spaziergang, Hopfensee, bei Füssen, Ostallgäu, Allgäu, Oberschwaben.
Vor die Tür sollte man täglich gehen, sagt Therapeutin Marianne Rappenglück. Das macht den Kopf frei und motiviert – ob mit oder ohne Bergpanorama. © dpa/CHROMORANGE/Allgoewer

Mehr Sport, weniger Alkohol, besser Ordnung halten - die Bandbreite der traditionellen Neujahrsvorsätze ist groß. Psychotherapeutin Marianne Rappenglück verrät im Interview, wie wir unsere Ziele erreichen.

Für Marianne Rappenglück sind Menschen, die mit einem Lächeln durchs Leben gehen, die glücklichsten überhaupt. Die gebürtige Partenkirchnerin und Systemische Therapeutin muss es wissen, schließlich trägt sie das Glück schon im Namen. In ihrer Praxis für Psychotherapie in Harlaching in München hört die 63-Jährige immer wieder, was Menschen demotiviert und unglücklich macht. „Die Pandemie verunsichert, irritiert und ermüdet uns“, sagt Rappenglück. „Gerade zum Jahresbeginn fassen wir nun aber wieder gute Vorsätze und stecken uns Ziele.“ Und für die braucht es Disziplin – aber auch Humor.

Guten Morgen, Frau Rappenglück. Wie sind Sie denn heute in den Tag gestartet?

Ich war gerade mit meiner Beaglehündin Beppi spazieren. So komme ich täglich auf 15 000 Schritte. Mindestens einmal am Tag sollte übrigens jeder spazieren gehen. Rausgehen ist heilsam, selbst ein Spaziergang um den Block – oder sogar am Mittleren Ring entlang. Hauptsache man verlässt das Haus.

Haben Sie einen Vorsatz für das neue Jahr?

Natürlich (lacht). Wie wohl 95 Prozent der Frauen will auch ich heuer wieder abnehmen. Essen ist meine große Unvernunft, immerhin komme ich aus einer Gastronomen-Familie und koche auch selbst unheimlich gerne.

Wie lautet das „Geheimrezept“?

Beim Abnehmen? Nur Disziplin, leider. (lacht)

2022: Wie halte ich meine Vorsätze ein, wenn die Euphorie irgendwann abflaut?

Welche guten Vorsätze hören Sie in Ihrer Praxis zurzeit noch?

Naja, die Menschen wollen vieles einfach „weghaben“: die Pfunde, die Zigaretten oder den Alkohol. Seit Pandemiebeginn kommen aber auch viele Paare mit Kindern zu mir. Sie verlieren im Alltag schnell die Nerven und werden aggressiv – wollen in Zukunft also weniger schreien und nicht mehr so gereizt sein.

Sytemische Therapeutin Marianne Rappenglück.
Als Sytemische Therapeutin betreibt Marianne Rappenglück eine Praxis für Psychotherapie in Harlaching in München. © Janine Guldener

Wie halten wir unsere Vorsätze durch?

Reale Ziele sind wichtig. Wer vergangenes Jahr dreimal einen Halbmarathon gelaufen ist, kann sich heuer an den Marathon wagen. Das gilt natürlich nicht für jemanden, der bisher nie Sport gemacht hat. Wichtig ist also, sich bewusst zu machen: Wer bin ich? Was kann ich? Wo will ich hin? Je konkreter das Ziel, desto besser. So kommen am wenigsten Zweifel auf.

Wann straucheln wir?

Sobald wir zweifeln, denn Zweifel behindern unser Handeln. Zum Jahresbeginn schwimmen viele Menschen ganz oben auf der Euphoriewelle. Irgendwann ebbt sie ab, das ist ganz natürlich. Dann müssen wir diszipliniert das Ziel im Auge behalten und dürfen uns keinesfalls in Ausreden flüchten, uns permanent beklagen und selbst zum Opfer machen. Das führt nur dazu, dass wir am Ende doch wieder nur Brüllen oder zur Schokolade greifen und so wieder frustriert und genervt sind.

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Haben Sie für alle, die mit ihren Vorsätzen schon jetzt zu kämpfen haben, einen Tipp?

Der Mensch ist ein selbstbestimmtes und vernunftbegabtes Wesen. Jeder hat also die Kraft und die Macht zu entscheiden, was er tut. Scheitern gehört zum Leben und ist keine Katastrophe. Aber wer etwa wirklich mit dem Rauchen aufhören oder abnehmen möchte, hat es selbst in der Hand und muss proaktiv etwas ändern wollen. Für mein Scheitern kann ich dann weder das Schicksal, noch andere nebulöse Gründe verantwortlich machen.

Das klingt schon recht streng…

Konsequenz gehört nun mal zum Erfolg. Zu verbissen darf man aber auch nicht sein. Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft, die uns Ideale vorgibt. Die auf Teufel komm raus immer erfüllen zu wollen, macht uns aber nicht glücklich. Mein Tipp: authentisch bleiben. Wie will ich sein? Was kann ich? Wann bin ich eigentlich besonders glücklich? Dafür braucht es meist weder goldene Wasserhähne noch Modelmaße – sondern eher einen erholsamen Spaziergang, ein nettes Gespräch beim Einkaufen und Freunde und Familie, die einem zuhören und beistehen. Der Mensch ist schließlich ein Rudeltier.

Marianne Rappenglücks Tipp: „Schauen Sie, wo die Gaudi dahoam is“

Wenn die ganze Familie aber zwecks Homeoffice aufeinandersitzt, liegen die Nerven schnell wieder blank – wie bleibt man da konsequent locker?

Da muss man sich einfach an der Nase packen und schauen, wo die Gaudi dahoam is (lacht). Schon der Langzeit-Depressive Friedrich Nietzsche hat schließlich gesagt: „Das Lachen aber spreche ich heilig.“ Und so ist es auch. Lachen hilft fast immer. Fällt dem Buben versehentlich der Nudelteller aus der Hand, hilft es nicht, ihn wieder auszuschimpfen. Einfach kurz durchatmen, im nächsten Moment ist so etwas doch meistens total lustig.

Andere kämpfen nicht mit den Marotten des Zusammenlebens, sondern mit der Einsamkeit. Wie motivieren sie sich am besten?

Ebenfalls durch den Gang nach draußen, etwa in den Tierpark oder auf belebte Plätze, um Menschen zu beobachten. Da darf ich mich aber nicht darüber aufregen, dass jemand falsch einparkt. Sondern sollte staunen, wie es in den Bäumen raschelt oder wie das Kind, das eben hingefallen ist, wieder aufsteht und weiterläuft. So kann man positive Erinnerungen sammeln. Und sich daheim erinnern – an neue wie alte – und tagträumen. Vielleicht wird man da etwas rührselig. Aber Trauer ist besser als Aggression und nach diesem kurzen Tief fühlt man sich definitiv besser.

Also motiviert es uns, gezielt zu versuchen, das Gute zu sehen?

Genau. Wer beim Bäcker in der Schlage nett und unverfänglich mit den anderen Wartenden ratscht und eben nicht darüber schimpft, so lange anstehen zu müssen, ist danach positiv gestimmt. Smalltalk ist gesund, wie Studien uns inzwischen sogar beweisen. Ebenso alltägliche Rituale, wie Zeitunglesen am Morgen, eine Tasse Kaffee oder ein Kartenspiel. Eben da liegt sie doch wieder, die Gaudi, die uns langfristig motiviert, unsere Ziele zu erreichen – auch wenn die große Neujahrseuphorie irgendwann wieder nachlässt.

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