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Kleeblattsystem aktiviert: Covid-Patienten werden bundesweit verlegt - Klinikchef: „Wir sind am Limit“

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Von: Andreas Beez

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Die dramatische Lage auf den Intensivstationen zwingt die Mediziner zu drastischen Schritten: In vielen bayerischen Kliniken laufen die Vorbereitungen für eine Verlegung von Intensivpatienten in Krankenhäuser anderer Bundesländer. Auch OP-Säle sollen in Intensivstationen umgewandelt werden.

München - Erstmals ist der nationale Kleeblatt-Krisenplan aktiviert worden. Er sieht landesweite, notfalls aber auch bundesweite Verlegungen von Intensivpatienten vor. Allein aus München sollen nach Informationen über ein Dutzend schwerkranke Covid-Patienten in Orte mit freien Intensivbetten gebracht werden. Bayernweit geht es wohl um 50 Intensivpatienten.

Die Transporte per Flugzeug oder Sanka könnten bereits am Wochenende beginnen. Ziel dieser sogenannten strategischen Verlegungen ist es, Platz für neue Patienten auf den bereits heillos überlasteten oberbayerischen Intensivstationen zu schaffen.

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„Logische Konsequenz der seit Tagen hoch-angespannten Lage“

„Die Aktivierung des Kleeblatt-Verfahrens ist die logische Konsequenz der seit Tagen hoch-angespannten Lage in den Krankenhäusern und im Rettungsdienst“, betont ein Sprecher des BRK. Für das Rote Kreuz bedeutet die Aktivierung keine grundlegende Veränderung im Tagesgeschäft, für die Kliniken aber hoffentlich eine Entlastung und damit auch eine Entspannung im Rettungsdienst.

Oberbayerns Intensivmediziner stellen die Verlegungen aber vor eine große Herausforderung. Sie müssen anhand einer Art Checkliste geeignete Patienten auswählen, die für einen sicheren Abtransport infrage kommen. So ist es unter anderem wichtig, dass der Kreislauf eines Patienten und andere Vitalwerte seit mindestens 24 Stunden stabil sind. Patienten, die in Bauchlage beatmet oder mit hochdosiertem Sauerstoff behandelt werden, scheiden beispielsweise von vornherein aus.

Gespräche mit Angehörigen besonders heikel

Als besonders heikel gelten die zu erwartenden Gespräche mit den Familien. „Sie werden nicht gerne hören, dass ihre schwerkranken Angehörigen zum Teil hunderte Kilometer weit weg verlegt werden. Wir rechnen damit, dass diese Entscheidungen für böses Blut sorgen werden“, prophezeit ein Intensivmediziner.

Wir sind am Limit – sogar in den leistungsstarken Münchner Kliniken.

Klinikdirektor Christian Stief

Trotzdem sei die Operation Kleeblatt alternativlos, betonen die Münchner Krankenhaus-Koordinatoren Viktoria Bogner-Flatz und Dominik Hinzmann. „Wir haben keinerlei Handlungsspielraum mehr. Schon jetzt steht fest, dass wir in den nächsten Tagen und Wochen erheblich mehr schwere Covid-Fälle dazubekommen werden. Wir brauchen jetzt jedes einzelne Bett.“

Ihr oberstes Ziel sei es, eine Triage mit allen Mitteln zu vermeiden. „So weit darf es nicht kommen. Gerade in Corona-Hotspots wie München sind Mediziner und Pflegekräfte derzeit massiv auf die Solidarität ihrer Kollegen angewiesen - innerhalb und außerhalb Bayerns“, sagten Bogner-Flatz und Hinzmann.

Corona - Auch bei Triage sollte kein Patient zum Sterben verdammt sein

Der Begriff Triage stammt ursprünglich aus der Kriegsmedizin, manche Mediziner sprechen daher lieber von Priorisierung. Dabei müssen Ärzte entscheiden, welchen Patienten sie die größere Aufmerksamkeit widmen. „Triage kann aber nicht bedeuten, dass der eine Patient behandelt wird und der andere zum Sterben verdammt ist. Das ist ein Horrorszenario, das so nicht eintreffen darf und hoffentlich auch nicht eintreffen wird“, betonen Bogner-Flatz und Hinzmann.

Allerdings werden die Sorgenfalten auch bei anderen Medizinern immer tiefer. „Wir sind am Limit - sogar in den leistungsstarken Münchner Kliniken“, sagte der erfahrene Klinikdirektor und stellvertretende Chef des LMU Klinikums, Christian Stief. „Wir alle haben noch die schrecklichen Bilder aus Bergamo vor Augen. Wenn wir jetzt nicht alle Möglichkeiten ausschöpfen und die Ungeimpften endlich zur Vernunft bringen, dann kann niemand mehr dafür garantieren, dass wir solche Szenen auch bei uns erleben werden.“

Auch Operationssäle und Aufwachstationen könnten zu Intensivstationen werden

Deshalb drehen die Ärztlichen Krisenmanager im Klinikalltag an allen Stellschrauben. So laufen bereits Planungen, Operationssäle oder Aufwachstationen in kleine Intensivstationen umzuwandeln. Nachdem planbare Operationen zum Teil bereits bis April verschoben worden sind, soll OP-Personal auf Intensivstationen abkommandiert werden.

Ein weiterer Plan: Kleinere Fachkliniken sollen stärker eingebunden und möglicherweise durch Corona-erfahrene Pflegekräfte aus den großen Krankenhäusern unterstützt werden. „Wir greifen nach jedem Strohhalm, um irgendwo Betten zu besorgen“, sagen Bogner-Flatz und Hinzmann. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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