Beratungsstellen schlagen Alarm

Corona verstärkt Suchterkrankungen und sorgt für Rückfälle - „Ich trinke jeden Abend - ist das noch normal?“

Ein Jugendlicher spielt am Smartphone.
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Viele Kinder und Jugendliche verbringen in der Pandemie deutlich mehr Zeit am Smartphone. In einigen Fällen entwickelt sich eine Medien- oder Spielsucht, die die Betroffenen nur mit Hilfe in den Griff bekommen.

Die Monate des Lockdown haben den Bayern zugesetzt. Nicht jeder bewältigt Einsamkeit und Isolation ohne Probleme: Ärzte und Suchtberater gehen davon aus, dass viele vermehrt zu Alkohol und Drogen greifen – oder ihr Glück im Onlinecasino suchen.

Starnberg/Haar – Seit Beginn der Pandemie hören die Suchtberater von Condrobs in Starnberg eine Frage häufiger. „Ich trinke jeden Abend Alkohol. Ist das noch normal oder bin ich schon gefährdet?“ Corona macht die Aufgaben von Bayerns Suchtberatungsstellen nicht einfacher: Große Gruppensitzungen dürfen nicht stattfinden, und durch den Rückzug in die eigenen vier Wände hat sich auch das Suchtverhalten nach innen verlagert.

Belege für einen Anstieg von Suchtmittelmissbrauch gibt es laut einer Sprecherin des Bezirks Oberbayern nicht. „Aber wir nehmen wahr, dass trotz des oft eingeschränkten Angebots 2020 mehr Klienten beraten wurden“, sagt sie auf Nachfrage. Zahlen, die diese Vermutung belegen sollen, soll es spätestens im Mai geben. „Der Informationsbedarf ist auf jeden Fall immens, das zeigen auch die Zugriffe über das Internet.“

Condrobs versucht an der Beratung von Angesicht zu Angesicht festzuhalten, zur Not auch beim Spaziergang an der frischen Luft. Ein Hygienekonzept macht zumindest Treffen von bis zu fünf Betroffenen möglich. „Mit Maske, Abstand und viel Lüften“, betont Veronika Mentzel, die die Starnberger Beratungsstelle leitet.

Rund 100 Anfragen bekommen sie und ihre Kollegen pro Woche. In den Monaten des Lockdown habe sich die Art der Anfragen gewandelt. „Bei uns melden sich verstärkt Angehörige. Eltern, die bemerkt haben, dass das Kind Alkohol oder Drogen konsumiert“, sagt Mentzel. „Aber auch ganz normale Mittelständler, die nicht sicher sind, ob sie zu viel trinken.“

Einen Anstieg von Anfragen für stationäre oder ambulante Behandlung gibt es am Isar-Amper-Klinikum in Haar (Kreis München) zwar nicht. „Dass das etwas über die Zahl der Abhängigen aussagt, wage ich aber zu bezweifeln“, sagt Prof. Dr. Ulrich Zimmermann, Chefarzt der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie. Er behandelt Menschen mit stoffgebundenen Süchten: Alkoholkranke, aber auch Patienten, die von Cannabis oder Opiaten abhängig sind. Die Hemmschwelle, sich behandeln zu lassen, sei durch die Pandemie gestiegen. „Viele Leute kommen wegen Corona nicht mehr ins Krankenhaus“, erklärt Zimmermann. Am Isar-Amper-Klinikum gibt es neben der stationären Behandlung in der Suchtklinik zwei Tageskliniken und vier Ambulanzen, die Betroffene behandeln.

Eines hat die Pandemie dabei spürbar verändert: „Es gibt immer wieder Rückfälle, die auf den Lockdown zurückzuführen sind“, sagt er. „Wir hören häufig, dass Betroffene im Homeoffice isoliert sind. Auch eine geregelte Tagesstruktur und die soziale Kontrolle fehlen.“ Hinzu kämen persönliche Sorgen und Existenzängste – viele Suchtkranke leiden auch an anderen psychischen Erkrankungen.

Neben der Suchtklinik hat das Isar-Amper-Klinikum auch eine Medienambulanz, in der Spiel- und Mediensucht behandelt werden. Deren ärztliche Leiterin Dr. Susanne Pechler beobachtet keinen Anstieg, sondern eine Verlagerung ins Internet. „Viele, die bisher in die Spielothek gegangen sind, sind auf Onlineglücksspiel umgestiegen“, sagt sie. Außerdem hat sie „sehr viele junge Patienten, die süchtig nach Spielen sind. Bei den Älteren gibt es dagegen oft eine Sucht nach Internet-Pornografie.“ Spielsucht tritt in allen Altersgruppen und Bevölkerungsschichten auf. Behandelt wird sie in Haar vorwiegend ambulant, es gibt aber auch die Möglichkeit einer tagesklinischen Behandlung.

Damit es gar nicht so weit kommt, setzen die Suchtberater auf Aufklärung. Die ist aktuell schwer umsetzbar, auch bei Condrobs in Starnberg. „Wir können kaum Präventionsarbeit leisten“, bedauert Veronika Mentzel. Normalerweise gehen sie in die Schulen. Jetzt versuchen sie, zumindest den Kontakt zu den Lehrern zu halten.

Mentzel ist sich sicher, dass die Zahl der Suchterkrankten nach der Pandemie gestiegen sein wird. „Solange die Leute für sich sind, haben sie kein Problem mit ihrem Konsum“, sagt sie. „Wenn sie zurück in den Alltag müssen, werden die neuen Angewohnheiten auch für andere sichtbar.“

Hilfe

finden Betroffene und
Angehörige hier: Suchthotline (6 bis 0 Uhr), Telefon 089 / 28 28 22
www.suchthotline.info
www.condrobs.de

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