LGL, RKI und die Gesundheitsämter

Corona-Zahlen mit Verzug: Warum die Inzidenzwerte häufig abweichen

Soldaten helfen im Münchner Gesundheitsamt bei der Kontaktnachverfolgung.
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Helfer in Uniform: In immer mehr Gesundheitsämtern helfen Soldaten, um bei der Kontaktnachverfolgung noch hinterherzukommen.

Der Inzidenzwert ist die wichtigste Kennzahl in der Frage, wie stark die Kommunen zur Pandemie-Bekämpfung in die Freiheit ihrer Bürger eingreifen. Doch die Zahlen der Landratsämter, des Landesamts für Gesundheit und des Robert-Koch-Instituts weichen regelmäßig voneinander ab. Wie kann das sein?

  • RKI, LGL und die Gesundheitsämter melden täglich unterschiedliche Inzidenzzahlen.
  • Für diese Abweichungen gibt es mehrere Gründe - vom Veröffentlichungszeitpunkt bis zur Berechnungsmethode.
  • Das Landesamt für Gesundheit reagiert und will künftig seine Zahlen früher veröffentlichen.

München – Seit vergangenem Dienstag sind im Landkreis Berchtesgaden Restaurants, Hotels und Schulen dicht. Bei einer Sieben-Tages-Inzidenz von 272 zog der Landrat die Notbremse. Seitdem verfolgen die Bürger in dem Alpenlandkreis mit bangem Blick die täglichen Zahlen. Entspannt sich die Lage, oder spitzt sie sich weiter zu? Einen Überblick sollten dabei eigentlich die täglichen Statistiken des Robert-Koch-Instituts (RKI) und des bayerischen Landesamts für Gesundheit (LGL) geben. Doch dort weichen die Zahlen teilweise deutlich von den Berechnungen des Landratsamtes ab. Extrembeispiel aus dieser Woche: Während das Landratsamt Berchtesgadener Land am Dienstagabend eine steigende Inzidenz von 295,5 meldete, lag der Wert beim LGL bei 219. Beim RKI lag der Wert am Mittwochmorgen sogar nur bei 169,9 – ehe er am Vormittag dann wieder auf 270 aktualisiert wurde. Eine Diskrepanz von über 100, wie kann das sein? Das Landratsamt spricht von „technischen Problemen“.

Es ist nicht der einzige Fall dieser Art aus den vergangenen Wochen. Der Landkreis Erding hing tagelang zwischen dem Grenzwert der roten und grünen Corona-Ampel: Laut Zahlen des örtlichen Landratsamts längst in die nächste Ampelstufe gefallen, ließ die Aktualisierung beim LGL auf sich warten. Auch im Landkreis Weilheim-Schongau wurde nach einem Übermittlungsfehler beim LGL eine sinkende Inzidenz vermeldet, obwohl zahlreiche Neuinfektionen gemeldet wurden.

Eine Ursache für den Datensalat bei der Corona-Inzidenz: Der Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Die Daten-Diskrepanz hat verschiedene Ursachen. Die Landratsämter sind verpflichtet, Corona-Fälle an das LGL zu melden. Das geschieht elektronisch über die Software „Surfnet“. Das LGL veröffentlicht den Stand von 8 Uhr morgens gegen 14 Uhr. Aber: Bereits am Abend zuvor gehen zu diesem Zeitpunkt aktuelle Zahlen vom LGL an das RKI, das wiederum den Stand von 0 Uhr veröffentlicht. Alle Fälle, die beim LGL eintreffen, nachdem an das RKI gemeldet wurde, tauchen nur in der LGL-Übersicht auf – aber nicht in der vom RKI. „Wir sind damit immer etwas aktueller als das RKI“, sagt LGL-Leiter Walter Jonas.

Maßgeblich für die LGL-Statistik ist der Zeitpunkt, an dem der positive Laborbefund beim Gesundheitsamt aufschlägt. Mitunter wird ein Fall dort aber nicht am selben Tag an das LGL weitergegeben – zum Beispiel weil die Gesundheitsämter zuerst die Kontakte der Infizierten nachverfolgen. So ein Fall kann beim Landratsamt also in einer späteren Tageszusammenfassung landen, wird beim LGL dann aber dem tatsächlichen Meldetag zugeordnet – so verschiebt sich auch die Inzidenz. „Plausibilitätsprüfung“ nennt das LGL diesen Vorgang, bei dem die Angabe der Gesundheitsämter kontrolliert und die Inzidenz berechnet wird. „Da kann ein einziger Fall entscheiden, ob ein Landkreis die Schwelle reißt“, sagt Jonas.

Für unterschiedliche Inzidenzen kann zudem die für die Berechnung genutzte Bevölkerungszahl sorgen. LGL und RKI verwenden die amtliche Statistik mit Stand vom 31. Dezember 2019. Greift ein Landkreis auf aktuellere Bevölkerungszahlen zurück oder rundet den Wert, ändert sich die Inzidenz. Und dann kommen noch die technischen Schwierigkeiten hinzu. „Nicht immer haben wir die Ursache identifizieren können, weil weder den Gesundheitsämtern noch uns eine Fehlermeldung angezeigt wurde“, sagt Jonas. Somit fielen fehlende Meldungen teilweise erst am Tag darauf auf.

Das Landesamt für Gesundheit will schneller werden

Jonas betont, dass seine Mitarbeiter und die Gesundheitsämter an der Belastungsgrenze arbeiten. Verbesserungspotenzial sieht er aber beim Zeitpunkt der vom LGL veröffentlichten Zahlen. „Wir prüfen derzeit, ob wir die Zahlen von Stand 8 Uhr künftig schon deutlich früher als um 14 Uhr veröffentlichen können. Weil wir sehen, dass es Fragen aufwirft, wenn wir nahezu gleichzeitig mit den Landratsämtern unterschiedliche Zahlen veröffentlichen.“ Eine Erfassung der Daten in Echtzeit sei mit der aktuellen Software allerdings nicht möglich.

Wann gilt nun also die bayerische Corona-Ampel, wenn nicht gerade ein landesweiter Lockdown verkündet wird? Automatisch gelten die schärferen Regeln, sobald der Landkreis auf der jeweiligen Liste (gelb, rot, dunkelrot) auf der Internetseite des bayerischen Gesundheitsministeriums geführt wird. Diese Eingruppierung geschieht auf Basis der Inzidenzzahl beim LGL. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums betont aber, jeder Landkreis könne auch selbst eigene Maßnahmen erlassen, wenn nach den eigenen Berechnungen eine höhere Schwelle schon gerissen ist.

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