„Die können das gar nicht erkennen“

Coronavirus in Bayern: 10.000 mangelhafte Masken an Ärzte ausgeliefert - Spahn-Ministerium verweist auf Zeitdruck

In der Corona-Krise kamen in Bayern offenbar mangelhafte Schutzmasken in Umlauf - es soll um 10.000 Exemplare gehen.

  • In Bayern sind offenbar zahlreiche Ärzte mit mangelhaften Schutzmasken beliefert worden. 
  • Deutschlandweit lieferte das Bundesgesundheitsministerium mutmaßlich mindestens 800.000 unsichere Schutzmasken aus.
  • Selbst erfahrene Ärzte tun sich schwer, fehlerhafte Masken zu erkennen.

München - In keinem anderen Bereich des Alltags sind Schutzmasken in Corona-Zeiten* so unverzichtbar wie in Medizin und Pflege. Umso beunruhigender sind die Ergebnisse, die Recherchen des Bayerischen Rundfunks zutage förderten. Bundesweit sind demnach im Frühjahr etliche fehlerhafte Masken* an niedergelassene Ärzte ausgegeben worden. Mindestens 800.000 wiesen Mängel auf. Der Sender stützt sich bei diesen Zahlen auf Angaben der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) im gesamten Bundesgebiet. Sie hatten die Ware vom Bundesgesundheitsministerium erhalten und weiterverteilt.

Im Freistaat liegt die Zahl der bestandeten Exemplare vergleichsweise niedrig. „Wir haben rund 10.000 dieser Masken an Praxen ausgeliefert“, sagte Axel Heise, stellvertretender Sprecher der Kassenverärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB), der tz. Der KVB war versichert worden, dass die Masken von Bund und Land stichprobenartig überprüft worden seien. Zusätzlich führte sie vor jeder Auslieferung einen Check im europäischen Warnsystem RAPEX durch Die Warnung vor den fehlerhaften Masken traf jedoch zu spät ein. Die KVB platzierte daraufhin sofort einen Hinweis auf ihrer Internetseite und bot einen Umtausch an. Sie geht von einem Anteil an minderwertigen Masken aus, der bei rund 0,2 Prozent liegt.

Masken-Gau in Corona-Zeiten: Kommunikation mit Spahn-Ministerium offenbar kompliziert

Selbst Zertifikate erwiesen sich nicht zwangsläufig als Qualitätssiegel. Bei einigen untersuchten Dokumenten handelte es sich um Fälschungen, andere waren von Firmen ausgestellt, die gar nicht hätten zertifizieren dürfen. Auch die KVB, sagt Heise, habe die Erfahrung gemacht, „dass im Bereich der CE-Kennzeichnungen fragwürdige Produkte angeboten wurden“. Deshalb habe man sich bei selbst organisierten Maskenlieferungen „plausible Testprotokolle“ vorlegen lassen und mit etablierten Händlern zusammengearbeitet.

In Berlin wird auf den Zeitdruck verwiesen, der vor allem in den ersten Corona-Monaten* herrschte. Die fehlerhaften Lieferungen seien zurückgerufen worden.

Coronavirus in Bayern: An Arztpraxen wurden wohl mangelhafte Schutzmasken geliefert (Symbolbild)

Auf Anfrage gaben mehrere KVs an, vom Bundesgesundheitsministerium nicht ausreichend über die verteilten Masken und ihre Schwächen informiert worden zu sein. Die Kommunikation mit Berlin scheint in den turbulenten Wochen rund um den Lockdown kompliziert gewesen zu sein. In Rheinland-Pfalz etwa erfuhr man angeblich zum Teil nur aus Presseberichten von den mangelhaften Produkten.

Auch in Bayern ließ der Informationsfluss offenbar zu wünschen übrig. Hier waren es Mitglieder, die die KVB auf das Problem aufmerksam machten. Heise geht davon aus, dass „nach dieser Warnmeldung, wenn überhaupt, nur sehr wenige Masken zum Einsatz kamen“. (mbe)

Coronavirus-Masken:  “Die großen Produzenten kommen immer aus China“

Selbst erfahrene Ärzte tun sich schwer, fehlerhaftes Material auf Anhieb zu identifizieren. „Die können das gar nicht erkennen“, sagt der Pneumologe und Intensivmediziner Dominic Dellweg. Meist bleibe es bei einer Sichtkontrolle: „Man schaut, ob die Passform stimmt, ob Luft durchdringt, ob das Material porös ist.“ Auch Zertifikate schützen nur bedingt vor Qualitätsmängeln. Sie wirklich zu überprüfen, diese Zeit kann sich erfahrungsgemäß kaum ein Arzt nehmen. 

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) veröffentlicht in ihrer Datenbank alle bekannt gewordenen Rückrufe, Warnungen, Untersagungsverfügungen und sonstigen Informationen zu gefährlichen Waren. Aktuell finden sich unter dem Stichwort „Schutzmasken“ insgesamt 62 Produkte mit Foto und Herstellername. „Die großen Produzenten kommen immer aus China“, sagt Dellweg. Die Debatte darüber, ob und in welchem Umfang Deutschland die Produktion sensibler Medizingüter wieder ins eigene Land verlagern sollte, gewinnt vor dem Hintergrund eklatanter Qualitätsmängel noch stärker an Bedeutung.

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Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa / Marijan Murat

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