Polizei soll Einhaltung überwachen

Neue Hotspot-Regel greift, doch Ausnahmen für bayerische Landkreise könnten reichlich Verwirrung stiften

Lockdown in Berchtesgaden: Gastronom räumt Stühle weg, ein Schild weist auf die Maskenpflicht in der Innenstadt hin
+
Lockdown in Berchtesgaden: Ein Gastronom räumt Stühle weg (Archivfoto).

Die 7-Tage-Inzidenz hat in vielen Kreisen und Städten Bayerns den Wert von 200 überschritten. Bedeutet: Hier gilt nun der 15-Kilometer-Bewegungsradius. Mancher Landkreis arbeitet schon an Ausnahmeregeln.

  • Bayern und ganz Deutschland haben weiterhin mit der Corona*-Pandemie zu kämpfen.
  • Seit 11. Januar gelten verschärfte Maßnahmen. Der Kreis Miesbach und 27 andere Kreise und Städte liegen über der 200er-Marke.
  • Die Kreise arbeiten bereits an Ausnahmeregelegungen - und die dürften so manchen verwirren.
  • Hier finden Sie in einer Karte* die aktuellen Fallzahlen im Freistaat.

Miesbach/Berchtesgaden – Es war keine freudige Überraschung für die Corona-Verantwortlichen im Landratsamt Miesbach: Noch am Donnerstag hatte die 7-Tage-Inzidenz bei 145 gelegen. Am Montag meldete das Robert-Koch-Institut plötzlich 221 – mehr als die Hälfte mehr. Damit ist der Landkreis von der seit Montag geltenden Regelverschärfung betroffen. Die Bewohner dürfen sich nur noch 15 Kilometer von ihrem Wohnort wegbewegen – bis der kritische Wert von 200 wieder dauerhaft unterschritten wird.

Und: Es soll auch niemand mehr kommen. Das Landratsamt arbeitet an einer Allgemeinverfügung, um die Tagesausflügler auszusperren. Am Mittwoch soll die Verfügung stehen. Miesbachs Landrat Olaf von Löwis sagte am Montag: „Wir wollen niemanden aussperren, wirklich nicht. Aber im Moment ist es angesichts der extrem angespannten Corona-Situation in unserem Landkreis wirklich kein Spaß.“ Das „seit Monaten über der Belastungsgrenze“ arbeitende Krankenhauspersonal müsse vor zusätzlichen Notfällen durch Rodeln oder Skifahren geschützt werden.

Corona Bayern: Nicht alle finden Radius-Regel sinnvoll

Keiner mehr raus und keiner mehr rein also. Am beliebten Spitzingsee im Süden des Landkreises wird es ruhiger werden. Montagmittag kurven noch viele Schlittschuhläufer über den See, und auf den Parkplätzen finden sich viele auswärtige Kennzeichen. Der 20-jährige Simon Hettich ist mit seiner Freundin Nina (19) und seinem Vater aus Fürstenfeldbruck gekommen. Zum Eishockeyspielen. „Das erste Mal in diesem Jahr“, sagt er.

„Das hatten wir schon lange vor.“ Simon findet nicht, dass der Bergsee überlaufen ist, zumindest heute nicht. Und: „Hier halten alle Abstand, jeder bleibt in seinem Bereich.“ „Es ist kein Vergleich zu den vorherigen Wochenenden“, bestätigt der Parkplatzleiter, während er die Autos einweist. „Heute ist hier alles wieder piano.“ Wenn das so bleiben würde, könnten die Ausflügler gerne weiterhin kommen. „So viel Trubel wie in den vergangenen Tagen brauchen wir aber nicht.“

Bürgerin aus Hausham: Corona-Allgemeinverfügung gegen Tagesausflügler findet sie richtig

Das hört man vielerorts im Landkreis. Die 69-jährige Margit Baumann wohnt in Hausham nahe Miesbach. Die Allgemeinverfügung gegen Tagesausflügler findet sie richtig. „Das ist gerade einfach zu viel“, sagt sie. Auch in der Kreisstadt Miesbach gibt es Zustimmung. „Eine sehr gute Entscheidung“, sagt Martin Greifenstein, der Schulleiter des Berufsschulzentrums. Allerdings: Von der 15-Kilometer-Regel hält er nicht viel. „Das ist eine Einschränkung der Grundrechte. Das geht alles langsam zu weit!“ Margit Baumann sieht das anders. Sie findet die neue Bewegungsbeschränkung sinnvoll. „Wir wollen gar nicht weg.“

Auch der Landkreis Berchtesgadener Land arbeitet an einer Allgemeinverfügung. Den Wert von 200 hat man hier schon lange gerissen. Der Landkreis befindet sich sozusagen im Dauer-Lockdown, so lange wie kein anderer Landkreis in Bayern. „Mir fehlen die sozialen Kontakte schon sehr“, sagt Andrea Pernpeintner. Vor zwei Jahren ist sie aus München nach Berchtesgaden gezogen.

Corona-Lockdown: „Ich fühle mich nicht mehr so frei und unbeschwert“

Der Lockdown, sagt die 36-Jährige, habe etwas mit ihr gemacht. „Ich fühle mich nicht mehr so frei und unbeschwert.“ Seit Monaten ist Andrea Pernpeintner im Homeoffice. Zu ihrem Geburtstag wollte eigentlich ihre Mutter zu Besuch kommen – geht nun aber nicht. Die Tochter darf nicht mehr aus dem Landkreis raus, die Mutter nicht in den Landkreis rein. Sonderlich sinnvoll sei das alles nicht, findet Andrea Pernpeintner.

Auch Christian Moderegger aus Berchtesgaden kann die 15-Kilometer-Regel nicht nachvollziehen. „Das ist totaler Schwachsinn“, schimpft er. Ohnehin dürfe man kaum noch etwas unternehmen – und nun werde auch noch der Bewegungsradius eingeschränkt. Dass die Zahlen im Landkreis immer noch so hoch sind, kann er nicht begreifen. „Wir sind am längsten im Lockdown – haben aber die höchste Inzidenz. Anscheinend läuft da gehörig was falsch“, sagt er. Die Busse leer, der Markt ausgestorben, die lokale Wirtschaft am Wanken. „Ist das nicht einfach zu viel?“

Susanne Wörndl sieht das gelassener. Die 58-Jährige bedient normalerweise in einem Kaffeehaus in Bad Reichenhall. Jetzt hat sie viel Zeit. Sie sagt: „Ich bin gerne zu Hause, wir haben es hier wunderschön.“ In den vergangenen Wochen sei hier noch sehr viel los gewesen mit Tagesausflüglern.

28 Städte und Kreise in Bayern hat die 15-Kilometer-Beschränkung schon erwischt

Miesbach und das Berchtesgadener Land sind nicht allein mit der Misere. 26 weitere Städte und Kreise in Bayern hat die 15-Kilometer-Beschränkung schon erwischt: die Kreise Passau, Wunsiedel, Kulmbach, Coburg, Kronach, Rottal-Inn, Bayreuth, Roth, Deggendorf, Donau-Ries, Tirschenreuth, Lichtenfels, Cham, Weißenburg-Gunzenhausen, Haßberge, Regen, Freyung-Grafenau, Dingolfing-Landau sowie die Städte Coburg, Passau, Landshut, Hof, Fürth, Weiden, Rosenheim und Ingolstadt.

Andere könnten bald folgen. Denn einige Inzidenzen sind mehr als kritisch. Zum Beispiel in den Landkreisen Straubing-Bogen (199,8) Unterallgäu (197,5), Hof (192,0) und Aschaffenburg (191,2).

Wie schnell es gehen kann, zeigt auch das Beispiel Rosenheim. Am Freitag wähnte man sich bei der Stadt mit einer 7-Tage-Inzidenz von 160 noch halbwegs sicher, am Montag die Ernüchterung: 207,7. Die Stadt sei auch ein wenig ein „Opfer der geringen Einwohnerzahl“, weil die 63.500 Rosenheimer auf 100.000 hochgerechnet würden, sagt Michael Fischer, Sprecher im Landratsamt. Von einem „Cluster“, also einer Ballung an Neuinfektionen, sei nichts bekannt. Fischer rechnet dennoch mit einem leichten Anstieg der Zahlen.

Coronavirus Bayern: Landkreise planen bereits Ausnahmen

Kontrollieren soll die Mobilitätsbeschränkung die Polizei. Und das könnte kompliziert werden – denn die Landkreisgrenzen drohen löchrig zu werden. Die Kreise Deggendorf, Freyung-Grafenau, Regen und Passau beispielsweise wollen sich abstimmen, dass Bürger, die an einer Landkreisgrenze wohnen und deren 15-Kilometer-Radius in den Nachbarlandkreis hineinreicht, auch in diesen fahren dürfen.

Auch der Landkreis Cham arbeitet laut einem Sprecher an einem solchen Passus in der Allgemeinverfügung. So sollen Menschen aus den Landkreisen Regensburg oder Schwandorf, die an der Grenze zum Landkreis Cham leben, auch in diesen fahren dürfen. Keiner mehr raus, keiner mehr rein wäre damit obsolet. Und die Polizei wird Beamte mit viel Ortskenntnis brauchen. VON LAURA FORSTER, KILIAN PFEIFFER, SYLVIA HAMPEL, CHRISTIAN MASENGARB UND WOLFGANG HAUSKRECHT - *Merkur.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare