„Pooling-Prinzip“

Vor der Arbeit wird gegurgelt: Unternehmer aus Erlangen lässt seine Mitarbeiter zum Corona-Gruppentest antreten

In der Erlanger Firma Intego müssen die Mitarbeiter vor der Arbeit gurgeln.
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In der Erlanger Firma Intego müssen die Mitarbeiter vor der Arbeit gurgeln.

Ein günstiger Corona-Test für die ganze Firma, und zwar regelmäßig - gar nicht so einfach zu lösen, dieses Problem. Ein Unternehmer aus Erlangen nutzt das „Pooling-Prinzip“.

  • Um das Corona*-Infektionsrisiko für seine Mitarbeiter kleinzuhalten, praktiziert ein Unternehmen einen Gruppentest.
  • Die Firma in Erlangen, unweit von Nürnberg*, lässt die Angestellten zwei mal wöchentlich gurgeln.
  • Der Gruppen-Test ist kostengünstiger. Man spricht vom „Pooling-Prinzip.“

Erlangen – Wo Arbeiten von Zuhause unmöglich ist, ist Kreativität gefragt. „Geräte bauen kann man nicht im Home-Office“, sagt Thomas Wagner, Geschäftsführer der Intego GmbH aus Erlangen, die optische Prüf- und Messanlagen für Fertigungsbranchen produziert. Um das Infektionsrisiko für seine 60 Mitarbeiter so gering wie möglich zu halten, praktiziert das Unternehmen deshalb seit Mitte Januar einen praktischen, kostengünstigen Gruppen-Test. Man spricht auch vom „Pooling-Prinzip“.

Zweimal wöchentlich gurgeln die Angestellten für 30 Sekunden mit Leitungswasser. Der Speichel wird in zwei unterschiedliche Röhrchen abgefüllt, die an Bierbänken vor dem Firmeneingang abgegeben werden. Bis zu 30 Proben können so mit einem einzigen PCR-Test im biochemischen Labor der Universität Erlangen gemeinsam ausgewertet werden. Ein negatives Ergebnis bedeutet: Alle 30 Mitarbeiter sind gesund. Fällt der Test positiv aus, werden die zweiten Röhrchen eingesammelt und einzeln untersucht. So weit kam es bis jetzt aber noch nicht.

Erlangen: Unternehmer will weitere Betriebe ins Boot holen

Mediziner gehen bei dem Rachenspülverfahren von einer ähnlichen Zuverlässigkeit wie bei einem Rachenabstrich aus. Wagner jedenfalls ist überzeugt und möchte weitere Betriebe mit ins Boot holen. „Wir wollen die Testsituation verbessern“, sagt der 54-Jährige an. Über 100 Firmen hätten sich Intego bereits angeschlossen. Das Uni-Labor verlangt für das wöchentlich zweimalige Testen eines 30-Personen-Pools monatlich 100 Euro, um eigene Ausgaben zu decken. „In einer Pandemie geht es nicht darum, ein Geschäftsmodell zu entwickeln“, sagt Wagner. Deshalb biete sein Unternehmen auch an, Familienangehörige der Mitarbeiter zu testen.

Wissenschaftler fordern schon länger eine erhöhte Testfrequenz und einfacheren Zugang. Es müsste viel regelmäßiger in der Bevölkerung getestet werden, auch in Hinblick auf Verläufe ohne Symptome und zum Erkennen von Mutationen, erklärt Epidemiologe Tobias Kurth, Direktor des Public-Health-Instituts der Charité. Dann könne man frühzeitig reagieren.

In Österreich sind Corona-Selbsttests schon seit Sommer erhältlich

Die bei Intego praktizierte Lösung ist nur eine Option, wie niedrigschwelliges Testen in Zukunft aussehen könnte. Aktuell findet vor allem der PCR-Test aus Rachen- und Nasenabstrich Anwendung. Weil der aber nur von medizinischem Personal durchgeführt werden darf, kommt es zu Wartezeiten – erst bei der Probeentnahme, dann bei der Auswertung.

Trotzdem könnte das Stäbchen in der Nase auch künftig eine wichtige Rolle spielen. Als Antigentest liefert es innerhalb von 20 Minuten ein Ergebnis. Nach langem Hin und Her traut die Regierung dem Verbraucher inzwischen auch zu, das Schnellverfahren selbst durchzuführen. Das Problem: Der Selbsttest ist zwar erlaubt, offiziell zugelassen ist aber noch keiner. Die österreichischen Nachbarn sind in dieser Hinsicht schon weiter. Dort sind Corona*-Selbsttests schon seit Sommer erhältlich. JULIAN NETT - *Merkur.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

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