„Keine bayerische Insel der Seligen“

Das Rätsel um die Corona-Infizierten: Bayern erneut Spitzenreiter bei den Erkrankten

Markus Söder kommt nach einer Sitzung des bayerischen Kabinetts zu einer Pressekonferenz und trägt Mund-Nasen-Schutz
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Markus Söder kommt nach einer Sitzung des bayerischen Kabinetts zu einer Pressekonferenz und trägt Mund-Nasen-Schutz.

Ischgl und Starkbier sind längst vorbei. Dennoch ist der Freistaat Bayern wieder Infektions-Spitzenreiter bei der Zahl der Corona-Infektionszahlen. Dabei möchte man Vorbild sein.

  • Bayern gilt in Deutschland als Vorreiter in Sachen Bekämpfung der Corona-Pandemie.
  • Allerdings versetzt die aktuelle Entwicklung bei den Infektionszahlen* dem Freistaat einen Rückschlag.
  • Wie kann es sein, dass es hier mehr neue Corona-Fälle gibt, als im Rest der Republik?
  • Alle Nachrichten zum Coronavirus in Bayern lesen Sie in unserem News-Ticker für den Freistaat. Außerdem bieten wir Ihnen in einer Karte die aktuellen Fallzahlen in Bayern.*

München – Es ist mitten in einer bandwurmartigen Journalistenfrage nach den Corona-Tests*, als Markus Söder* der Geduldsfaden reißt. „Dann wär’s ja gut, wir testen gar nicht, weil dann haben wir gar keinen Positiven“, raunt er, „oder?“ Der Einwurf des hörbar genervten Ministerpräsidenten bei einer Pressekonferenz diese Woche ist ironisch gemeint. Die Sache hat aber einen wahren Kern.

Corona-Infektionszahlen Deutschland: Bayern wie schon im März wieder auf Platz eins

Bayern steht aktuell, wie schon bei der Corona-Explosion im März*, auf Platz eins der Infektionszahlen. Keine schöne Statistik für die Regierung, die für Bayern einen sehr strengen Kurs gegen die Pandemie eingeschlagen hat. Immer wieder taucht der Vorwurf auf, wer solche Zahlen habe, solle sich nicht zum Vorbild erklären. Zum Teil hängt das aber tatsächlich mit Testzahlen zusammen.

Zu den Fakten: Nach den neuesten Daten des Robert-Koch-Instituts zählt Bayern in den letzten sieben Tagen mehr neue Corona-Fälle (2114) als alle anderen Länder. NRW hat 1543, Baden-Württemberg 1530, Sachsen-Anhalt 31. Auch in der Relation zur Bevölkerung führt Bayern. Gerechnet auf 100 000 Einwohner sind es 16,2 (Baden-Württemberg: 13,8; NRW: 8,6).

Verheerende Corona-Hotspots für Bayern: Ischgl und die Starkbierfeste - Was ist nun schuld?

Am Anfang der Corona-Pandemie standen in Bayern zwei Erklärmuster. Zunächst die Nähe zu verheerenden Hotspots wie Ischgl, aus denen Tirol infizierte Skitouristen in die Welt schickte. Kurioserweise erklärt Ischgl auch hohe Zahlen im März in Hamburg: Auch aus der vergleichsweise reichen Hansestadt kamen, in diesem Fall meist per Flugzeug, viele Skiurlauber. Zu Beginn sei Corona ein „Elitenphänomen“ gewesen, schrieb neulich die FAZ. Zweite, in Bayern weniger gern gehörte Erklärung: die Starkbierfeste. Rückblickend irrte Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger bei einem seiner Auftritte, als er sagte, Starkbier mache immun gegen Corona – jedes Fest war ein folgenschwerer Infektionsherd.

Die Bier- und Après-Ski-Infektionsketten sind durchbrochen. Bayerns wieder so hohe Werte haben neue Gründe. Jetzt, am Ende des Sommers, treiben wieder Reisende die Zahlen nach oben: zum einen Familienheimkehrer vom Balkan; in Bayern leben, gut integriert, überdurchschnittlich viele Kroaten. Zum anderen die Urlauber. Faustformel: Aus wohlhabendere Regionen reisen mehr Menschen in die Ferien. Zwei Drittel der neuen Corona-Fällen* gehen auf Reisende zurück. NRW und Hessen haben das schon hinter sich. Bayern und Baden-Württemberg nicht, hier endeten die Schulferien eben erst.

Und dann kommen tatsächlich die vielen kostenlosen Tests für symptomlose Patienten ins Spiel – ihre Infektionen wären anders nie entdeckt worden. Bayern hat seit Sommer mit Reihentestungen an Erntehelfern, Asylbewerbern und nun anlaufend Lehrern die Labore viel stärker ausgelastet, hinzu kamen die Rückreise-Tests an den Autobahnen und Bahnhöfen (wo es auch Lücken gibt).

Corona: Bayern hat die höchsten Infektionszahlen - Die Erklärung liegt auf der Hand

Aktuell werden bundesweit pro Woche rund 1,05 Millionen Menschen getestet. Bayern hat vergangene Woche nach eigenen Angaben gut 320.000 Menschen testen lassen, also knapp ein Drittel davon. Diese Zahl steigt seit Mitte Juli stark an. Andere Länder legen keine genauen Zahlen vor, eine RKI-Stichprobe legt nahe, dass nur NRW ähnlich viel testet, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Berlin und Hessen viel weniger. Die Bayern, 16 Prozent der Deutschen, senden also über 30 Prozent der Tests ein.

Bayerns Zahlen lassen sich so erklären. Von der Opposition kommt dennoch scharfe Kritik. Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann wirft Söder „eine brandgefährliche Kommunikationspolitik“ vor: „Die Botschaft vom sicheren Bayern und dem gefährlichen Nicht-Bayern war falsch und ist folgenschwer. Überfüllte Strände sind am Chiemsee genauso gefährlich wie an der Adria.“ Es gebe keine „bayerische Insel der Seligen“. *Merkur.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

Update vom 11. September, 10.15 Uhr: Am 12. September soll in München eine Querdenken-Demo gegen die Corona-Politik stattfinden. Es wurde bereits ein hartes Durchgreifen der Polizei angekündigt.

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